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Adorno-Preis an Judith Butler: Selbstbehauptung und Gerechtigkeit

Micha Brumlik unterstützt die Verleihung des Adorno-Preises an die amerikanische Philosophin Judith Butler.

Micha Brumlik unterstützt die Verleihung des Adorno-Preises an die amerikanische Philosophin Judith Butler.

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Andreas Arnold

I.Stephan J. Kramer hat Judith Butler geantwortet, jetzt – kurz vor der Frankfurter Preisverleihung – nähert sich der Streit um sie seinem Höhepunkt und nimmt dabei Züge deutlicher Intellektuellenfeindschaft an. So wird jetzt sogar jener Autor, nach dem der Preis, den Butler empfangen soll, benannt ist, kritisiert. Viele, die im Namen Adornos gegen die Preisverleihung protestierten, könnten sich nun desavouiert sehen, stellt doch etwa der Publizist Richard Herzinger treffend fest, dass Butler durchaus in Adornos und Horkheimers Bahnen denkt: „Vor allem aber war Adorno und Horkheimer, die ausdrücklich keine Zionisten waren, die jüdische Staats- und Nationswerdung grundsätzlich, gleichsam philosophisch, suspekt. Denn sie sahen in dieser Bildung jüdischer staatlicher Macht- und Herrschaftsstrukturen eine Abkehr von der universalistischen Ethik des Judentums, das seine Kraft gerade daraus beziehe, sich nie mit der Macht verbunden zu haben.“

II. Stephan Kramer jedenfalls, der Adorno als verfolgten Juden und nicht als verfolgten Intellektuellen reklamiert, will Butlers Distanzierung von früheren, vor Jahren in erregter Diskussionsatmosphäre getanen Aussagen, nicht akzeptieren. Das ist hierzulande ungewöhnlich: Nach den üblichen Spielregeln des verbandspolitischen Betriebs wird nach derartigen Distanzierungen die Polemik eingestellt und dem attackierten Gegner eine neue Chance geboten. Im Falle Butlers – deren Auszeichnung mit dem Adorno-Preis ich hier noch einmal ausdrücklich unterstützen möchte – gilt das offenbar nicht. Warum ist das so?

Die Ursache dürfte die weiterhin ungebrochene Bereitschaft Butlers sein, wenn auch selektiv mit der gewaltfrei agierenden Boykottkampagne BDS zu kooperieren. Aller Gewaltfreiheit zum Trotz nämlich ziele diese Kampagne auf die Zerstörung Israels. Dass sich Butler von dieser Kampagne unter Vorbehalten distanziert habe, „macht“ so Kramer „ihre Komplizenschaft nicht viel besser. Die BDS-Kampagne ist ein ökonomischer und politischer Schauplatz der Kriegsführung gegen Israel“. Tatsächlich hatte Butler erklärt: „Ich unterstütze die Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions in einer sehr bestimmten Weise. Manche ihrer Erscheinungsformen lehne ich ab, andere befürworte ich. Ich bin gegen Investitionen in Unternehmen, die militärisches Gerät ausschließlich zu dem Zweck herstellen, Häuser zu zerstören. Ebenso lehne ich Vorträge an israelischen Institutionen ab, die sich nicht eindeutig gegen die Besetzung aussprechen.“

Der Preis der Selbstbehauptung

III. Der Logik leidenschaftsloser Argumentation gemäß hätte Kramer hier sachliche Gründe dafür aufbieten müssen, warum genau diese Ziele des „Boykotts“ abzulehnen sind. Doch trifft sein politisches Gefühl durchaus etwas Richtiges: Tatsächlich trifft nämlich Butlers zweites Boykottziel beinahe die gesamte jüdisch-israelische Gesellschaft, denn: mit Ausnahme einiger nun wirklich linker Departments an israelischen Universitäten bzw. kleiner, besatzungskritischer NGOs wie „Breaking the Silence“, „New Israel Fund“ und „Skhorot“ (Erinnerungen – nämlich an zerstörte arabische Dörfer) sowie die „Rabbis for Human Rights“ dürfte es keine Institutionen des israelischen Staates und seiner Gesellschaft geben, die sich „eindeutig“, so Butlers sehr anspruchsvolles Kriterium, „gegen die Besetzung aussprechen.“ Damit läuft Butlers Forderung tatsächlich auf nichts anderes als auf einen beinahe totalen Boykott auf dem Feld kulturellen Austauschs mit Israel hinaus.

