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Berliner Zeitung | Affäre Wulff und die Medien: Bitte keine Krokodilstränen!
11. January 2012
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Affäre Wulff und die Medien: Bitte keine Krokodilstränen!

Bildende Kunst: eine Illustration von unserem Kolumnisten.

Bildende Kunst: eine Illustration von unserem Kolumnisten.

Foto:

Klaus Staeck

Wenn jemand in ‚Bunte‘ nicht vorkommt, kommt er unter Umständen auch im öffentlichen Bewusstsein nicht vor“, orakelte schon vor fünf Jahren Patricia Riekel, Chefredakteurin dieses kunterbunten Wochenblattes. Was für die Promipostille mit Begegnungszwang in Wartezimmern aller Art gilt, kann selbstverständlich auch für das Massenblatt Bild gelten. Hat doch schon ein ehemaliger Bundeskanzler offenherzig bekannt, dass er zum Regieren nur „Bild, BamS und die Glotze“ brauche.

Sogar ein saarländischer Links-Politiker war sich nicht zu schade, dieser Wurfsendung mit dem „Herz für Kinder“ als Kolumnist zu dienen. Ganz zu schweigen von der Großfeministin Alice S., die sich trotz täglicher Titelnackedeis und schlüpfriger Kontaktanzeigen gleich in verschiedenen Rollen bei Deutschlands größter Drucksache verdingte.

In tiefer Verachtung verbunden

Die Zahl ist Legion, die mit Bild einen Deal machten oder glaubten, einen Deal machen zu können: aus Aufmerksamkeitssucht oder schlicht aus Feigheit. Der Platz dieser Kolumne reicht nicht aus, um all die mir persönlich bekannten Zeitgenossen aufzuzählen, die diesem Blatt zwar in tiefer Verachtung verbunden sind, aber am Telefon stramm-verkrampft Haltung annehmen, wenn sich die Bild-Zeitung meldet. Hat sich doch in die Seelen der meisten öffentlichen Personen eingeschlichen, dass man um diesen medialen Gerichtshof nun mal nicht herumkomme.

Dabei haben die Akteure aus dem Springer-Hochhaus ihren Fahrgästen immer mit auf den Weg gegeben: „Wer mit uns im Fahrstuhl hochfährt, fährt mit uns auch wieder runter.“ Na und ?! Jetzt fährt nun eben der amtierende Bundespräsident mit seinen vermeintlichen Freunden wieder abwärts.

Insoweit kann ich darin noch kein regelwidriges Verhalten erkennen. Spätestens seit dem Fall des Malers Jörg Immendorff kannte man dieses Verfahren. War er doch einer der ersten Künstler, der exklusiv für das Blatt eine ganze Seite gestaltete, mit anschließender Signierstunde bei Hofe. Das hat ihn jedoch keineswegs davor geschützt, tagelang wegen seines vermeintlich orgiastischen Treibens auf den Titelseiten geradezu verfolgt zu werden. Wer also immer noch glaubt, mit Bild einen Deal machen zu können, dem ist nun wirklich nicht mehr zu helfen.

Irgendwann wird es auch Bohlen, Beckenbauer, Kerner und Gottschalk erwischen. Ja, auch unser aller Thomas, der nun nicht mehr wetten will. In einer schon seit Monaten laufenden Image-Kampagne unter dem Slogan „Bild Dir Deine Meinung“ meldet er sich auffällig gewunden mit folgender Botschaft an die Massen: „BILD HAT MICH ERST ZUR SCHNECKE GEMACHT UND DANN ZUM ‚TITAN‘! WER IN DEUTSCHLAND WAS WERDEN WILL, MUSS DA DURCH!“

Nein, lieber Thomas, MUSS ER NICHT! Das mag vielleicht für Angsthasen und Feiglinge gelten – Gegenbeispiele gibt es dennoch genug, auch wenn sich an dieser Werbekampagne Sportler, TV-Brutzler, Dauer-Talker, Mode-Junkies, Comedy-Kasper und Konzern-Chefs beteiligen. Da lobe ich mir doch zwei couragierte Frauen: Charlotte Roche und Judith Holofernes. Seit Günter Wallraff haben sich nur wenige mit dem Kartell derart angelegt.

Jammern ändert nichts

Was ich gar nicht mehr hören kann, ist das Gejammer über Bild als neuen Wächter der Meinungsfreiheit und seine nun voll ausgelebte Meinungsführerschaft. All jenen Medienvertretern, die jetzt Krokodilstränen über diesen Zustand vergießen, sei nur zugerufen: Ihr habt es doch so weit kommen lassen, jedenfalls zugelassen. Nun lebt auch damit oder ändert es.