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Als die Erde noch still im Zentrum stehen sollte

Harmonia macrocosmica

In der Mitte die Sonne, darüber die Erde, um die sich der Mond dreht. Aus der „Harmonia macrocosmica“ des Andreas Cellarius (1596–1665).

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imago/Leemage

Am 5. März 1616 setzte die Glaubenskongregation der Katholischen Kirche, die Inquisition also, „De Revolutionibus Orbium Coelestium“ („Über die Umschwünge der himmlischen Kreise“) auf den berüchtigten Index der verbotenen Bücher. Von diesem 1559 das erste Mal erschienenen Register hat die Kirche sich übrigens erst 1966 während des II. Vatikanischen Konzils verabschiedet. Der Autor von „De Revolutionibus“, Nikolaus Kopernikus  (1473–1543), war da schon lange tot. Er hatte seine revolutionären Ansichten, die die Erde aus dem Zentrum des bekannten Universums kickten und an ihre Stelle die Sonne setzten, fast dreißig Jahre lang mit vielen Kollegen besprochen. Es kursierten Kopien. In Druck gab er das Buch erst im Jahr seines Todes.

Seine Thesen waren umstritten. Sie wurden bekämpft, aber Nikolaus von Schönberg (1472–1537), Gesandter des Papstes und Kardinal von Capua, schrieb ihm schon 1536, dass er von seiner Theorie „vor ein paar Jahren“ gehört habe, und er würde ihm gerne einen Schreiber bezahlen, der Kopernikus’ Text kopieren und ihm zuschicken könne. Dann hätte er, Schönberg, Zeit, Kopernikus’ heliozentrische Erörterungen in Ruhe zu studieren.  Auch Papst Clemens VII. wollte alles genau wissen. Nicht aus Verfolgungseifer, sondern weil er an astronomischer Forschung und neuen Sichtweisen interessiert war.

Kopernikus war Kirchenrechtler, Arzt, Astronom und, heute würde man sagen: politischer Beamter. Von ihm stammt eine immer wieder gerne zitierte Abhandlung über das Geld. Im Gegensatz zu vielen anderen damit beschäftigten Köpfen, führte er auch eine Münze ein. Kopernikus war immer wieder Kanzler des Ermländer Domkapitels. Ein Diplomat, der um die Selbstständigkeit Ermlands kämpfte, das zwischen Preußen und Polen drohte, aufgerieben zu werden.  Vielleicht verzichtete Kopernikus auf die Veröffentlichung seines Buches, weil er fürchtete, dass gar zu viele, die von Astronomie nichts verstanden, sich einmischen würden. Vielleicht aber wollte er sich noch um genauere Ergebnisse kümmern. Es gab eine Reihe guter wissenschaftlicher Gründe, seine Berechnungen anzuzweifeln.

Man muss nur den Titel seiner Abhandlung lesen, um zu sehen, dass Kopernikus ganz Produkt seiner Zeit war. Er stand mit seiner Epoche oben auf der Wasserscheide. Seit ihm und durch ihn hat der Begriff der Revolution in der europäischen Moderne Karriere gemacht. Er wurde vom Himmel auf die Erde geholt. Er meint jetzt nicht mehr die ewige Wiederkehr immer derselben Bewegungen des Sternenhimmels, sondern mit ihm ist jetzt das gemeint, was Kopernikus tat: der abrupte Wechsel, der das Einerlei des Alltagslebens durchbricht und die Welt auf eine neue Basis stellt. Für den Wissenschaftshistoriker Thomas S. Kuhn (1922–1996) war Kopernikus’ heliozentrische Sicht aufs Universum das zentrale Beispiel für eine wissenschaftliche Revolution, die gerade nicht zur „ordinary science“ gehört, sondern mit ihr bricht. Es gehört zu ihr, dass sie nicht verstanden, ja, dass sie bekämpft wird. Sie setzt, so Kuhn, statt eines bisher geltenden Paradigmasein neues. Das geschieht, um ein bestimmtes Problem zu lösen. Damit werden aber immer auch hundert neue sichtbar. Die Bewegungen der Sterne nicht mehr zu berechnen, als stünde die Erde im Zentrum der Welt, sondern von der Sonne aus, vereinfachte die Arbeit enorm. Aber dieser Ansatz kollidierte mit einer Reihe anderer Überzeugungen.

