Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | „My Square Lady“ an der der Komischen Oper: Was ist der Mensch
04. May 2015
http://www.berliner-zeitung.de/946382
©

„My Square Lady“ an der der Komischen Oper: Was ist der Mensch

Das letzte Abendmahl. Der Roboter Myon sitzt an Jesu’ Platz. Ausgerechnet. Probe für „My Square Lady“ an der Komischen Oper.

Das letzte Abendmahl. Der Roboter Myon sitzt an Jesu’ Platz. Ausgerechnet. Probe für „My Square Lady“ an der Komischen Oper.

Foto:

Markus Wächter

Hier geht es um die allergrößten Fragen. Was ist der Mensch? Was macht ihn aus? Ist er wirklich unnachahmlich und einzigartig? Und ausgerechnet ein Roboter soll dabei helfen, Antworten zu finden. Eine Maschine, die man ein- und ausschalten kann, und die ohne Strom nicht funktioniert.

Szenenprobe in der Komischen Oper. Sie stellen das letzte Abendmahl nach, das berühmte Gemälde von Leonardo da Vinci. Der Roboter sitzt an Jesus’ Stelle. Ausgerechnet. Mit 1,25 ist er so groß wie ein Siebenjähriger, mitten in seinem Gesicht hat er ein Loch, die Kamera. Seine Oberfläche besteht aus weißem Kunststoff, er hat Arme und Beine. Die zwölf Apostel an der langen Tafel, das sind Sänger der Komischen Oper, Mitglieder der Performance Gruppe Gob Squad und ein paar junge Männer vom Forschungslabor Neurobotik an der Beuth Hochschule für Technik Berlin. Schon an der Zusammensetzung der Darsteller kann man merken, dass das hier ein besonderes Projekt ist.

Einer vom Forschungslabor drückt auf einen der drei Schalter auf der Brust des Roboters, dort, wo der Schriftzug mit seinem Namen steht: Myon. Myons Gelenke liegen frei, und an diesen Stellen sieht man nun rote und blaue Lämpchen blinken. Jetzt bewegt er seinen Kopf, blickt nach unten. „Oh, er ist traurig“, ruft einer der Sänger. Und man merkt, dass man genau das gerade auch gedacht hat. Dass diese Maschine einen dazu bringt, ihr ein Gefühlsleben zuzuschreiben, sie also wahrzunehmen, als sei sie ein Mensch.

Roboter Myon in der Komischen Oper
Berlin, März 2015: Roboter Myon stattet der Komischen Oper in Berlin einen Besuch ab. Video: Markus Wächter

Genau so etwas hat Sean Patten von der britisch-deutschen Performance Gruppe Gob Squad vor zwei Jahren während der Langen Nacht der Wissenschaften erlebt. Er sah dort Fußballroboter spielen, er beobachtete die Reaktion der Zuschauer. „Alle im Raum wollten, dass sie es schaffen, ein Tor zu schießen.“ Damals kam ihm die Idee, dass sie mit einem Roboter arbeiten könnten.

Die Sänger heben an: „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras, und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen. Das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen.“ Es ist ein Lied aus Johannes Brahms’ „Deutsches Requiem“. Es handelt von der Vergänglichkeit. Alle an dem langen Tisch müssen sterben, nur Myon nicht.

Langsam singen die Sänger, wie für einen Trauermarsch. Und dann heben sie Myon auf, und reichen ihn vorsichtig weiter, so als sei er ein schlafendes Kind. Am Ende der Tafel stehen die jungen Männer vom Forschungslabor. „Ihr könnt ihn jetzt auseinandernehmen“, sagt Simon Will von Gob Squad. Dann werden die einzelnen Teile weitergereicht. Aber die künstlichen Arme und Beine bewegen sich weiter, Myons Finger krümmen sich. Die zwölf Jünger Jesu’, sie kommen einem nun vor wie Kannibalen.

