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„Millenium“-Trilogie: Das Böse ist immer und überall

Daniel Craig als Mikael Blomkvist und Rooney Mara als Lisbeth Salander in einer Szene des Kinofilms "Verblendung".

Daniel Craig als Mikael Blomkvist und Rooney Mara als Lisbeth Salander in einer Szene des Kinofilms "Verblendung".

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dpa

Was für ein Sound! Er röhrt aus der Tiefe, brummt aus unsichtbaren Windungen, besetzt jeden Winkel, jede Pore – wann kündigte sich zuletzt im Kino ein Abgrund so an? Noch winden sich metallisch glänzende Cyber-Formen zu einer Coverversion von Led Zeppelins Wikinger-Hymne „Immigrant Song“ über den Vorspann zu David Finchers neuem Film, und doch weiß der Zuschauer schon: Das hier wird ganz groß gefahren. Dies hier ist wirklich etwas, nicht nur ein Versprechen. Dass Finchers Kinoadaption von „Verblendung“, dem ersten Teil von Stieg Larssons „Millenium“-Trilogie, um einiges satter ausfallen würde als die schwedische Erstverfilmung, war wohl klar, seit die ersten Informationen dazu im Internet kursierten.

Mit geradezu pathologischem Instinkt inszeniert der US-Amerikaner David Fincher sehr spezielle, nicht selten zutiefst verstörende Vorstellungs- sowie Erlebenswelten, und irgendwie ist es am Ende unwesentlich, ob dabei nun physische Aspekte vortreten wie in „Fight Club“, räumliche wie in „Panic Room“, zeitliche wie in „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ oder aber kommunikative wie in „The Social Network“. Das jedenfalls wird einem in Finchers Version von „Verblendung“ klar, wo alles zusammenkommt. Letztlich geht es um Motive. Von ihnen hängt Leben oder Tod ab.





Muss man diese Motive hier noch erklären? Stieg Larssons „Millenium“-Trilogie hat sich über 65 Millionen Mal verkauft, in mehr als 46 Ländern. Unzählige Leser kennen längst die Geschichte des Journalisten Mikael Blomkvist und der Hackerin Lisbeth Salander, die sich in „Verblendng“ kennenlernen, als Blomkvist nach einem beruflichen Rückschlag aus Geldgründen einen Auftrag in Nordschweden annimmt.

Offiziell soll er die Biografie des Konzern-Patriarchen Henrik Vanger schreiben, inoffiziell aber in dessen Namen den Fall von Henriks Nichte Harriet aufklären, die in den 1960er-Jahren verschwunden ist und für tot gehalten wird. Bei den Recherchen helfen soll ihm Lisbeth, geniale Datenkünstlerin, mysteriöse Soziopathin mit Punk-Attitüde und unerklärlicherweise – immerhin ist sie hochbegabt – Mündel des Staates. Dem ungeheuren Abgrund aus Misogynie, Wahn und Gewalt, der sich im Verlauf der Handlung vor den beiden und dem Zuschauer gleichermaßen auftut, kann am Ende der Sound des Films kaum mehr folgen.

Hass, wie ein kaltes Fallbeil

Denn David Fincher arbeitet die Motive von Larssons Roman entschiedener heraus als der schwedische Regisseur Niels Arden Oplev. Der Hass hängt wie ein kaltes Fallbeil über seinem Film. Dass Frauenfeindlichkeit bis hin zum Missbrauch die weiblichen Figuren von Larssons Büchern gezeichnet hatte, wusste man, seit man die Trilogie gelesen hat. Aber jetzt wiegt das alles noch viel schwerer, ist es noch unentschuldbarer. Mag sein, dass dies an der neuen Lisbeth Salander liegt. Noomi Rapace, deren erste Darstellerin, war tief beeindruckend. Aber Rooney Maras Lisbeth ist ein Schock: eine augenbrauen- und wimpernlose Geistgestalt, die aus dem Nichts zu kommen scheint und sich doch zäh durchs Leben fräst, beladen mit dem schweren Gepäck ihrer Vergangenheit (sadistischer Vater, invalide Mutter, unfähige Jugendfürsorge, korrupte, perverse Kinderärzte und Psychiater).

Bei David Fincher dauert es 80 von 158 Filmminuten, bis Lisbeth und Mikael zum ersten Mal voreinander stehen. Davor haben sie sich virtuell kennengelernt: Lisbeth hackte Mikaels Konten, um dessen Gebrauchsfähigkeit für Vanger zu eruieren; Mikael kam ihr irgendwann drauf. Wenn die Kamera beide dann in den Blick nimmt, im nordschwedischen Hedestad, scheint das ebenso überfällig wie überflüssig – so elegant hat Fincher bislang den Boden bereitet mit einer Parallelerzählung. Wo immer die nun angesiedelt ist: Die Räume sind großzügiger und um einiges schicker, als man sie sich vorgestellt hat – und wirken gerade dadurch feindlicher als im Buch oder Vorgängerfilm. Fincher hat seinen Figuren kaum je Behaustheit gegönnt. Warum also Mikael und Lisbeth, wo die doch auf einem Höllentrip sind!

Daniel Craig verkörpert den Journalisten Blomkvist, der von einem Großindustriellen reingelegt wurde, seine Ehre aber durch Vanger und Lisbeth zurückgewinnt. Mit der Rolle des Mikael Blomkvist wird Craig den James Bond hinter sich lassen, nur um in einer neuen ikonisch gefangen zu sein – das ist nun mal das Gesetz der Serie. Es gilt auch für den Regisseur: Der Stoff des ungelösten Falls, der vollkommen Besitz ergreift von den Rechercheuren und sie so verändert, dass sie ihr altes Leben nicht einfach wieder aufgreifen können, hat David Fincher schon einmal fasziniert: In „Zodiac – Die Spur des Killers“ (2007) führte er die allmähliche Desintegration eines Mannes vor, der sich rettungslos in nicht aufgeklärte Serienmorde verbissen hat.

Auch „Verblendung“ ist voller Gewalt und Auflösung; der Regisseur und sein Drehbuchautor Steve Zaillian hatten kein Interesse daran, die bisweilen unerträgliche Härte mancher Romanstellen visuell abzuschwächen. Deren Nachhall im Film aber, der Sound mithin überrascht den Zuschauer immer wieder bis zum Schock. Enyas ewig säuselndes „Orinoco Flow“ bei einer Folterszene zu inszenieren – das muss einem erst mal einfallen.