Kopernikus Denkmal

Ein Denkmal für Nikolaus Kopernikus vor seiner Kirche  im polnischen Torun, dem einstigen Thorn.

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imago/Westend61

Kopernikus war also Revolutionär. Aber da ist noch ein anderes Wort im Titel seiner Abhandlung, und das zeigt Kopernikus nicht nur als Traditionalisten, sondern es weist auch hin auf eine der Schwierigkeiten seiner Theorie: „Orbium“ ist der Genitiv Plural von „orbis“, dem Kreis. Ostern werden wir das Wort wieder hören, wenn der Papst „urbi et orbi“, der Stadt und dem Erdkreis, seinen Segen spendet. Die Vorstellung, die Himmelskörper bewegten sich in Kreisbewegungen, geht auf Aristoteles zurück. An ihr hielt Kopernikus fest. Hätte er das nicht getan, seine Berechnungen wären genauer gewesen, und sein  heliozentrischer Blick auf die Welt wäre plausibler geworden.

Johannes Kepler besaß ein Exemplar von Kopernikus’ „De Revolutionibus …“. Es sind viele Anmerkungen darin. Kepler hatte es 1598 erworben. Der Vorbesitzer, der Nürnberger Arzt, Mathematiker und Astronom Hieronymus Schreiber (gestorben 1547 in Paris), hatte es vom Drucker geschenkt bekommen. In diesem Exemplar, das heute übrigens zu den Schätzen der Universitätsbibliothek Leipzig gehört, befindet sich eine handschriftliche Anmerkung. Im fünften Buch am Ende des vierten Kapitels erklärt Kopernikus, warum er, an einer bestimmten Stelle von der reinen Kreisbewegung abweichend, einen exzentrischen Kreis als Berechnungsbasis gewählt hatte. In dieser Stelle steht – handschriftlich am Rande hinzugefügt – das Fanal der postkopernikanischen Revolution: Ellipse. Es ist keine Zutat Keplers. Der genaueste Leser der Texte des Kopernikus, Owen Gingerich (geboren 1930), meint, Hieronymus Schreiber, der das Buch ja nur vier Jahre besaß, habe es sorgfältig lektoriert, jeden Druckfehler korrigiert und Erläuterungen aus anderen Ausgaben hinzugefügt. Die „Ellipse“ stamme aus dem Exemplar des Kopernikus-Freundes Georg Joachim Rheticus (1514–1574).

Womit wir beim dritten Punkt wären – nach „Revolution“ und „Kreis“ im Titel des Buches folgt die entscheidende Einschränkung in der Einleitung des Buches. Dort steht, Kopernikus habe die Sonne als unbewegliches Zentrum des Universums betrachtet, die Erde dagegen als einen von ihr abhängigen beweglichen Himmelskörper, um sich das Rechnen zu erleichtern. Es sei, so der Autor dieser mit „An die Leser über die Hypothesen dieses Werkes“ überschriebenen Einleitung, „nicht erforderlich, dass diese Hypothesen wahr, ja nicht einmal, dass sie wahrscheinlich sind, sondern es reicht schon allein hin, wenn sie eine mit den Beobachtungen übereinstimmende Rechnung ergeben …“ Das sind nicht Worte des Kopernikus. Das schrieb der evangelische Reformator Andreas Osiander (1498–1552) dem katholischen Domherren ins Buch, damit es 1543 im protestantischen Nürnberg erscheinen konnte. „De Revolutionibus …“ ist also mitten im Glaubenskampf eine katholisch-protestantische Gemeinschaftsproduktion.

Ein Akt der Anmaßung

Der spitzfindige Gedanke, dass die Berechnungen stimmten, müsse nicht an ihrer Nähe zur Wirklichkeit liegen, sondern verdanke sich  einer innermathematischen Korrektheit, war eine Schutzbehauptung, die die umstürzlerischen Gedanken des Kopernikus in ein Algebra-Buch zu verstecken suchte. Sie hat natürlich damit zu tun, dass die enge Verbindung von Mathematik und Astronomie zwar schon im Altertum – und nicht erst seit den Griechen – bestand, aber in den Werken der „Neuen Astronomie“ spielten die Berechnungen eine alle Anschauung immer wieder sprengende Rolle, sodass, wer ihr nicht folgen mochte, sie leicht als mathematische Glasperlenspiele abtun konnte. Aber vielleicht wichtiger noch als der kosmische Platzverweis für die Erde war auf Dauer doch die immer stärker werdende Bedeutung der mathematischen Disziplinen für die Erforschung der Himmelsbewegungen.

