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„Paulette“: Omas Geheimrezepte

Sie haben mächtig Spaß am Leben, auch Paulette (in der Leo-Jacke Bernadette Lafont). NEUE VISIONEN

Sie haben mächtig Spaß am Leben, auch Paulette (in der Leo-Jacke Bernadette Lafont). NEUE VISIONEN

In „Ziemlich beste Freunde“ gab es einen besonders lakonischen Wortwechsel: „Die Jungs aus der Vorstadt kennen kein Mitleid“, sagt da der ängstliche Rechtsanwalt zu seinem Freund und Mandanten im Rollstuhl. „Genau das ist es, was ich will“, entgegnet der. Die Mitleidlosigkeit der Vorstädte war im Kino lange das Thema hasserfüllter Abrechnungen oder trister Ethnografien. Inzwischen begegnen Regisseure den Bidonvilles mit grimmigem Witz – und einem Personal, das hinter der rüden Fassade viel Herz verbirgt.

Wie Paulette, die Heldin des gleichnamigen Films von Jérome Enrico. Paulette ist eine alte Frau, der man die Dame noch ansieht, die sie einmal war. Ihr Alter muss sie in einem heruntergekommenen Sozialbau mit dem Namen „Victor Hugo“ verbringen, auf den Märkten packt sie liegen gebliebenes Gemüse in ihre Einkaufstasche. 600 Euro Rente hat sie im Monat. Das ist übrigens mehr, als viele zukünftige Rentnerinnen in Deutschland zu erwarten haben. Aber käme hier einer auf die Idee, daraus einen Komödienstoff zu machen? Bewahre, von „Elendsthemen“ lässt man lieber die Finger. Wer will denn schon was über „Almosenempfänger“ wissen? Dann doch lieber noch eine Kreischkomödie über verliebte Jungs und Mädels oder tolle Chaoten-Papas mit coolen Kids.

Zurück nach Frankreich: Paulette hat Pech gehabt. Ihr Mann, mit dem sie einst ein Restaurant betrieb, starb früh; den Betrieb übernahmen Chinesen. All das handelt Enrico mit einem kurzen Bilderbogen aus dem Familienalbum gleich zu Beginn ab, dann zeigt er seine Heldin ungeschönt als böse Alte. Bernadette Lafont, eine der großen Darstellerinnen der Nouvelle Vague, spielt die Boshaftigkeit der Paulette mit allergrößtem Vergnügen. Madame pflegt die Sprache der Gosse auch während der Beichte. Den „Schlitzaugen“ hat sie Kakerlaken ins Essen gemischt, gesteht die ehemalige Restaurantchefin dem Priester. Ihr Enkel sei leider ein „Bimbo“ fügt sie noch hinzu – dann sieht man, dass der Priester schwarz ist.

„Paulette“ beginnt also mit einer Totaldemontage seiner Hauptfigur. Rassistisch, egozentrisch – und dabei von ungebrochener Energie. Paulette führt denn auch vor, wie sich das neoliberalistische Diktum vom lebenslangen Lernen gewinnbringend umsetzen lässt: Als sie zufällig Zeugin einer Verfolgungsjagd unter Dealern wird, fällt ihr ein Päckchen Haschisch in den Schoß, und da sie genügend Anschauungsunterricht in den Unterführungen genossen hat, weiß sie, was damit zu tun ist. Die alte Frau mit dem hexenhaften Kopftuch-Look steigt in den Drogenhandel ein.

Es läuft sehr schnell sehr gut, und weil Paulette Unternehmerin ist, erweitert sie ihre Produktpalette, investiert und stellt Personal ein: ihre Kartenspiel-Freundinnen, unter ihnen die wie jeher charmant-naive Carmen Maura. Natürlich bleibt der Erfolg nicht ohne Neider. Jérome Enrico fährt ein ganzes Arsenal streng hierarchisch agierender Drogenbosse auf. „Paulette“ lebt, wie alle Komödien, vom Clash der Kulturen. Wie alte Frauen mit jungen Dealern umgehen, ist wunderbar anzusehen.

Paulette Frankreich 2012. Buch & Regie: Jérome Enrico, Kamera: Bruno Privat, Darsteller: Bernadette Lafont, Carmen Maura, Francoise Bertin u. a.; 87 Minuten, Farbe. FSK ab 12.