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Berliner Zeitung | Album „This Silence Kills“: Dillon arbeitet am Lied
13. December 2011
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Album „This Silence Kills“: Dillon arbeitet am Lied

Songschreiben ist wie Kotzen: Dominique Dillon de Byington alias Dillon.

Songschreiben ist wie Kotzen: Dominique Dillon de Byington alias Dillon.

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BPITCH CONTROL

Vielleicht sollte man ein wenig überrascht sein, dass Dillons „This Silence Kills“ bei Bpitch Control erscheint. Das Albumdebüt der in Berlin lebenden Sängerin besteht aus zwölf überwiegend zärtlichen Songs, das Label dagegen kennt man seit dem Jahr 1999 als eine der Institutionen des Berliner Techno; die Labelgründerin Ellen Alien gehörte zuvor lange Jahre zu den Resident-DJs des berühmten Tresor Clubs.

Allerdings haben sich in den letzten Jahren nicht gerade wenige Techno-Leute und auch Bpitch-Künstler wie Modeselektor oder Apparat immer weiter von der repetitiv-minimalen Musik fort und in songförmige Strukturen hinein orientiert. Selbst die Chefin veröffentlichte 2010 mit „Dust“ ein Album voll melancholischen Elektropops. So hat man es bei Dillons digital behauchtem Singer/Songwritertum zunächst nur mit einem weiteren, wenn auch ausgesprochen hübschen Beispiel für die konzeptuelle Entwicklung zu tun, die seit langem in der Electronica-Luft liegt.

Keine Rückkehr zur Tradition

Andererseits bleibt der Verweis auf die elektronischen Wurzeln, die sie umranken, wichtig. Denn Dillons Musik hat nichts mit einer Rückkehr zu traditioneller Songschreiberei zu tun. Dillon benutzt die digitale Sphäre bis zum eiligen Technopuls, der zu hellem Elektroblubbern durch das abschließende „Abrupt Clarity“ schlägt, mit der Selbstverständlichkeit einer 23-Jährigen, die keinen Grund hat, sich fürs Liedermachen anderswo zu orientieren.

Deshalb täuscht auch der erste Eindruck, nach dem sie vor allem jene Position einnimmt, die einmal im Jahr von einer elektropoppigen Skandinavierin wie Annie oder Lykke Li besetzt werden muss. Deren Lolita-Touch schwingt oft genug in Dillons Gesang mit, und bis in die Label-Info vergisst niemand, ihre angenehme Erscheinung zu erwähnen. Allerdings hat man es bei den Synthpop-Nymphen üblicherweise mit eher konventionellem Pophandwerk zu tun, das mit elektronischen Sounds ausgekleidet wird.

Hier dagegen wirkt die Arbeit am Lied schon beim flüchtigen Hören weit gründlicher. Auch gesanglich hat Dillon offenbar viel von experimentierfreudigen bis manieristischen Sängerinnen gelernt, was sie mit vielen stimmlichen und musikalischen Eigenheiten zeigt. „Tip Tapping“ zum Beispiel wirkt mit seinem angeschickert wackelnden Kleinorchester-Untergrund wie ein poppiger Outtake der Folkharfenistin Joanna Newsom; das zitternde „You Are My Winter“ erinnert mit seiner elfenhaft verhallenden Kopfstimme an Björks überspitztes Treiben. Doch einen roten Faden durch die Songs findet man weder in dem – stets vom Allzumädchenhaften bedrohten – Unschuldsidiom noch in den auch mal ins Schrullige kippenden Anstrengungen nach Art von Björk oder Newsom.

Stattdessen wird beim Label und anderswo immer wieder der Begriff der „Wahrhaftigkeit“ bemüht, wie auch der gestandene Techno-DJ Koze ihn Dillon zuschreibt. Dillon selbst schien das neulich zu unterstreichen, als sie ihre Arbeitsweise in einem Interview dahingehend erläuterte, dass Songs zu schreiben „wie Kotzen“ sei: „Dann guckt man es sich an und sieht, was denn da drin war.“ Aber sie fügte dieser recht selbstvergessenen Kunsttechnik doch an, dass es dann „wesentlich länger dauere“, dies „wiederum aufzuarbeiten“.

