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Berliner Zeitung | 14. Architekturbiennale Venedig: Die Moderne gibt es nicht
06. June 2014
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14. Architekturbiennale Venedig: Die Moderne gibt es nicht

Eine Musterplatte im chilenischen Pavillon: So wollte die Sowjetunion nach dem Sieg Salvador Allendes den Wohnungsbau im Bruderstaat ankurbeln.

Eine Musterplatte im chilenischen Pavillon: So wollte die Sowjetunion nach dem Sieg Salvador Allendes den Wohnungsbau im Bruderstaat ankurbeln.

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ArchitekturBiennale

Berlin -

Die 1960er waren offenbar eine rundum tolle Zeit. Elegant, lebens- und zukunftsfroh, mit der Aussicht auf immerwährenden sozialen, materiellen und kulturellen Aufstieg. Oder schlägt sich in den Installationen, Debatten, Katalogen und Büchern, den Modellen, Plänen und Filmen der 14. Architekturbiennale von Venedig nur die Jugendnostalgie der Babyboomer nieder, deren Höchstgeburts-Jahrgang 1964 in Deutschland zugleich das Umschlagen der demografischen Kurve markierte? Doch auch die Dominikanische Republik, die als erster karibischer Staat überhaupt teilnimmt, feiert mit kraftvollen Farbfotografien ihre damals entstandenen Bauten als Ausdruck gesellschaftlichen Aufstiegs. Zu sehen ist darauf aber auch der malerische Verfall dieser geschwungenen Betonarchitekturen, der mit dem Aufstieg des Neoliberalismus in den späten 70ern beginnt, mit dem Abschied von der seit den 40ern so erfolgreichen Idee, dass der Staat das Leben seiner Bürger absichern soll.

„Absorbing Modernity 1914–2014“, also etwa: Verinnerlichung der Moderne, gab Chefkurator Rem Koolhaas den Kuratoren der 66 Länderpavillons für diese Architekturbiennale als Thema vor. Das Ergebnis – in dem gewichtigen Katalog ist auch Koolhaas davon überrascht – zeigt, dass seine Ausgangsbehauptung, „die“ Moderne habe regionale und nationale Unterschiede verschleift, blanker Unsinn ist. Eher scheint das Gegenteil zu stimmen: Unterm Dach einer internationalen Ästhetik – wie es sie mit Gotik, Renaissance, Barock, Klassizismus auch früher gab – haben sich Einzelidentitäten umso schärfer ausgebildet. Wenn Finnland heute seine kernigen Holzbauten nach China exportiert, werden sie als genuin finnisch vermarktet. Die Niederlande feiern Jaap Bakema als Schöpfer der Fußgängerzone Lijnbaan in Rotterdam, Großbritannien inszeniert sich als fröhliches Land der Popkultur, zu der auch die Massensiedlungen der 60er gehören.

Portugals Brutalität

Auch die sozialistische Platte war einmal ein Versprechen: Nach dem Sieg Salvador Allendes bot die Sowjetunion ihm an, den chilenischen Wohnungsbau anzukurbeln. Eine Musterplatte wurde geschickt, der Präsident signierte sie sogar. Dann kam der Putsch Pinochets, das Muster wurde umgewidmet zu einer Straßenkapelle, die Unterschrift Allendes getilgt. Jetzt steht die Platte in Venedig, neben vorzüglichen Modellen von Plattenbauten, die zeigen: Auch der industrielle Wohnungsbau hat seine Entfaltungsmöglichkeiten.

Der brutalste Pavillon ist der Portugals. Knallgelb gestrichen, zeigt er nur zwei Zeitungsständer, in denen Blätter ausliegen, die auch vom regionalen Wohnungsbau seit 1914, vor allem aber von der Krise berichten, die derzeit alles Bauen stranguliert. Welch ein Kontrast zur üppigen Schau Mondoitalia in den Arsenal-Hallen. Hier schwelgt Italien in der Erinnerung an die große Zeit seiner Moderne, an Vespa, Fellini, sozialen Wohnungsneubau, Design. Und es zeigt schonungslos den Niedergang Italiens, mit Fotos der Mafiaboss-Villen in Mailand, der Landschaftszerstörung für Tourismus und Industrie, Berlusconis Korruption.

In seinem neuen, mithilfe von 250 Studierenden erarbeiteten Forschungsprojekt „Fundamentals“ zeigt Rem Koolhaas die Grundbauteile dieser vielen Modernen: Wie entstand die heutige Wassertoilette? Was verbindet Türschlösser, Ritterrüstungen, Falltore, Scanneranlagen auf Flughäfen und Netzverschlüsselung? Das Bedürfnis nach Sicherheit. Eine grandiose Auswahl aus einer riesigen Privatsammlung von Fenster- und Türrahmen führt uns Stilgeschichte im Detail vor. Müssen Wände immer fest und starr sein, Rolltreppen immer gerade fahren? Man mag Koolhaas und seine Attitüde des Welterklärers nervig finden: Diese Ausstellung ist einfach nur toll, bunt, ein Vergnügen, bei dem man sehr viel lernen kann. Die Kataloghefte waren schon am Eröffnungstag ein Renner.

Vieldeutiger deutscher Pavillon

Vor dem Hauptpavillon steht das 1:1-Modell des 1914 von Le Corbusier entwickelten Stahlbetongerüsts Domino. Seine Idee, eine Architektur nur aus Pfosten, Decken und Dachplatten zu schaffen, war damals revolutionär. Heute verrotten solche Dominos als in Industriebeton gegossene Hoffnungen weltweit. Indonesien verteidigt dagegen in einer hinreißend schönen Filminszenierung die Werte des traditionellen Handwerks – aber feine balinesische Tempel und javanische Paläste sind keine Bauaufgaben mehr. In Israel dienten als „modern“ bezeichnete Stadtplanungs-und Architekturvisionen dazu, die vorhandenen Städte und Landschaften regelrecht zu überschreiben: Große Druckernadeln zeichnen in den eigens antransportierten Wüstensand Pläne von Siedlungen und Häusern, das Verschwinden der arabischen Dörfer – ein Besen geht darüber hinweg, die Landschaft ist scheinbar wieder frei, um neuerlich geformt zu werden.

Ähnlich vieldeutig zeigt sich auch der deutsche Pavillon: Da steht vor der Pfeilerfassade von 1938 der schwarze Amtsmercedes Helmut Kohls, ein roter Teppich führt durch das monumentale Portal in den nachgebauten Bonner Kanzlerbungalow von 1964. Ein schönes Bild. Aber was sagt es aus? Ist das Moderne an sich? Oder der Kontrast der Modernen von Nazis und der Bundesrepublik? Dass die Kuratoren Alex Lehnerer und Savas Chiriacidis ein Riesengewese gemacht haben, um ihre Ideen nicht öffentlich debattieren zu müssen, hatte vielleicht doch einen Sinn: Sie machen ein reines Formenspiel. Sonst hätten sie wohl noch radikaler rekonstruiert, auch die Einrichtung des Bungalows in Venedig nachgebaut. Was hätte besser die Demokratisierung Deutschlands zeigen können als der Kontrast zwischen dem Wohnbau, der zur wichtigsten Repräsentationsarchitektur der Bonner Republik gehört, und der gewalttätigen staatlichen Museumsarchitektur aus der Nazi-Zeit?