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„Unsere Mütter, unsere Väter" im ZDF: Auf Augenhöhe im Schützengraben

Friedhelm (Tom Schilling) begegnet an der Front Tod und Elend in unvorstellbarem Ausmaß.

Friedhelm (Tom Schilling) begegnet an der Front Tod und Elend in unvorstellbarem Ausmaß.

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zdf/David Slama (2)

Sie stehen am Anfang ihres Lebens und fühlen sich in der Mitte der Gesellschaft. Aber dort wollen sie, können sie, werden sie nicht bleiben. Die Hilfskrankenschwester Charlotte will endlich an die Front, die Sängerin Greta unter allen Umständen nach ganz oben. Ihr Freund Viktor ist Jude, er müsste besser heute als morgen fortgehen, so wie es den wortkargen Wilhelm vom Fronturlaub insgeheim zurückzieht zu seiner Einheit, die ihm längst vertrauter ist als die eigene Familie. Der Leutnant wird seinen kleinen Bruder Friedhelm mitnehmen zur Vaterlandsverteidigung, die noch ein machthungriger Angriffskrieg ist. Wie ein Fremder steht Wilhelm im Türrahmen und ringt sich ein Lächeln ab, als er sieht, wie Friedhelm einen Gedichtband in den Tornister steckt. Wilhelm ist der einzige der fünf Freunde, der schon aus eigener Erfahrung weiß, dass man im Schützengraben nicht Gedichte liest, sondern Gebete murmelt. Was das also ist: Krieg!

Mit „Unsere Mütter, unsere Väter“ setzt das ZDF sein Vorhaben einer groß angelegten und mehrere Generationen umspannenden zeithistorischen Vermittlung fort: Diejenigen, die damals dabei waren, sollen sich in Wilhelm und Charlotte, Greta, Viktor und Friedhelm wiedererkennen können. Jene, für die Kinostars wie Tom Schilling, Ludwig Trepte oder Katharina Schüttler gegenwärtige Gesichter, aber die Weltkriegsdaten nur noch zwei Kapitel im Geschichtsbuch sind, sollen nachempfinden können, was ihre Großeltern so sprachlos hat werden lassen.

Das Drehbuch zum Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ von Stefan Kolditz kann sich zunutze machen, dass die Geschichtsbuch-Fakten bekannt sind. Wenn er seine jungen Helden mit dem Satz „Weihnachten sehen wir uns wieder“ an die Ostfront schickt, weiß der Zuschauer gleich welchen Alters natürlich, dass ihnen Stalingrad und noch Schlimmeres bevorstehen wird. Mit Sorge und Mitgefühl folgt der Zuschauer den Figuren deshalb auf ihrem Weg in eine endlose, grausame und sinnlose Vernichtungsschlacht.

Drastische, ehrliche Inszenierungen

Da ist es nur konsequent, wenn die Regie von Philipp Kadelbach nicht an drastischen Szenen und ehrlichen Inszenierungen spart. Die Männer machen sich im Schützengraben in die Hose, sie heulen heimlich und siegen gemeinsam. Manch einer verfällt einem ungeahnten Blutrausch. Wer kann, träumt sich an die Heimatfront, die aber angesichts der tönenden Propaganda vom Endsiegen bald kein Zuhause mehr für die Lanzer auf Urlaub mehr sein kann.

Mehr noch als der ZDF-Zweiteiler „Dresden“, der die Bombardierung der Elbstadt zeigte, ist „Unsere Mütter, unsere Väter“ ein harter, schonungsloser Mehrteiler, der es sich leistet, sein Publikum viereinhalb Stunden lang weitgehend ohne emotionale Ausruhinseln durch seine Geschichte und die Geschichte zu treiben. Anders als zum Beispiel in Volker Schlöndorffs „Das Meer am Morgen“ steht der Grausamkeit der Deutschen keine patriotische Erhabenheit ihrer Opfer gegenüber. Viktor, der dem Gastod in Auschwitz knapp entgeht, kommt zum Beispiel beim polnischen Widerstand unter. Dort darf aber auch niemand wissen, dass er Jude ist. Die Polen haben zwar etwas gegen die Deutschen. Aber nichts gegen deren Antisemitismus. Und auch die opferbereite Krankenschwester Charlotte muss im Wehrmachtslazarett erst einmal begreifen, dass jedes Leben – auch das ihrer jüdischen Hilfskraft – den gleichen Wert hat.

