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Berliner Zeitung | „Still“: Robust und eigenständig
17. June 2014
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„Still“: Robust und eigenständig

Ein Mensch im Glück: die noch junge Uschi auf der Alm mit einer nicht lilafarbenen Kuh.

Ein Mensch im Glück: die noch junge Uschi auf der Alm mit einer nicht lilafarbenen Kuh.

Foto:

Zorro Film

Ländliche Madonnen sehen so aus, auf Votivbildern, wie sie in bayerischen Kapellen zu finden sind. Die junge Frau hat ein offenes, großzügiges Gesicht, fein und kraftvoll zugleich, ohne Pose, ohne Gefallgrimasse. Uschi ist die einzige Tochter eines Bauernpaars im oberbayerischen Landkreis Miesbach. Nur das Autokennzeichen deutet an, in welcher Gegend sich der dreihundert Jahre alte Hof der Eltern befindet, soll er doch nicht zum Wallfahrtsort sentimentaler Öko-Touristen werden.

„Still“ ist ein Dokumentarfilm fürs Kino mit einem programmatischen Titel. Der hyperventilierenden Kurznachrichten-Gesellschaft setzt er eine ruhige Erzählung entgegen: Eine Bilderwucht in Schwarz-Weiß, ohne Musik, ohne aufgepfropfte Inszenierung – einen Film, der nichts gemein hat mit den oft hingeschluderten Formaten und ihrem Zielgruppen-Kalkül. „Still“ begleitet eine junge Frau durch ein entscheidendes Jahrzehnt ihres Lebens. Dabei kommt dieser Film ohne jede dramatische Zuspitzung aus; er vertraut vielmehr auf das, was sich ihm bietet, und das ist reich und spannungsvoll genug.

Der Film beginnt mit dem ersten Alm-Sommer der 22-jährigen Uschi und endet zwei Jahre nach ihrer Hof-Übernahme. Dazwischen liegen zehn Jahre. Nun ist Uschi Bäuerin und Mutter von zwei Kindern. Glatt verlaufen ist das nicht, denn Uschi hat ihr erstes Kind ohne Mann an ihrer Seite bekommen, und innerhalb der Elternfamilie rumort es auch. Die Mutter neidet der Tochter vermutlich die Nähe zum Vater – wie seit jeher in der Landwirtschaft geht es ums Festhalten von Besitz und ums Weitergeben.

Uschi ist gut gewappnet mit dem Selbstbewusstsein eines Mädchens, das sich nicht gegen einen männlichen Erben behaupten musste. „Robust und eigenständig“ müsse man schon sein, sagt sie zu Beginn des Films, als sie allein mit Kühen und einer Ziege hinauf auf die Alm zieht.

Der Regisseur Matti Bauer hat die Eigenständigkeit seiner Hauptfigur immer respektiert – wenn sie nicht mag, sucht er sie auch nicht heim; nirgendwo reduziert er sie zur Statement-Geberin, nichts will er beweisen mit ihr. In Einstellungen, die den Takt der Bewegungen seiner Protagonisten aufnehmen – seien es Tiere oder Menschen – folgt Matti Bauer dem Handwerk des Lebens, denn nichts anderes ist diese Art der Landwirtschaft.

Es sind tätige Menschen, das Reden begleitet ihre Handgriffe nur sparsam. Sie misten Ställe aus, fangen Kälber ein, wuchten Heu in Futter-Rinnen, pressen Käseklumpen aus. Dabei hat „Still“ einen erschütternden Subtext, denn er erzählt auch vom geplanten Sterben einer Kultur – man könnte sagen, von der gezielten Auslöschung.

Am Ende des Films trennen sich die Bauern von einigen Kühen. Man hört ein Schluchzen im Hintergrund, man sieht das traurige, gefasste Gesicht des Altbauern. Den Schmerz, Tiere herzugeben, die man selbst aufgezogen hat. Es geht nicht anders, für die Milch bekommen die Bauern fast nichts mehr, auch der Fleischpreis ist zu niedrig. „Bei unserer Betriebsgröße“, sagt Uschi, „lohnt es sich nicht mehr“. Also tut sie, was alle Unternehmer tun, die mit Verlust arbeiten. Sie sagt: „Ich muss umstrukturieren“. Wie genau das vonstatten geht, zeigt der Film nicht mehr.

Still Deutschland 2013. Regie: Matti Bauer, Kamera: Klaus Lautenbacher, Schnitt: Ulrike Tortora. Dokumentarfilm. 80 Minuten, Schwarz-Weiß. FSK o. A.


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