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„The Deep Blue Sea“: Lady Hesters Liebhaber

Rachel Weisz spielt Hester.

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dpa

Zunächst werden die Vorhänge zugezogen, dann die Fugen im Zimmer abgedichtet. Erst als das erledigt ist, platziert Hester Collyer den Brief, den sie geschrieben hat, gut sichtbar auf dem Kamin. Sie dreht das Gas auf und nimmt eine Überdosis Schlaftabletten. Was, um Himmels willen, hat eine so schöne Frau dazu gebracht, ihr Leben wegwerfen zu wollen? Satte Violinen erklingen – diese Überhöhung ins Melodramatische kann doch wohl nicht ernst gemeint sein! Ist sie aber, und der Regisseur hat sich etwas dabei gedacht: Dies ist Hesters Perspektive; ihre romantische Enttäuschung spiegelt die Eingangsszene von „The Deep Blue Sea“.

Hester wird diese Enttäuschung aber noch eine Weile aushalten müssen, denn sie wird gerettet, ihr Suizidversuch vereitelt.

Wer kluge und alte Filme liebt, ist in diesem hier richtig. Der britische Regisseur Terence Davies hat ein so untrügliches Gespür für Schönheit und Drama, dass man zwangläufig hingerissen ist. In „The Deep Blue Sea“ erzählt er die Geschichte einer Frau aus der Oberschicht, die ihr kultiviertes, aber unerfülltes Leben wegen einer Affäre aufgibt, in der sie Leidenschaft erlebt. „Leidenschaft führt doch immer zu etwas Hässlichem“, hat die Schwiegermutter zuvor gewarnt.

Tatsächlich leidet Hester (Rachel Weisz) bald an der Gedankenlosigkeit des Liebhabers aus der Unterschicht, bleibt ihm aber verfallen. – Dieser Film spielt zu Beginn der 1950er-Jahre. Äußerst kunstvoll verbindet Terence Davies verschiedene Zeitebenen sowie Diskurse, etwa über Natur und Kultur, Hingabe und Distanz, Geschichte und Gegenwart. Die Dialoge sind eine Klasse für sich mit Sätzen wie: „Ich respektiere jeden, der es verdient. Alle anderen behandle ich zivil.“

The Deep Blue Sea GB 2011. Buch & Regie: Terence Davies, Kamera: Florian Hoffmeister, Darsteller: Rachel Weisz u. a.; 102 Minuten, Farbe. FSK o. A.