Aber zurück zum 5. März 1616. Das war der Tag, an dem die katholische Glaubenskongregation ihre am 1. März gefällte Entscheidung veröffentlichte. Es wurden Plakate in Rom angeschlagen. Boten verbreiteten die Nachricht überall hin. In Kirchen und an Universitäten wurde erklärt, welche Bücher jetzt verboten worden waren. Es ging dabei nicht nur um das Buch des Kopernikus. Ein erotisches Buch und drei protestantische kamen auf den Index und eine Kirchengeschichte eines in Dublin lehrenden Theologen. Bei drei der inkriminierten Bücher ging es um die kopernikanische Lehre. Nur eines davon wurde verboten. Das war der „Brief über die Ansicht der Pythagoräer und des Kopernikus über die Beweglichkeit der Erde und die Festigkeit der Sonne und das neue pythagoräische Weltsystem“.

Das Buch war 1615 in Neapel erschienen, der Autor war der Theologe und Philosoph Paolo Antonio Foscarini (1565–1616). Er war Chef des Karmeliterordens in Kalabrien. Er war nach Rom gegangen, um sein Buch zu verteidigen. Ohne Erfolg. Der Grund für das Verdammungsurteil war nicht etwa, dass er das kopernikanische Weltsystem verteidigte. Das war zu ertragen. Unerträglich war seine Behauptung, Kopernikus’ Ansicht vertrage sich mit den Lehren der Heiligen Schrift. Die anderen prokopernikanischen Bücher durften zwar nicht mehr gedruckt und verbreitet werden, aber man durfte sie weiter besitzen, wenn man die angeordneten Korrekturen genauestens ausführte. Bei „De Revolutionibus …“ ging es um zehn Änderungen, die fast alle festlegten, die Erde dürfe nicht als irgendein Himmelskörper bezeichnet werden.

Bei der Entscheidung vom 5. März war es nicht um Kopernikus gegangen. Sondern um Galilei. Der war seit Jahren unterwegs und machte Reklame für Kopernikus. Als Astronom, als Mathematiker, aber auch als Theologe, der er nicht war. Galilei zitierte die berühmte Bibelstelle „Da redete Josua mit dem Herrn des Tages, da der Herr die Amoriter dahingab vor den Kindern Israel, und sprach vor dem gegenwärtigen Israel: Sonne, stehe still zu Gibeon, und Mond, im Tal Ajalon! Da stand die Sonne und der Mond still, bis dass sich das Volk an seinen Feinden rächte. Also stand die Sonne mitten am Himmel und verzog, unterzugehen beinahe einen ganzen Tag.“ (Josua 10, 12–13) Galilei interpretierte den Text. Er sei nicht wörtlich zu nehmen. Die Bibel sei schließlich kein Astronomie-Lehrbuch.

Kopernikus hatte die Bibel und die astronomische Forschung nebeneinanderstehen lassen. Seine Nachfolger setzten sie zueinander in Beziehung. Manche versuchten, ihre Forschungsergebnisse der Bibel anzupassen, andere passten die Interpretation der Bibel ihren Forschungsergebnissen an. Das war in den Augen der strengen Theologen nicht nur sachlich zu verwerfen, sondern auch ein Akt der Anmaßung. Schließlich hatte das Konzil von Trient 1564 Laien ausdrücklich die Bibelinterpretation verboten. Zwei Jahre später war übrigens in Basel die zweite Ausgabe von „De Revolutionibus …“ erschienen. Das Verbot der unkorrigierten Ausgabe von 1616 führte vor allem dazu, dass in Amsterdam sofort eine neue alte Ausgabe erschien.
Galilei bekam seine Prozesse. Sein 1634 erschienener „Dialog über die zwei Weltsysteme“ kam auf den Index. Erst  1835 wurden Galileis „Dialog“ und Kopernikus’ „De Revolutionibus“ vom Index der Verbotenen Bücher heruntergenommen. In Wittenberg waren 1543 für ein Exemplar von Kopernikus’ Revolutionswerk 17 Groschen gezahlt worden. Das waren etwa die Studiengebühren für ein Semester. 2008 wurden auf einer Auktion für eines dieser Exemplare mehr zwei Millionen Dollar gezahlt.