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Berliner Zeitung | „Zentrum für politische Schönheit“: Die Show, die ihr Leben verändert
26. May 2014
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„Zentrum für politische Schönheit“: Die Show, die ihr Leben verändert

In Wirklichkeit ist Ministerin Schwesig nicht Schirmherrin dieser Aktion.

In Wirklichkeit ist Ministerin Schwesig nicht Schirmherrin dieser Aktion.

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DPA/Hannibal Hanschke

Die Lippen, über die das Wort von der Apokalypse in Syrien kommen, sind tiefrot. Sie sagen: „Die Bevölkerung Syriens wird vor unseren Augen in Zeitlupe getötet.“ Die junge schöne Frau, die da spricht, trägt ein schwarzes Kleid, tief ausgeschnitten, hochhackige Pumps, ihre Wangen sind schwarz von Ruß. Von Fassbomben spricht sie, das sind Ölfässer gefüllt mit Sprengstoff, Metall, Nägeln. „Lassen Sie mich Ihnen zeigen, was passiert, wenn eine solche Bombe ein Kinderzimmer trifft.“ Und dann sieht man auf einer Leinwand am Berliner Bahnhof Friedrichstraße Männer im Schutt wühlen. Sie schreien. Einen winzigen Arm graben sie aus, einen Kopf, einen Körper. Sie bergen ein Kind, zwei Jahre alt. Mutter und Schwester sind tot. „So sieht der Zivilisationsbruch in Syrien aus“, sagt die Frau.

Es ist eine Performance, die hier stattfindet, inszeniert von der Berliner Künstlergruppe „Zentrum für politische Schönheit“ um Philipp Ruch. Eine Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, nennen sie sich. 2009 haben sie Angela Merkel in den Philippinen bei Ebay versteigert. Zustand: Gebraucht, visionslos, uninspirierend. 2012 kündigten sie an, das Werk des Waffenproduzenten Heckler&Koch in Süddeutschland unter Blei und Sand verschwinden zu lassen, so wie Tschernobyl, damit aus dem „tödlichsten Unternehmen Deutschlands“ keine tödlichen Produkte mehr entweichen können. Sie wollten 1000 Rettungsinseln für Flüchtlinge im Mittelmeer einrichten, damit weniger ertrinken. Seerosen für Afrika nannten sie das Projekt. Es sind Versuche, ethische Konzepte auf die Wirklichkeit zu übertragen. Die Diskrepanz, die sich dabei auftut, lässt die Sturmtruppe für sich sprechen.

Geweckte Empfindlichkeiten

Philipp Ruch hat nichts dagegen, dass man das, was er macht, Aktionskunst nennt. Er sitzt auf einer Couch unter einem Zelt bei den beiden Containern, die sie hier am Bahnhof aufgestellt haben. Er ist 33, trägt einen Dreitagebart. An der Humboldt-Universität hat er Politische Theorie studiert, später hat er am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung im Forschungsbereich „Geschichte der Gefühle“ gearbeitet. Vorhin war die Polizei da. Die Kombination des Themas Flüchtlinge mit Sofas scheint seit dem Flüchtlingslager auf dem Oranienplatz bei den Ordnungskräften Empfindlichkeiten zu wecken.

Herein tritt Fritz Felgentreu, der Bundestagsabgeordnete aus Neukölln, SPD, Mitglied im Familienausschuss. „Sie hatten uns angeschrieben“, sagt er. Seine Mitarbeiterinnen hätten das Schreiben interessant gefunden. „Wir haben Ihnen hier einen Akt politischer Schönheit hingestellt“, sagt Philipp Ruch. Politik sei ja die höchste Form der Kunst. „Gute Politik natürlich.“ Ob Felgentreu nicht die Innenminister der Länder anrufen könne. Von ihnen hinge es ab, ob Deutschland syrische Kinder aufnehmen werde, er hat das recherchiert. Felgentreu spricht von Bürokratie. Ruch verliert das Interesse.