IV. An diesem Streit offenbart sich die bisher verdeckte Logik der Auseinandersetzung: So scheint es heute – auch und gerade für Israels Freunde – kaum noch möglich, zwischen dem 1948 gegründeten Staat Israel und den 1967 besetzten Gebieten, damit der völker- und menschenrechtswidrigen Besiedlungs- und Annexionspolitik, die zunehmend auch die innen- und gesellschaftspolitische Atmosphäre Israels vergiftet, zu unterscheiden.

Damit ist man wieder bei Richard Herzingers durchaus hellsichtigen Beobachtungen: Im Judentum – das lässt sich bis in die prophetischen Schriften der Hebräischen Bibel, des Alten Testaments zeigen – existierte seit jeher und niemals endend eine dialektische Spannung zweier Pole: Einem Impetus ethnischer Selbstbehauptung angesichts extremster Gefährdung stand immer der universalistische Schrei nach allseitiger Gerechtigkeit entgegen.

V. Dass beide Motive, das Motiv unbedingter Selbstbehauptung und das Motiv universeller Gerechtigkeit, allemal historisch und mit Interessen vermittelt, gesellschaftlich codiert und politisch situativ angeeignet werden, liegt auf der Hand. Gleichwohl geht es im Streit zwischen Kramer und Butler um die Frage, welchen moralischen Preis Juden und Jüdinnen im einundzwanzigsten Jahrhundert – nach der Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden und der mörderischen Bedrohung des Staates Israel durch das klerikalfaschistische Regime in Teheran – für ihre Selbstbehauptung bezahlen wollen.

Wetterleuchten am politischen Horizont

Dabei ist die unterschiedliche Ausgangslage in Europa und Israel bzw. den USA zu berücksichtigen: Für die USA (und ihre jüdische Minderheit) war der Zweite Weltkrieg trotz hoher Opferzahlen – im Unterschied zum Krieg in Vietnam – ein Erfolg, vor allem aber: Jüdinnen und Juden spielten in den USA der 1960er Jahre eine herausragende, führende Rolle in der schließlich erfolgreichen Bürgerrechtsbewegung. In Europa hingegen hob der 1948 ausgerufene Staat Israel, der die europäischen Juden auch bei früherer Gründung nicht hätte retten können, anfänglich zwar den Stolz, das angeschlagene Selbstbewusstsein der Überlebenden; bald aber überschattete die Sorge um die Bedrohung Israels durch seine arabischen Nachbarn das neu errungene Selbstbewusstsein und weckte traumatische Erinnerungen. Indem diese Sorge bis zur Ununterscheidbarkeit mit gewöhnlichem Nationalismus und religiösem Fundamentalismus verschmolz, bildete sie den Boden für das, was man heute als „bedingungslose Solidarität“ mit Israel bezeichnen könnte.

Gleichwohl bricht diese bedingungslose Solidarität zumindest unter jüdischen Intellektuellen derzeit auf: In Israel sind es die Romanciers Amos Oz und David Grossmann, die politischen Publizisten und Wissenschaftler Avraham Burg, Akiva Eldar, Idith Zertal, Moshe Zuckermann und Gerschom Gorenberg, in Großbritannien der verstorbene Politologe Tony Judt sowie – soeben – der Publizist Tony Lerman, in Frankreich die Autorin Diana Pinto, in den USA Peter Beinart und eben Judith Butler, die ihre Stimmen erheben. Sie alle wollen aus einem prophetischen Impuls heraus nachweisen, dass die Siedlungs- und Besatzungspolitik Israels nicht nur ungerecht ist, sondern das Projekt des jüdischen Staates ebenso zerstört wie es die Zukunftschancen der Juden weltweit beeinträchtigt.

Dass die in Israel herrschende rechtskonservative/religiöse Regierungsmehrheit diese Stimmen auch auswärtig bekämpft und unterdrücken will, ist nur zu verständlich. Die Interventionen des israelischen Botschafters in Deutschland gegen die Preisverleihung an Butler belegen das ganz offen. Ob sich die Verbände von Jüdinnen und Juden in der Diaspora weiterhin bedingungslos dem jeweiligen Kurs israelischer Regierungen anschließen, wird die Zukunft zeigen. Die Auseinandersetzung um Judith Butler stellt somit – metaphorisch gesprochen – einen Blitz, ein Wetterleuchten am politischen Horizont der Juden in der Diaspora dar.

Micha Brumlik lehrt als Erziehungswissenschaftler an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.