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„Rekordauslastung“: Wie die Staatsoper Besucherrückgang als Erfolg verkauft

Das Schillertheater in der Bismarckstraße.

Das Schillertheater in der Bismarckstraße.

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imago/Jürgen Ritter

Die Meldung müsste heißen: Die Staatsoper verzeichnet erstmals seit ihrem Umzug ins Schiller-Theater 2010 einen empfindlichen Besucherrückgang. 2014 kamen 7000 Zuschauer weniger zu den Vorstellungen, nämlich 185.000 (2013: 192.000), obwohl auch die Konzerte der Staatskapelle im Konzerthaus und der Philharmonie mitgezählt wurden.

Aber wie klingt denn das? Nicht schön. Unvorteilhaft. Irgendwie sogar erfolglos, und das ist die Staatsoper unter Jürgen Flimm und Daniel Barenboim durchaus nicht. Zuschauereinbußen dieser Größenordnung sind auch kein Drama, nur dann, wenn man scharf ist auf schicke Schlagzeilen. Und so formuliert das Haus gefällig: „Die Staatsoper erreicht 2014 im Schiller-Theater eine Rekordauslastung von 89 Prozent. Insgesamt kamen 254.000 Besucher zu den Vorstellungen, 185.000 davon zu 332 Veranstaltungen in Berlin.“

Fertig ist der „Rekord“

Dann zählt sie noch die 27.000 Besucher der Gastspiele dazu sowie die grob geschätzten 42.000 Zuhörer beim Gratis-Konzert „Oper für alle“. Fertig ist der „Rekord“. So macht man das. Kollegen in den anderen Opern staunen.

Traue nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast – eine schöne Forderung. Doch ein gewisses Grundvertrauen wird schon gebraucht, zumal die Zahlen der subventionierten Bühnen prinzipiell als seriös gelten, weil sie der Landeskontrolle unterliegen. Und natürlich geht es nicht ums Fälschen, eher um kreatives Täuschen, um Anordnung von Fakten zu neuen Höhen. Das kriegt nicht jeder hin. Aber die Staatsoper erreicht den gewünschten medialen Erfolg: „Rekordauslastung!“, lauten die Schlagzeilen.

„Gesunkener Platzkapazität“

Und stimmen die etwa nicht? Nun, im negativen Sinn schon – weniger Zuschauer und mehr Auslastung – das schließt sich nicht aus, man muss nur das Angebot senken. Die Staatsoper erklärt es auf Nachfrage mit „gesunkener Platzkapazität“. Es klingt, als sei das Theater versehentlich geschrumpft. Tatsächlich passiert das gelegentlich, etwa wenn für eine Marthaler-Inszenierung die Bühne zum Zuschauerraum wird und nur 400 Besucher ins Haus passen. Das muss man sich leisten können, aber kein Wort über Geld, nur über Besucher. Und für die gab es einfach weniger Plätze, weniger Vorstellungen. Punkt.

Bleibt die Frage, welches Licht sich dann eine Bühne anknipsen soll, die sich tatsächlich in einzigartiger Weise nach oben bewegt? Als Andreas Homoki die Komische Oper 2012 endlich verließ, dümpelte sie bei 157.000 Zuschauern und einer Auslastung von 65 Prozent (2011). Unter dem sprühenden Intendanten Barrie Kosky blüht sie auf, wird Opernhaus des Jahres, führt heute das Ranking der drei Opern an mit 217.000 Zuschauern und 88 Prozent Auslastung. Das sind Rekorde zum Verbeugen. Blöd nur, dass echte Erfolge und falsche Rekorde erstmal alle gleich klingen.