Stunden später, es ist kurz nach acht, ein warmer Abend, auf der Leinwand rotiert ein Glücksrad. „Hier ist sie wieder, die Show, die ihr Leben verändert“, sagt die Frau. „1 aus 100“. Hundert Bilder von Kindern hängen an den Containerwänden, jedes mit einer Nummer versehen, unter jedem eine Nummer, die man wählen kann, um einem Kind seine Stimme zu geben. „Dieser Anruf kostet 50 Cent aus dem deutschen Festnetz.“ Da ist die Nummer 61, ein Achtjähriger aus Aleppo, die Nummer 17, eine Dreijährige aus Damasg, die Nummer 46, ein Sechsjähriger aus einem Flüchtlingslager. Es sind Videostills von Filmen, die Syrer auf Youtube stellen. Manche Kinder weinen, manche sind blutüberströmt. Pervers käme es einem vor, eines von ihnen auszuwählen, die anderen aber ihrem Schicksal zu überlassen. Also macht man gar nichts. Das will man aber gerade nicht. − Solcher Art sind die Gedankengänge, in denen man sich verirrt und bald verloren fühlt.

Die schöne junge Frau spricht von notwendiger Selektion. „Wir können nicht alle retten.“ Meint sie das ernst, oder ist es eine Provokation? Ist es eine Provokation, weil es ernst gemeint ist? Vielleicht vierzig Menschen hören an diesem Abend zu. „Dieses eine Kind wird dann Familienministerin Manuela Schwesig retten, die anderen können weiter sterben.“ Zynisch klingt das, das gehört zum Charakter der Kampagne zwischen Klamauk und Verzweiflungsakt. „Ich finde diesen Zynismus großartig“, sagt eine junge Zuschauerin. „Was soll man sonst machen.“

Keine Trennung und Ethik und Ästhetik

Das Spektakel erinnert an das die Grenzen zwischen Leben, Politik und Kunst überschreitende Theater Christoph Schlingensiefs, aber auch an die Frauenrechtsaktivistinnen Femen. Im Programm der Gruppe ist von aggressivem Humanismus die Rede. „Das darf man nur anwenden, wenn es um Leben und Tod geht“ sagt Ruch. Aber zentral ist der Begriff Schönheit, das, was nützlich und gut ist. „Es gibt keine Trennung von Ethik und Ästhetik“, sagt er. „Alles, was ethisch ist, ist unfassbar schön.“ Ein Beispiel? Brandts Kniefall in Warschau. Doch diese Schönheit findet er nicht mehr in der Politik, die sich mit Themen wie Rentenalter oder Straßenmaut beschäftigt, Nebensächlichem, wie er findet. Seine Kunst ist das letzte Mittel.

Seit drei Wochen hat die Gruppe die syrischen Flüchtlingskinder auf der Agenda. Sie haben eine Internetseite geschaffen, auf der das Bundesfamilienministerium nach Pflegefamilien für syrische Flüchtlingskinder sucht, im Namen der „Kindertransporthilfe des Bundes“, mit Briefkopf und Logo. Sie haben eine Hotline geschaltet. Alles ein Fake, aber mit todernstem Hintergrund. 700 Familien haben sich gemeldet. Das Theater ist ins Leben eingedrungen, und das Leben ins Theater. Die Idee steht im Raum, die Fiktion könnte Wirklichkeit werden.

Der Ort für die Performance „1 aus 100“ ist mit Bedacht gewählt. Nicht weit von den Containern entfernt steht das Denkmal für die Kindertransporte während der NS-Zeit, mit deren Hilfe jüdische Kinder vor dem Holocaust gerettet wurden. „Ein heroischer Rettungsakt“, sagt Philipp Ruch. „Es war die Zerstörung deutsch-jüdischer Familien.“ Das klingt wie ein Widerspruch, doch ist beides wahr

Die Lehren des Holocaust sind der Bezugspunkt der Gruppe, ihr Leuchtturm. Manchmal benutzen sie dessen Codes. 2010 haben sie die Pillars of Shame errichtet, einen Schuhberg vor dem Brandenburger Tor, um an den Mord von Serben an bosnischen Muslimen in Srebrenica zu erinnern. Sie reiben sich an dem Dogma der Einzigartigkeit des Holocaust. „Nie wieder Auschwitz, das ist das politische Fundament der Bundesrepublik“, sagt Philipp Ruch. Nie wieder ein solcher Zivilisationsbruch, heißt das. „Unterlassene Hilfeleistung ist ein Straftatbestand“, sagt er. „Nur nicht im Völkerrecht.“ Es wirkt provozierend, wenn das moralische System beim Wort genommen wird. Das Gedenken des Holocausts werde durch die politische Teilnahmslosigkeit angesichts des Sterbens der syrischen Bevölkerung annulliert. „Und in 20 Jahren wird ein deutscher Außenminister nach Damaskus fahren und sagen, das, was in Syrien geschehen sei, dürfe sich nie wiederholen.“ Es ist leider nicht unwahrscheinlich, dass es so kommen wird.