Unter ihnen ist Manfred Hild, der Leiter des Forschungslabors, der Konstrukteur dieser humanoiden, autonomen Maschine. Sechs Jahre ist es her, dass sie ihn gebaut haben. Hild trägt einen Bart, der ein bisschen älter als drei Tage ist, ein rotes T-Shirt, Jeans. „Ich habe mich schon als Kind für Roboter interessiert“, sagt er später, als die Probe vorbei ist. Er hat dann Mathematik und Psychologie studiert. Auch Gesangsunterricht hat er genommen, damals als Schüler in Konstanz am Bodensee. Das mag eine Rolle gespielt haben, dass er zusagte, als Gob Squad ihn fragte, ob er bei dem Projekt an der Komischen Oper mitmachen wolle. Die Welt der Musik ist ihm vertraut. Aber vor allem wollte er, dass Myon neue Erfahrungen macht, dass er etwas außerhalb des Labors erlebt. Und dass keiner von ihnen verlangt hat, dass sie ihn programmieren, damit er auf bestimmte Art und Weise funktioniert. Myon ist keine Marionette. „Für uns ist er ein Werkzeug zum Erkenntnisgewinn“, sagt Manfred Hild. Sie wollen verstehen, was die Fähigkeiten zu lernen ausmacht. Es geht um die Beschaffenheit der Intelligenz.

Myon wirkt wie ein tollpatschiges Kind. Es gibt Roboter, die zu viel mehr in der Lage zu sein scheinen als er. Aber er dreht den Kopf, als eine der Sängerinnen neben den Mikrofonen an seinem Kopf, seinen Ohren, mit den Fingern schnipst. Was daran intelligent sein soll? Wenn man Manfred Hild eine Weile lang zuhört, begreift man, dass es wirklich eine Intelligenzleistung ist, dass Myon auf Laute reagiert. Oder auf rote Fingernägel. Dass er aufgrund der Algorithmen, mit denen er ausgestattet ist, von sich aus handelt und nicht ein Programm abspult. Als Mensch trifft man solche Entscheidungen unzählige Male am Tag, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Und wie ein Mensch, reagiert Myon nicht immer, und nicht auf alles. Maschinen sind berechenbar. Myon ist es nicht. „Es ist, wie wenn man ein Kleinkind in eine Produktion einbaut“, sagt Manfred Hild.

„My Square Lady“ haben sie die Produktion genannt, nach dem Musical „My Fair Lady“, das von der Verwandlung eines Blumenmädchens in eine Dame handelt. Zu Anfang hätten sie eine ähnlich große Verwandlung auch bei Myon für möglich gehalten, etwa dass er lernen könne, zu singen und zu tanzen, sagt Sean Patten. Doch Myon kommt langsam voran. Er bekam zum Beispiel Unterricht vom Dirigenten Arno Waschk. Der dirigierte vor Myons Kamera, er nahm seine Arme und bewegte sie. Diese Eindrücke sind auf Myons Speicherkarte abgespeichert. „Sinneseindrücke“, nennt Hild sie. Der Roboter kann seine Speicherkarte danach durchforsten so ähnlich, wie wir unser Gedächtnis. Myons Arme laufen beim Dirigieren schnell heiß. Dann hört er auf, er schont sich. „Das ist wie wenn bei uns die Muskeln nicht mehr können“, sagt Manfred Hild. Es ist eine Erfahrung, die Myon macht. „Wir wollen ein System, das Erkenntnis über sich gewinnt.“ Wenn man es sich recht überlegt, können nur Maschinen nicht scheitern.

Die Auftritte in der Komischen Oper sieht Manfred Hild auch als Gelegenheit, dem Publikum etwas aus seiner Forschung mitzuteilen. Es ist keine anwendungsgetriebene Forschung, wie er sagt. Hild will keine Roboter bauen, die bei der Versorgung alter Menschen helfen, wie es in Japan geschieht, oder die einem Soldaten das Gepäck tragen, wie in den USA. Er möchte mehr über die Funktionsweise des menschlichen Gehirns erfahren. Was für eine Beziehung er zu Myon hat? „Es gibt viele Maschinen, die man liebgewonnen hat“, sagt er nur.

Am anderen Ende der Abendmahltafel schrauben die vier jungen Männer aus dem Labor Myon wieder zusammen. Er sitzt jetzt auf der Bank. Dann versucht einer von ihnen, Myon zum Aufstehen zu bewegen. Er hält ihn an den Händen und zieht sie nach oben. Myon steht auf, er geht ein paar Schritte. Unsicher, wie ein Kind, das gerade laufen lernt. Dann bleibt er stehen. „Nicht stabil“, sagt er. Er ist aus dem Gleichgewicht gekommen. Beim zweiten Durchlauf bleibt er einfach sitzen. Er wirkt lustlos. Verrückt, wie man projiziert.

Es ist dieses nicht Funktionieren, die Verweigerung, die den Roboter so beeindruckend machen. Ist es so einfach mit der Freiheit, dass man sie mit Hilfe von Algorithmen herstellen kann? Die Forscher zerlegen Myon, verstauen die Teile in einem Koffer und tragen ihn hinaus.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?