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"Theater der Welt" in Mannheim: Schlaflos in der Kurpfalz

"Die Schutzbefohlenen" im Mannheimer Nationaltheater.

"Die Schutzbefohlenen" im Mannheimer Nationaltheater.

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dpa/Christian Kleiner/Theater der Welt

Mit diesem Auftakt nach Maß hat niemand gerechnet. Niemand außer dem Festivalchef Matthias Lilienthal, der vermutlich ahnte, dass sein erster Festivalgast für Furore in den Nachrichtenspalten sorgen würde: Vor einer Woche hat Jacob Appelbaum mit mehreren Kollegen des Magazins Der Spiegel den Henri-Nannen-Preis für Enthüllungen in der NSA-Affäre bekommen. Und was macht er jetzt, in seiner Rede zur Eröffnung von Theater der Welt in Mannheim? Der US-Journalist distanziert sich von der Auszeichnung und begründet das mit der Nazi-Vergangenheit des Preispatrons.

Das bisher Ungehörte hörbar, das bisher Ungesehene sichtbar machen: Wie im Fall Appelbaum war diese mal intellektuelle, mal ästhetische Freiheit schon immer das Ziel von Theater der Welt, dem 1981 gegründeten und seitdem ungefähr alle drei Jahre in eine andere Stadt wandernden Festival. Ausgerichtet vom Internationalen Theaterinstitut, bringt es Novitäten aus aller Herren Länder nach Deutschland, die mit ihrer Innovationskraft die heimische Produktion ankurbeln und beflügeln sollen.

Dass im Zuge dieses Export-Import-Geschäfts auch der Theaterbegriff hin- und hergeknetet worden ist, liegt auf der Hand, auch und gerade in Mannheim, wo ja der unangefochtene Guru der Off-Szene fürs Programm verantwortlich zeichnet. Lilienthal hat in Berlin das Hebbel am Ufer zum Dorado der internationalen Szene gemacht und setzt hier nun seine Pionierarbeit fort. Die theatralische Kampfzone weitet er planmäßig aus, um endlich auch ins touristisch Architektonische vorzustoßen: Besucher von Theater der Welt können im „Hotel Shabbyshabby“ übernachten, in eigens aufgestellten, temporär über die Stadt verteilten Zimmern. Aber noch ist es Tag, noch folgt auf die Rede von Jacob Appelbaum ein Stück von Elfriede Jelinek: „Die Schutzbefohlenen“, zum Festivalstart uraufgeführt von Nicolas Stemann.

Druckvolles Textflächentheater

Bis zu den Brandmauern aufgerissen zeigt sich die vom Regisseur entworfene Bühne. Im Hintergrund eine Reihe roter Hartschalensitze, rechts ein Podest mit Elektropiano, links ein Tisch mit Utensilien, die für live produzierte Projektionen benötigt werden: Eine Mischung aus öffentlichem Amt, intimer Bar und Theaterwerkstatt, mithin ein hybrider Allzweckraum, der zunächst von dokumentarischen Videos beherrscht wird. Auf der Leinwand, auf die auch die Gitterprojektionen geworfen werden, berichten Flüchtlinge von ihrem Schicksal in Europa, bis dann leibhaftig Schauspieler auftreten und vom Blatt einen Text lesen, der in seiner Machart typisch Jelinek ist. Statt Figuren zu zeigen, macht sie – davon abstrahierend – überindividuelle Stimmen hörbar, die mehreren Kollektiven zugehören und sich ineinander verschieben: Textflächentheater also, das in der Vergangenheit nicht immer überzeugt hat.

Jetzt aber, in den „Schutzbefohlenen“, zeigt sich Jelinek auf der Höhe ihrer Kunst. Ihre sonst oft belanglos kalauernden Textflächen verhaken sich so druckvoll ineinander, dass sie sich im Laufe zweier Stunden tatsächlich zu einer nachvollziehbaren Botschaft auftürmen: Das Stück ist eine von tiefem Ernst getragene Anklage der europäischen Flüchtlingspolitik, verbunden mit dem Appell, die von Frontex gesicherte „Festung Europa“ zu schleifen. #

Auf diese appellative Stoßrichtung verweist schon der Stücktitel: Aus den „Schutzflehenden“ des Aischylos, auf die sich die Dramatikerin passagenweise bezieht, macht sie, wie gesagt, die „Schutzbefohlenen“, die beispielsweise zur Jahreswende 2012/13 aus einem Asylantenheim bei Wien ausgebrochen und in die Stadt gezogen sind, um dort in einer Kirche um Asyl zu bitten. Daher also die Videos, daher auch die Rosetten- und Spitzbogenfenster, die zitathaft vom Bühnenhimmel herabfahren: Stemann dringt in dem mit dem Hamburger Thalia-Theater koproduzierten Flüchtlingsstück kongenial zu den Tiefenschichten des Textes vor.