Dillon verfügt offenbar über genügend eigene Filter und kennt genug produzierende Kollegen, um ihre Musik nicht einfach authentisch aus dem Bauch vor die Hörer fallen zu lassen; um vielmehr deren Hübschheit gerade aus einer Vielzahl von Kunstkniffen entstehen zu lassen und auch die Perspektiven der Songs spannender zu entwickeln als einen eruptiven Erfahrungsschwall. Selbst das Bekenntnis, manchmal so dringend jemanden umbringen zu wollen, dass sie zum Abkühlen bis sechshundert herunterzähle, klingt eher distanziert.

Aus Brasilien nach Neukölln

Dominique Dillon de Byington stammt aus Brasilien, landete als Kind über den Umweg der österreichischen Berge in Köln und zog nach dem Abitur zum Musizieren nach Berlin-Neukölln, wo sich derzeit die Schlafzimmerproduzenten und Laptopbastler tummeln wie wohl nirgendwo sonst auf der Welt. Erstmals aufgefallen war sie jedoch schon vor vier Jahren, als sie ein schlichtes Klavierstück ins Youtube-Universum schickte, wo sie schnell das inzwischen verblichene Berliner Frickler-Label Kitty-Yo erspähte. Dort erschien eine erste Single, auf der Dillon die Stimme durch ein Megaphon verfremdete und zu minimal brummender Bassline und HipHop-Scheppern mehr sprach als sang.

Davon ist auf „This Silence Kills“ nun nicht mehr viel zu erkennen. Dillon gelingt es, die elektronische Basis in eine analoge, aber keineswegs anschmiegsam wirkende Songumgebung zu überführen. Als Produzenten haben ihr bei dieser raffinierten Verfeinerung der Kölner Tamer Fahri Özgenenc und vor allem Thies Mynther geholfen, der einerseits als Keyboarder der Popband Stella wirkt, für Dillon jedoch mehr die Erfahrung aus seinem Duoprojekt Phantom/Ghost nutzte, in dem er mit Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow seit einer Dekade zwischen Kunstlied und frei flottierender Elektronik experimentiert.

Entsprechend tauchen immer wieder eigenartige Geräusche auf, ungewöhnliche Arrangements und Klangfarben. So liegt etwa im Titelsong gelegentlich ein metallisches Surren unter der Stimme, begleitet von einem hellen Brummton, der sich schnell als geisterhafter Chor erweist. Das melodiöse Gerüst bilden ein paar pochend elektronische Töne, und mittendrin werden auch die ganz heruntergefahren, um Dillons Stimme allein mit einem im weiten Raum verschwindenden Klavier zu lassen. In „Thirteen Thirtyfive“ wird der Gesang nur von einem Fingerschnippen und sparsamen Pianoakkorden begleitet, das sich unmerklich zu Saitenplinkern wandelt, bis schließlich spät ein kleiner, ferner Bläsersatz dazuweht und eine hohe Stimme oben an der Studiodecke hängt.

Dillon dreht dabei amüsant den eigenen Lolitaeffekt um und fantasiert sich in die Position der Mittdreißigerin, die einen 13-Jährigen begehrt. Einige der Stücke spielen mit schaukelnden Vaudeville-Anklängen und rasselnden Trommeln, andere setzen eher auf suggestiv verschwommene oder wie eingefrorene Keyboard- und Klaviermotive, zu denen die Stimme mit sich selbst im Echo singt. Aber der Sinnlichkeit wirkt ständig der Minimalismus der Ausstattung und die Wiederholung der Kleinstfiguren entgegen. Bis schließlich die Liedform nur als eine Art umgekehrter Minimal-Techno bleibt.

Dillon: This Silence Kills (Bpitch Control); Konzert: Dienstag, 13.12.2011, 21 Uhr, Mousonturm


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