Herzensangelegenheit für Hofmann

Für den Produzenten Nico Hofmann (Jg. 1959) war „Unsere Mütter, unsere Väter“ eine Herzensangelegenheit, die er mit dem Schriftsteller und Drehbuchautor Stefan Kolditz (Jg. 1956) und der ZDF-Redakteurin Heike Hempel (Jg. 1965) bereits während der Produktion von „Dresden“ ins Auge fasste. Ausgehend von der authentischen Lebensgeschichte seines Vaters (im Film Wilhelm), wollte Hofmann ein umfassendes Sittenbild entstehen lassen, das sich auf allen Ebenen mit den Lebensläufen der eigenen Elterngeneration auseinandersetzt. Ein Angebot sollte es werden, mit denjenigen endlich ins Gespräch zu kommen, die sich nach Kriegsende mit Zweckoptimismus zu trösten versuchten und die sich mit sinnfreier (Fernseh-)Unterhaltung von ihrer bleischweren Sprachlosigkeit ablenkten, und die übrigens zahlenmäßig schon seit „Dalli Dalli“ das Hauptpublikum des ZDF sind. Ein einfühlsames und doch schonungsloses Filmepos werden sie ab heute sehen können, in dem ihr Hänschen Rosenthal ein begabter Schneidergeselle ist, ihre pfiffige Ilse Werner eine elegante Truppenbetreuerin und ihr pflichtbewusster Sturmflut-Kanzler ein verzweifelter Leutnant.

Mit „Unsere Mütter, unsere Väter“ wollen Hofmann, Hempel und Kolditz das Handeln dieser 20er-Jahrgänge verständlich, das kollektive Schweigen plausibel, aber auch die persönlichen Verstrickungen kenntlich machen. Ihr Vorhaben ist nicht zuletzt ein kathartisches, es ist auf eindrückliche Art gelungen.

Keine Epoche scheint vom deutschen Fernsehfilm so ausgeleuchtet wie die Zeit zwischen 1933 und 1945. Schon Eberhard Fechner und Egon Monk, Edgar Reitz, Oliver Storz und viele andere haben sich mit großen Fernsehspielen daran abgearbeitet. Die Tagebücher von Victor Klemperer wurden verfilmt, in den letzten Jahren die Lebensgeschichten von Stauffenberg oder Rommel neu vermessen, das Ghettoleben von Marcel Reich-Ranicki einem breiten Publikum bekannt gemacht. Es gab Filme über den Untergang und die Stunde Null, die Flucht über das Haff und das brennende Dresden. Meist waren es wohltemperierte Filme, die den Zuschauer gnädig mit dem nötigsten Elend grundversorgten. Liebesgeschichten fingen auf, was der Kriegsfilm zuvor in den Zuschauerseelen verheert hatte. Es sollte kein Tod zu viel gestorben werden.

Simpler Überlebenswille

Nun hat sich aber das Fernsehen in seiner Erzählweise rasant weiterentwickelt. Wer zeitlich weit genug entfernt von Bombendonnern und Sirenengeheul geboren wurde, setzt sich mit US-Serien wie „The Wire“ oder „Homeland“ aus freien Stücken intensiven Angsterlebnissen aus. In „Breaking Bad“ wird ein Chemielehrer zum Massenmörder, in „Dexter“ arbeitet der Serienkiller bei der Polizei.

Und statt wie ein Linienrichter an der Seitenauslinie atemlos, aber doch unbeteiligt neben den Figuren herzulaufen, wird der Zuschauer solcher epischen Serien in den Überlebenskampf der Figuren und ihre moralischen Abgründe hineingezogen. „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist in diesem Sinne durchaus ein moderner, weil nicht teflonbeschichteter Film. Denn der junge Regisseur Kadelbach (Jg. 1974) hat seinen erfahrenen Kameramann David Slama (Jg. 1946) auf Augenhöhe in die Schützengraben von Stalingrad geschickt.

Und die Schauspieler nehmen diese Herausforderung an. In den Mundwinkeln von Tom Schilling macht sich mehr und mehr der Zynismus des alten Lanzers breit, der in Wahrheit ein simpler Überlebenswille ist. Volker Bruch entleert in jeder Szene mehr seine Gesichtszüge, so dass die innere Emigration seiner Figur den Zuschauer zu Hause zu Tränen rühren kann. Zugleich verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse, zwischen Täter und Opfer, zwischen historischem Einzelfall und universeller Moral. „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist ein zutiefst verunsichernder, in der Wahl seiner Mittel und seiner Haltung aber sehr sicherer Film. Das ist die einzige, aber sehr beruhigende Gewissheit, mit der man als Zuschauer in diesen grandiosen Antikriegsfilms zieht.

Wer den Film verpasst hat, kann ihn sich täglich in der ZDF-Mediathek von 20 Uhr bis 6 Uhr ansehen.