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Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

20 tollkühne Berlinerinnen erzählen Stadtgeschichte

Rollenfoto der Schauspielerin Fritzi Massary, nach 1918

Rollenfoto der Schauspielerin Fritzi Massary, nach 1918

Foto:

Stadtmuseum Berlin

Dieses spitzenbesetzte Korsett hätte man hier nicht vermutet, doch es ist das erste Ausstellungsstück, dem man beim Rundgang begegnet. Es ist ein Kleidungsstück, das einengt, die Luft abschnürt, dabei geht es doch im Ephraim-Palais um 20 couragierte Frauen, allesamt Pionierinnen auf ihrem Gebiet. Sie wurden dadurch stark, dass sie sich über Konventionen hinwegsetzten, die so ein Korsett symbolisiert, sie überwanden, jedenfalls so weit das in ihrer Macht stand. Erst 1908 wurden Frauen in Preußen zum Universitätsstudium zugelassen, eine verheiratete Frau musste ihren Ehemann um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollte, sie konnte in der Bundesrepublik bis 1957 ohne ihn nicht einmal ein Bankkonto eröffnen.

Katharina Heinroth wäre wohl nie Zoodirektorin geworden, wenn es nicht nach dem Krieg an qualifizierten Männern gefehlt hätte. Dabei hatte sie in ihrer Geburtstadt Breslau Zoologie studiert und als erste Frau in diesem Fach promoviert. 1945 wird sie mit der Leitung des schwer zerstörten Zoologischen Gartens betraut, in dem nur 91 Tiere überlebt hatten. Die Ausstellung zeigt sie auf einem tollen Schwarz-Weiß-Foto, da legt sie ihren Arm um einen Mississipi-Alligator. Was könnte die Unerschrockenheit und das Unzimperliche an dieser Frau besser ausdrücken.

Tollkühne Frauen umrunden die Welt

Den Alligator machten in Berlin stationierte US-Soldaten dem Zoo zum Geschenk. Fast 2 000 Tiere hat der Zoo dann Mitte der 50er-Jahre. Doch auf der Texttafel zu dem ihr gewidmeten Raum erfährt man unter der Überschrift „Tu was, dann wird dir besser!“, dass die Zoologin trotz ihrer Erfolge 1956 auf Beschluss des Aufsichtsrats zurücktreten muss. Keine 60 ist sie damals.

Wie in einer solchen Atmosphäre tollkühne Frauen wie die Pilotin Elly Beinhorn heranwachsen konnten? Mit Anfang 20 zieht sie von Hannover nach Berlin und macht 1929 gegen den Willen ihrer Eltern den Sportpilotenschein, tritt als Kunstfliegerin auf. 1931/1932 umrundet sie als erste allein fliegende Frau in einem Flugzeug die Welt. Es gibt einen kurzen Filmausschnitt, da sieht man sie nach einem ihrer abenteuerlichen Langstreckenflüge in Tempelhof ankommen. Eine Menschenmenge erwartet sie dort, Rosensträuße werden ihr entgegengehalten. Aber eine Arbeit als Pilotin bei der Lufthansa bekommt sie trotzdem nicht. „Bange machen gilt nicht“, wird als ihr Motto herausgestellt.

Es ist die Gründung des Lette-vereins zur Förderung der Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechts vor 150 Jahren, die den Anlass zu dieser Ausstellung gegeben hat. Seine erste Leiterin Anne Schepeler-Lette ist eine der vorgestellten Frauen. Manche kennt man gut, die Künstlerin Käthe Kollwitz etwa, die Fotografin Gisèle Freund, die Tänzerin und Choreografin Mary Wigman. Ein Film zeigt ihren noch heute modern wirkenden Hexentanz. Oder die Sängerin Fritzi Massary – ihr glamouröser Fächer aus weißen Straußenfedern liegt in einer Vitrine.

Zwangsarbeiterinnen und Trümmerfrauen

Die Trümmerfrau Anni Mittelstädt dagegen ist nicht so bekannt. Von ihr gibt es auch nicht viel zu zeigen. In ihrer Ecke sind ein paar grobe Lederschuhe ausgestellt, die einmal eine dieser Frauen getragen hat. Und es gibt einen Fernsehbeitrag über Anni Mittelstädt, die den Klub der Berliner Trümmerfrauen gründete. Nichts Exklusives, nur eine Gelegenheit dieser oft alleinlebenden Frauen, sich zu treffen. Ein Pianist spielt, und sie singen dazu.

Die Fotografin Eva Kemlein ist direkt mit dem Lette-Verein verbunden, sie hat ihren Beruf hier gelernt. Sie entstammt einem jüdischen Elternhaus und arbeitet während der Nazi-Zeit in der Rüstungsindustrie, später als Zwangsarbeiterin bei einem Lumpenhändler. Der Familiendeportation entgeht sie nur knapp, sie taucht unter bei dem kommunistischen Regisseur Werner Stein, den sie später heiratet. Ihre Leica hat sie in all dieser Zeit immer bei sich. Im Mai 1945 wird sie die erste Bildreporterin der Berliner Zeitung. Zuerst hält sie fest, wie sich das Leben im Nachkriegs-Berlin zeigt, freche Jungs in viel zu großen Anzugjacken, die auf dem Schwarzmarkt mit Zigaretten hantieren. Später wird sie Theaterfotografin.

Gisèle Freund, Selbstporträt mit Kamera, 1950

Gisèle Freund, Selbstporträt mit Kamera, 1950

Foto:

Stadtmuseum Berlin/Oliver Ziebe

So verschieden wie die Frauen, so unterschiedlich ist ihr Einfluss, man erfährt hier nicht nur Neues über die Emanzipationsbewegung, sondern auch über Berlin. Am sichtbarsten ist vielleicht das Erbe der Architektin Emilie Winkelmann, sie baute zahlreiche Privathäuser, aber auch das erste Studentenwohnheim Europas am Ernst-Reuter-Platz. Beim Architekturstudium 1902 in Hannover war sie nur als Gasthörerin zugelassen, eine Diplomprüfung durfte sie nie ablegen. „Ist das lange her!“, mag man sich denken. Aber hunderprozentig hinter sich gelassen haben Frauen diese Zeit der Ungleichkeit auch nicht.