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„We Need to Talk About Kevin“: Die Psychologie des Attentäters

Ezra Miller als Kevin in dem Drama "We need to talk about Kevin".

Ezra Miller als Kevin in dem Drama "We need to talk about Kevin".

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Fugu Filmverleih/dpa

Wer einmal ein Filmset besucht, muss annehmen, dass man dort vor allem mit Warten beschäftigt ist. Doch die Ungeduld der Schauspieler bis eine Szene endlich drehfertig ist, bedeutet nichts verglichen mit dem Warten vieler Filmemacher auf grünes Licht für ihre Projekte. Und es wäre naiv anzunehmen, dass Talent hier irgendetwas beschleunigt. Acht lange Jahre vergeudete die Schottin Lynne Ramsay („Ratcatcher“) auf den Wartebänken Hollywoods. Ihr Projekt „Lovely Bones“ verlor sie an den Regisseur Peter Jackson, auch wenn dieser sich daran gründlich verhob.

Aber nun ist doch noch ein dritter Langfilm der heute 43-Jährigen fertig geworden. „We Need to Talk About Kevin“ ist – dazu führt die Krise des US-Kinos inzwischen – ein amerikanischer Film mit britischem Geld. Aus der Not machte Ramsay eine Tugend: Ihrem Blick auf die Psychologie eines High-School-Attentäters fehlt alles typisch Amerikanische. Er ist universell lesbar. Und ist das vollkommene Gegenstück zu Gus Van Sants Cannes-Gewinner „Elephant“ von 2003. Wo sich der amerikanische Kunstfilmer jeder Erklärung verweigerte, macht sich Ramsay auf psychologische Spurensuche. Und kommt doch zum gleichen Ergebnis: Auch eine Indizien-Fülle erklärt längst nicht das „Warum?“

Bildgewaltiger Film

Mit einer grandiosen Traumsequenz beginnt dieser trotz seiner Tragik betörende, bildgewaltige Film: Da sieht sich die von Tilda Swinton gespielte Eva im orgiastischen Menschenstrom beim Volksfest im spanischen Buñol. Zehntausende bewerfen sich dort jährlich mit Tomaten, doch alles Befreiende des blutroten Matsch-Bads ist für Eva bestenfalls ein Traum. Als die Frau am Morgen zu einem Vorstellungsgespräch fahren will, findet sie ihr Haus und ihr Auto mit blutiger Farbe beschmiert. Eine Passantin attackiert sie, ohne Gegenwehr, auf offener Straße. Ramsay lässt sich Zeit damit, die Vorgeschichte aufzuklären. Was ist überhaupt Vergangenheit?

In Evas Kopf mischen sich glückliche und tragische Bilder in einem wüsten Strudel, und man würde den Traumata dieser Frau nicht gerecht, wenn man diese Bilder in einer Chronologie montierte. Als sich die Mutter zum regelmäßigen Besuch bei ihrem Sohn im Gefängnis einfindet, schneidet die Regisseurin Evas Erinnerungen an eine Schwangerschaftsgymnastik in die Sequenz. In der Literatur würde man von Gedankenstrom-Technik sprechen, doch Lynne Ramsay verzichtet auf eindeutige Anschlüsse, die uns mitteilen könnten: Aha, das ist es also, was die Protagonistin gerade denkt. Viel entscheidender für die Wirkung dieser Bilder ist, dass wir sie genau in diesem Moment zu sehen bekommen. So ist Ramsays Montage subjektiv und objektiv zugleich – und entfernt sich deutlich von der literarischen Vorlage des amerikanischen Autors und Journalisten Lionel Shriver. Dieser wählte die Form eines Brief-Romans und entschied sich damit eindeutig für Evas Perspektive.

Alternativangebot zum deutschen Sommerkino

Lynne Ramsay erzählt ihren Film primär über Bilder und orientiert sich dabei am Stummfilmerbe, als Montage-Experimente das Sowjetkino ebenso auszeichneten wie die Experimente der französischen Surrealisten oder sogar die anspruchsvolleren Filme Hollywoods. Warum sind wir heute im Kino diesen Kunstanspruch kaum noch gewohnt? Wenn „We Need to Talk About Kevin“ jetzt, gut ein Jahr nach seiner Premiere in Cannes, in die deutschen Kinos kommt, trifft er dort auf ein Umfeld leichter Sommerkomödien. Man kann nur hoffen, dass dieses Alternativangebot angenommen wird.

Kunstvoll ertastet sich Ramsays Bild-Erzählung den Lebensweg einer überforderten, aber wohlmeinenden Mutter. In der anfänglichen Schwierigkeit, ihr Kind zu lieben, erahnt man, dass die Parallelsetzung von Gefängnis und Mutterleib wohl auch ins Symbolische weisen sollte. Evas Ringen um Liebe trifft bei dem heranwachsenden Kevin auf zunehmende Feindschaft, die schließlich sadistische Züge annimmt. Dennoch kämpft die Mutter ernsthaft um Kevins Zuneigung – und schürt dabei unfreiwillig noch dessen Gewaltbereitschaft. Mit einem gefährlichen Sportgerät, Pfeil und Bogen, trifft sie endlich einmal seinen Geschmack – und gibt dessen Aggressivität ein Ventil wie ein Instrumentarium zugleich. Aber gibt es wirklich einen Zusammenhang zwischen dem kindlichen Robin-Hood-Spiel daheim und dem späteren Schul-Massaker des inzwischen 16-jährigen Hobby-Bogenschützen?

Die psychologisch stringente Motivierung gilt als Tugend im US-amerikanischen Kino. Selbst der Horror-Film, ein Genre, das Ramsays virtuos zitiert ohne ihm zu verfallen, mischt Unerklärliches gern mit dem Nur-allzu-Nachvollziehbaren. Doch nur schlechte Psychologen kommen schnell mit plausiblen Erklärungen daher. Lynne Ramsay breitet dagegen Lebensfragmente vor dem Zuschauer aus und überlässt ihm auch die Einordnung. Das Ergebnis ist verblüffend: Wo man zu Anfang Partei ergreifen möchte, ist man schließlich vorsichtig. Wie schnell ertappt man sich selbst dabei, etwa den Eltern von Amokläufern die Schuld für die Untaten ihrer Kinder zu geben. Aber was wäre, wenn es Eltern auch beim besten Willen nicht gelingt, ein natürliches, liebevolles Verhältnis zu ihren Kindern aufzubauen? Kann man ihnen einen Vorwurf daraus machen?

Auf das im Filmtitel eingeforderte klärende Gespräch über Kevin muss die von Tilda Swinton mit meisterhafter Zurückhaltung gespielte Eva vergeblich warten. Wahrscheinlich beginnt es erst, wenn der Film zu Ende ist, im Kopf des Zuschauers. Welches Konkurrenzprogramm in diesem Kinosommer kann das noch von sich behaupten?

We Need to Talk About Kevin USA/GB 2011. Regie: Lynne Ramsay, Drehbuch: Lynne Ramsay, Rory Kinnear, nach der Buchvorlage von Lionel Shriver, Kamera: Seamus McGarvey, Darsteller: Tilda Swinton, John C. Reiley, Rocky Duer u. a.; 111 Minuten, Farbe. FSK ab 16. Ab morgen im Kino.