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Alles lässt sich verwinden

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Aleksandar Radenkovic als Herman Broder und Lea Draeger als Masha Broder proben am 08.03.2016 in Berlin im Maxim Gorki Theater eine Szene aus dem Stück «Feinde - die Geschichte einer Liebe». Das Maxim Gorki Theater bringt am 11. März 2016 den Roman des Literaturnobelpreisträgers Isaac B. Singer auf die Bühne. Die Geschichte spielt 1949 in New York und erzählt von einem Holocaust-Überlebenden, dessen Ehe und seinen Liebschaften.

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dpa

Von Zeit zu Zeit ist es angeraten, sich selbst über die Schulter zu schauen. Weil das aber schwierig ist, hat es sich bewährt, sich den großen und kleinen Nöten seitwärts zu nähern, auf Umwegen, durchs Gebüsch statt auf freier Fläche. Das ist das Geschäft der Künste. Ihr erstaunlicher Erfolg im Gang der Menschheitsgeschichte liegt im Vermögen begründet, überraschende Nebeneingänge zu finden, Bilder, Metaphern, Gleichnisse. Was sich nicht sagen lässt, kann gespielt werden.

Flüchtlinge einer anderen Zeit

Das tut jetzt die Regisseurin Yael Ronen mit ihrer jüngsten Inszenierung am Gorki-Theater. Sie erzählt von Geflüchteten. Aber der zweistündige Abend führt nicht nach Idomeni oder ins Lageso, lässt keine Szenen in Brüssel oder Berlin spielen, berichtet nicht von Bürgern in Clausnitz oder Aleppo. Die Erregungszentren der Gegenwart sind fern – und doch stets anwesend. Man kann das Jetzt nicht vergessen, es gibt keine Flucht aus der Zeit. Das weiß Ronen, und sie weiß auch, dass die Gegenwart umso greller zu erscheinen vermag, je weniger man ihr unter die Röcke zu fassen versucht.

Sie hat deshalb den vor fünfzig Jahren erschienenen Roman „Feinde“ von Isaac Bashevis Singer in Szenen gesetzt. Es ist die Geschichte von Menschen, die nicht nach Deutschland fliehen, sondern aus ihm davonlaufen. Es sind Juden, Shoah-Flüchtlinge, Überlebende, Neuankömmlinge in den USA kurz nach dem Krieg. Das Bestechende an Singers Roman ist dabei, dass er nicht Entwurzelte vorstellt, sondern Menschen, die im Versuch begriffen sind, sich mitsamt ihrer Wurzeln zu verpflanzen. Man kann sich nicht neu erfinden, man kann sich bestenfalls seine Biografie anders erzählen – das ist Singers Pointe.

Im Zentrum steht ein Mann namens Herman Broder, Ghostwriter für Rabbi Milton Lampert. Er glaubt, seine Frau Tamara wurde vernichtet von den Nationalsozialisten, heiratet in New York das einstige Dienstmädchen seiner Eltern Yadwiga Pracz und unterhält eine deftige Liebschaft mit einer Mascha, die er noch in Deutschland kennenlernte. Aber Tamara ist nicht tot und Herman kein Mann, der seine Liebesangelegenheiten zu managen wüsste. Genauso wenig wie seine Erinnerungen, Hoffnungen, Ängste.

Also sieht man an diesem Abend einen gehetzten Mann mit Trenchcoat und Schlapphut, der sich von Yadwiga die Hosen herunterreißen lässt, während sich Mascha und Tamara im Hintergrund synchron entkleiden, begleitet von schnalzenden Klarinettenklängen der Livemusiker. Oder man sieht Mascha und Herman einander an die Wäsche fallen, während sich Yadwiga und Tamara auf ihren Lagern räkeln. Überhaupt wird sich kaum ein Theaterabend finden lassen, an dem der Hauptheld derart häufig damit beschäftigt ist, sich seiner Ober- und Unterhosen zu entledigen und wieder habhaft zu werden. Schnell sieht man den Abend an komödiantischen Ufern anlegen, ebenso schnell taut er sich aber regelmäßig von ihnen wieder los, als folgte er dem berühmtem Motto Friedrich Grabbes: „Nichts als Verzweiflung kann uns noch retten.“

Man ist als Zuschauer deshalb stets auf hoher emotionaler See: die befreienden Effekte der Komik sind stets nur einen Halbsatz von den Gefängnissen der Trostlosigkeit entfernt. Entsprechend behelfsmäßig ist die Bühne von Heike Schuppelius: ein Provisorium aus Podesten, Gerüststangen und Leitern.

„Feinde“ am Gorki ist ein absichtsvoll kippliger Abend; er handelt von der Labilität der inneren und äußeren Verhältnisse. Den Schauspielern ist es folglich aufgegeben, sich als Kippelkünstler zu erweisen. Aleksandar Radenkovicć stellt seinen Herman deshalb nicht als amourösen Tollpatsch vor, sondern als sonderbar gezügelten Handelsreisenden in Liebesdingen; er spricht, als wären die Worte fest verpackte Sinnsendungen. Orit Nahmias verleiht ihrer Yadwiga eine stille Souveränität, Çidem Teke der Tamara die Töne einer spöttischen Gelassenheit, Lea Draeger erschließt für ihre furienhafte Mascha unentwegt neue Wut- und Leidenschaftsgebiete. Dazu die englischen, jiddischen, deutschen und hebräischen Songs von Daniel Kahn. „Feinde“ ist auch ein überraschend süffiger Abend.

Aktuelle Nöte

Zuletzt hat Yael Ronen zumeist mit den privaten Ressourcen ihrer Schauspieler gearbeitet, hat die Figuren durch die Darstellerbiografien beglaubigen lassen und die Szenen aus dem reichen Fundus einer außertheatralen Wirklichkeit direkt herausgegriffen. Jetzt hat sie einen Roman in ein fiktional geschlossenes Dialogdrama übersetzt, lässt ihre Schauspieler an der alten Theatertugend der Figureneinfühlung laben und liefert den bewährten Beweis, dass sich auch so dringlich von aktuellen Nöten spielen lässt. Insofern ist dieser Abend auch eine Erinnerung an die ungebrochene Tauglichkeit der ältesten Theatermittel. Und daran, dass sogenannte Flüchtlingskrisen kein Privileg der Gegenwart sind.