Alle Gewissheiten lösen sich auf

Zu den dunkel rumorenden, beunruhigenden Schichten, gehört auch unser verlogen heiteres Bild vom offenen Europa. Die Spieler, darunter Sebastian Rudolph, Felix Knopp und Barbara Nüsse, treten als Ölfass, Diamant und Mobiltelefon auf und sind jederzeit einreiseberechtigt – als Rohstoff und Ware wohlgemerkt, nicht aber als Mensch, der diese Rohstoffe und Waren in Drittweltländern produziert. Wenn diese Menschen aber doch kommen und ihnen zur Begrüßung, von oben herabprasselnd, graue Trainingsanzüge geschenkt werden, erweist sich auch die Hilflosigkeit selbst der Gutmeinenden. „Ein Bärli, ein Bärli“ singen die am Ende in Abendkleidern steckenden Spieler bei einer sentimentalen Charity-Show: Nichts und niemand entgeht der Analyse von Jelinek & Stemann, kein Mensch und keine Ideologie. In ihrem Säurebad-Theater lösen sich alle Gewissheiten auf. Und wie schon bei Jacob Appelbaum: grenzenloser Jubel!

Nun aber in den Theater-der-Welt-Bus und von der Innenstadt raus in den Stadtteil Käfertal, wo die Alstom-Halle liegt. Dmitry Krymov präsentiert dort „Tararabumbia“, eine Tschechow-Revue aus Moskau mit hundert Beteiligten, die allerdings keineswegs willens sind, mehr als nur zwei Sätze Tschechow auch zu sprechen. Sie erheben lediglich den Anspruch, in einem graubraun kostümierten Who-is-Who alle seine Dramenfiguren zu repräsentieren.

Und wenn der Festivalbesucher sie nun anderthalb Stunden lang auf einem Laufband rein- und rausfahren sieht, dämmert es ihm, dass er auch hier einem Auflösungsprozess beiwohnt: Ein Nationaldichter wird dekonstruiert, indem sein Personal, erstarrt zu Denkmälern der russischen Lethargie, aus dramatischen Lebenszusammenhängen gerissen wird. Und mehr noch: Es wird auch geklont und vervielfacht, weshalb Dutzende von Irinas und Trigorins, Olgas und Tusenbachs, Wanjas und Sonjas an uns vorbeidefilieren, aufgetakelte Literaturleichen also, die zudem – dritte und letzte Idee des Regisseurs – mal übergroß mit Stelzen, mal unterklein als Handmarionetten erscheinen. Nun, was soll man mit solchen Zombies bloß anfangen?

Theatralisch erregt

Klar, man muss sie entsorgen. Dass es sich bei seiner Tschechow-Prozession um eine ideologische Entsorgung und Reinigung handelt, daran lässt Dmitry Krymow keinen Zweifel. Am Ende, nachdem schon Taucher und Synchronschwimmer der heldenhaften Sowjetrepublik vorbeigezogen sind, gibt sich auch noch eine Delegation aus Helsingör die Ehre, also Hamlet und seine Entourage – und auch wenn „Tararabumbia“ mit Tschingderassabum alles wegbefördert, was uns heilig ist, wirkt seine Transportbandshow auf Dauer doch brav, einfältig und ermüdend.

Über all dem – Appelbaum, Jelinek, Krymov – ist es Nacht geworden in Mannheim. Und wie andere Festivalbesucher haben auch wir, von Neugier gepackt, im „Hotel Shabbyshabby“ eingecheckt. Die Zimmerauswahl ist groß, Architektenteams aus aller Welt haben mit enormer Fantasie 22 Hütten, Röhren und Container entworfen und über die gesamte Stadt verteilt. Wir übernachten in „3-Lichter“ am Neckarufer, einer Art Baumhaus, das aber nicht um einen Baum, sondern um eine Laterne an der Uferpromenade gebaut ist – und wir tun kein Auge zu, so hell und hellhörig ist unsere Unterkunft am ersten Festivaltag. Wir brechen das Experiment ab. Macht aber nichts: Unter Laborbedingungen kann auch Schlaflosigkeit zu einer jener Offenbarungen werden, mit denen Matthias Lilienthal und sein Theater der Welt weiter punkten wollen – noch zwei Wochen im theatralisch derzeit aufs Schönste erregten Mannheim.