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„Verhängnis“ Komische Oper Berlin: Der Hirte ist ein Cowboy ist ein Prinz

Diese fliegenden Männer sorgen in „Die schöne Helena“ für den sorglosen Rahmen.

Diese fliegenden Männer sorgen in „Die schöne Helena“ für den sorglosen Rahmen.

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imago/DRAMA-Berlin.de

Eines der Schlüsselwörter in diesem Stück ist „Verhängnis“. Jacques Offenbachs Operette „Die schöne Helena“ zeigt als Mythen-Travestie eine Gesellschaft im Betäubungszustand, die ihre kaum bewusste Untergangsstimmung als Dauer-Party inszeniert. „Man ist nur glücklich, wenn man schläft oder wenn man tanzt“, notieren die Brüder Goncourt als Chronisten ihrer Zeit im Tagebuch den Ausspruch einer jungen Frau, die das Pariser Lebensgefühl von 1864 auf den Punkt bringt. Dass Offenbach mit seiner Parodie der Vorgeschichte des Trojanischen Krieges seine eigene Zeit als Vorkriegszeit von 1870 aufs Korn nimmt, konnte er selbst nicht wissen. Aber spüren vielleicht schon, denn der Antimilitarismus dieses Stückes ist mindestens so stark wie der Spott über die (natürlich griechischen) Priester. Aber was geht uns das heute an?

„Es lebe der Krieg, der Trojanische Krieg!“ Das sind die letzten Worte des Chores zu der fanatisch aufgedrehten Rhythmik der Musik. Aber Barrie Kosky hat mit seiner Produktion an der Komischen Oper kein belehrendes Anti-Kriegsstück im Sinn, und seine Hofgesellschaft von Pierrots und bleichen Colombinen gerät gar nicht erst in den Verdacht, es mit jener schäumenden Kriegswut ernst zu meinen. Kosky schickt den Chorworten noch einen letzten Satz des übertölpelten Ehemanns und Königs Menelaos hinterher, die dieser seiner Helena nachruft, als sie mit Paris auf dem Schiff entschwindet: „Ne me quitte pas!“ Verlass mich nicht, Jacques Brel sang das einst und auch Menelaos hat das schon gesungen, für seine Königin und das Publikum, an diesem Abend.

Da schlichen König und Königin verstimmt umeinander her, und er versuchte wieder vergeblich wie kläglich, aus ihr das Geständnis ihrer Untreue herauszupressen. Warum hatte sie denn zuvor „Je ne regrette rien“ gesungen, wenn es nichts gab, das sie nicht bereuen wollte? Diese doppelte Chanson-Einlage ist ein Gag, aber es ist ein typischer Kosky-Gag, der nicht nur irgendwie funktioniert, sondern trifft. Er riss das Publikum zu begeistertem Szenenapplaus hin, der spüren ließ, dass hier plötzlich viel mehr Resonanz geweckt wurde als durch den doch recht fernen Offenbach selbst. Treffen musste diese Piaf-Brel-Nummer, weil sie die einzigen unzweideutigen und bekenntnishaften Momente liebender Menschen an diesem Abend zeigte, wenn auch im sentimentalen Zitat. Und darin liegt die Aktualität von Koskys Inszenierung, deren sorglos scheinender Rahmen durch wackelnde Männerpopos und fröhlich geschwenkte Männerbeine geprägt ist – sie zeigt das Herumirren des Begehrens in den vorgeprägten Gesten und Formeln des Liebesdiskurses und die kleinen Fluchtwege daraus, die für Momente der Selbst-Illusion des Begehrenden als eines Liebenden Nahrung liefern können.

Zur virtuosen Nummer gesteigert ist das absurde Durcheinander verschiedener Liebesdiskurse in der flatterhaften Figur Helenas, die vor Begeisterung über den als Hirten angekündigten Paris blökt wie ein Schaf, die piept wie ein Mäuschen, wo sie gerade noch ihre eigene Stärke zu spüren meinte und die mit grandiosem Pathos und ausgestrecktem Arm Liebhaber wie Gatten zurechtweist: „Don’t speak!“ Dazu passt, dass diese Helena in der berüchtigten Liebesszene des 2. Aktes, die seit der Uraufführung immer auch als Vorwand für erfolgreich Skandal machende Nacktheit diente, so hochgeschlossen wie nur möglich gekleidet erscheint. Was wiederum ihre Zofe (in dieser Aufführung, versteht sich, männlich besetzt) in überschnappende Hysterie treibt: „Das entspricht nicht der Konvention!“

Nicole Chevalier hat sich die Titel-Rolle dieser verkorkst-verzweifelten Grand Dame souverän zu eigen gemacht, mimisch, gestisch und auch in den größeren lyrischen Gesangsnummern des zweiten Aktes. Beim Sprechen ist sie wegen ihres Akzents nicht immer leicht zu verstehen, wie überhaupt die Textverständlichkeit dieser Produktion nicht alle Erwartungen an eine Operette erfüllt. Auch Tansel Akzeybek als Paris hat beim Sprechen Probleme. Die lässt aber nicht nur seine strahlende Tenor-Stimme vergessen, sondern seine ganze Erscheinung. Kosky hat ihn mysteriös und als Zitat-Gestalt mit verschiedensten Referenzen angelegt. Angekündigt als Schäfer, tritt er zuerst als Cowboy auf, mit einer Mundharmonika, der er allerdings nur seltsam defekte Klänge entlockt, und einer Sonnenbrille, die sofort Helenas Entzücken auslöst.

Von dem Wirbel der Zeichen und Referenzen werden in Koskys Inszenierung nicht nur Szene und Text erfasst, sondern auch die Musik. Wie an diesem Haus gewohnt, erscheint, wenn es besonders fröhlich wird, eine Klezmer-Kapelle auf der Bühne. Wagner, Offenbachs erbitterter Feind gehört zum Lieblingsrepertoire des Priesters Kalchas (Stefan Sevenich im überdimensioniert aufgeblasenen Leib als komische Glanznummer), er erklingt vom nudelnden Grammophon und als comic-strip-artiger Kommentar aus dem Orchestergraben. Beim Stichwort „Verhängnis“ klopft hingegen das Schicksal als Anfang von Beethovens Fünfter an die Tür, und als eine Brieftaube mit einer Botschaft der Göttin Venus einschwebt, macht Mahlers 6.Sinfonie auf die katastrophischen Folgen der Intrige aufmerksam. Der Dirigent Hendrik Nánási schafft es, nicht nur diesen Zitaten eine brennend präzise, jenseits des Komischen geradezu unheimliche Präsenz zu verleihen, sondern er kitzelt aus dem Orchester genau jenen leichten, verspielten und trotzdem latent aggressiven Offenbach-Ton heraus, der diese Musik lebendig macht. Und das Tempo stimmt, im Orchestergraben wie auf der Bühne, wo ein hochmotiviertes Ensemble zum Vergnügen des Publikums zeigen darf, was es außer Singen noch alles kann – vom Rollschuhfahren bis zum Tanzen.