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Berliner Zeitung | „ParaNorman“ im Kino: Zombies aus Knetgummi
23. August 2012
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„ParaNorman“ im Kino: Zombies aus Knetgummi

Was hat der kleine Norman nur gegessen?

Was hat der kleine Norman nur gegessen?

Foto:

UPI

Der Künstler Jean Cocteau hat einst gesagt: Filmen heißt, dem Tod bei der Arbeit zuschauen. Dieser schöne Satz über das Kino wird von der Puppenanimation auf den Kopf gestellt und dabei doch bestätigt. Indem sie nämlich Gegenstände phasenweise in Bewegung setzt, macht sie die Dingwelt lebendig. Der polnisch-russische Pionier der Puppenanimation, Wladyslaw Starewicz, ließ in der Stummfilmzeit sogar präparierte Käfer per Stopp-Trick wieder tanzen. Kein Wunder, dass einige der schönsten Puppentrickfilme morbide Themen haben.

Nach dem herrlich jenseitigen „Coraline“ ist „ParaNorman“ nun der neue Film aus dem Studio Laika. Eine entscheidende Inspiration dafür dürfte von Tim Burtons Kurzfilm „Vincent“ kommen, diesem klassischen Puppenfilm über einen todessehnsüchtigen Jungen auf den Spuren seines Idols Vincent Price. Längst ist diese Disney-Produktion zu einem Kultfilm geworden. Zweifellos haben die Filmemacher von „ParaNorman“ aber auch M. Night Shyamalans Mystery-Thriller „The Sixth Sense“ gesehen, wenn sie nun mit einem Zehnjährigen bekannt machen, der überall Tote sieht. Doch was im Vorbild mit reichlich Pathos vorgetragen wurde, ist für den gutmütigen Norman in „ParaNorman“ ganz selbstverständlich: Die verblichene Oma gehört noch immer zu seinem Leben, und auch für den toten Junkie an der Straßenecke hat er stets ein freundliches Wort übrig. In der Schule gilt der so begabte Norman zwar als Außenseiter, aber wirklich lebendig wirkt sein provinzielles Heimatstädtchen ohnehin nicht.

Gute Ausstattung ist (fast) alles

Eine gute Ausstattung ist fast alles im Puppen-Animationsfilm. Der Production Designer Nelson Lowry (u. a. „The Corpse Bride“) hat sich seine Anregungen für „ParaNorman“ dort gesucht, wo Amerika noch wirklich alt und gruselig aussieht: in der Stadt Salem, Massachusetts, dem Spielort einiger Gruselgeschichten von H.P. Lovecraft. Im ausgehenden 17. Jahrhundert gab es dort berüchtigte Hexenprozesse. Und wenn nun diese Opfer der gottesfürchtigen Pilgerväter wieder aus ihren Gräbern steigen, sind Normans Fähigkeiten gefragt. Da hilft es wenig, dass Zombies aus Knetgummi weniger furchteinflößend aussehen als die Zombies bei George Romero. Der von Chris Butler und Sam Fell inszenierte Animationsfilm ist wahrlich nicht die erste Verbeugung vor dem Erbe des Horror- und B-Films, verpackt als ironische Geisterbahnfahrt für den Schwarzkittel-Nachwuchs. Doch der Humor in „ParaNorman“ ist nicht grell, und es handelt sich auch nicht um ein „Scary Movie“. Dieser Film wird all jenen gefallen, denen zu bunte Computeranimationsfilme wie „Der Lorax“ mehr auf den Magen schlagen als das bisschen blassgrüner Schleim, das lebende Leichen mitunter absondern. Bei der Farbgestaltung orientierte sich das Team von „ParaNorman“ am Fotografen William Eggleston.

Es mag eine etwas befremdliche Vorstellung sein, dass auch Kinder die Sehnsucht nach dem Dunklen teilen könnten. Zumindest unter Zwölfjährigen dürfte „ParaNorman“ viele Freunde finden. Die handgemachte Puppenanimation wirkt dabei wie eine Rückversicherung gegenüber allem Formelhaften: Jedes Detail erfährt eine liebevolle Umformung und wirkt schon deshalb beseelter als gewohnt. Gern bezeichnet man die Stop-Motion-Technik als archaisch, verglichen mit der Digital-Animation. Tatsächlich hat erst die Möglichkeit der Video-Kontrolle bei der Aufnahme die technischen Höhenflüge ermöglicht, die diese Filmform seit „Wallace und Gromit“ erlebt.

Bei „ParaNorman“ setzt besonders das psychedelische Finale mit seinem atemberaubenden Zusammenspiel verschiedener Tricktechniken einen weiteren Meilenstein im Genre. Und das Schöne daran ist: Die Effekte wirken nicht wie ausgestellt. Das Filmteam macht von seiner Kunstfertigkeit nicht viel mehr Aufhebens als Norman von seinen übersinnlichen Fähigkeiten.

ParaNorman USA 2012. 93 Minuten, Farbe. FSK ab 12.