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Alte Berufe in Berlin: Diese Handwerksberufe gibt es nicht mehr

Eine Weberin bäumt die Fäden von der Schärtrommel auf den Webstuhl um. Aufnahmeort unbekannt, nach 1933.

Eine Weberin bäumt die Fäden von der Schärtrommel auf den Webstuhl um. Aufnahmeort unbekannt, nach 1933.

Foto:

Willy Römer (4)

Unsere Welt verschwindet unablässig, nur bemerken wir es kaum, vielleicht weil nicht alles gleichzeitig untergeht. Wenn man in dem Band „Altes Handwerk“ blättert, wird es einem bewusst. Da sieht man Bilder, die einmal zum Alltag gehörten, und die es jetzt nicht mehr gibt. Das von dem Berliner Nagelschmied etwa. Er steht in von Trägern gehaltener Arbeitsschürze mit erhobenem Hammer über den Amboss gebeugt, den Nagel in der Kneifzange. Gleich wird er zuschlagen.

Die Herausgeberin des Bandes Michaela Vieser hat die mehr als hundert Bilder aus dem Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz herausgesucht. Monatelang war sie ihnen auf der Spur, den Besenbindern, Schirmmachern und Scherenschleifern. Ohne Bildunterschrift würde man auf vielen Bildern gar nicht erkennen, was dort geschieht, um was für ein Handwerk, was für einen Beruf es sich handelt.

Was etwa tut der Mann, der seine Nase an ein langes Eisenrohr presst, das er in den Bürgersteig gebohrt hat? Es ist ein Gasriecher, der Gasleitungen nach undichten Stellen untersucht. Gas riecht zwar nicht, wird aber zur Sicherheit von den Gaswerken odoriert. Das hat Michaela Vieser recherchiert, die Herausgeberin des Buchs. Und auf was für einem merkwürdigen Holzstuhl sitzt der Junge im Arbeitskittel, mit dem gespannten Faden in der Hand? Es ist ein Nähpferd, unentbehrlich einst in der Werkstatt eines Sattlers. Hier wurde das Lederstück gespannt, um es dann mit Ahle und Nadel bearbeiten zu können.

Rollmops im Paketdienst

Auch manche Bezeichnungen sagen einem längst nichts mehr. Rollmops nannte man etwa die Lehrlinge im Paketdienst. Einst gehörten sie zum Berliner Straßenbild. Auf Pferdekarren fuhren sie alles Lieferbare durch die Stadt. Kess wirkt der Junge mit der Schirmmütze. Sachsengänger wurden die polnischen Saisonarbeiter genannt, die zum Rübenanbau nach Sachsen geholt wurden. Das Foto zeigt sie bei der Fahrt durch Berlin. Es sind vor allem Frauen mit Kopftüchern, die dicht gedrängt auf einem Pferdefuhrwerk sitzen.

Fotograf Römer als Chronist der Zwischenkriegszeit

Der Fotograf ist Willy Römer, geboren 1887 in Berlin. Sein Vater war Schneidermeister, Willy Römer wuchs an der Torstraße in Mitte auf, im Milieu der Handwerker, und das Handwerk interessierte ihn später auch in seinem eigenen Beruf. Und so fotografierte dieser Chronist der Berliner Zwischenkriegszeit nicht nur Schrebergartenfeste, Obdachlose und Schlangen vor den Arbeitsämtern, sondern auch Menschen bei der Arbeit. Handwerker. Gerade die, von denen er wusste, dass es nicht mehr lange geben würde.

Es erfüllt einen mit Wehmut, dieses Buch. Weil es von einer Arbeitswelt erzählt, die unwiederbringlich untergegangen ist aber auch, weil die Bilder eine Ruhe ausstrahlen, und die Menschen eine Hingabe und ein Selbstbewusstsein. Das sind Stimmungen, Haltungen, die in der heutigen Arbeitswelt des Multitasking, der Bildschirmarbeit selten geworden sind.

Aufnahmen des Berliner Alltags

Von Willy Römer stammen die meisten Aufnahmen in diesem Band. Die von den Stockmachern etwa, die aus der Drehorgelfabrik Bacigalupo an der Schönhauser Allee, das vom Korkschneidelehrling, der aus einem an die Brust gepressten Korkstreifen Würfel schnitzt. „Von Kindesbeinen an war er den Umgang mit Handwerkern gewohnt, wird er sie richtig angesprochen haben“, schreibt Manuela Vieser in ihrem Vorwort. „Er verstand das Milieu und das Milieu verstand ihn.“

Das Bild des Schriftgestalters, der ein Schaufenster dekoriert, hat Friedrich Seidenstücker (1882-1996) gemacht, ein Zeitgenosse Willy Römers. Seidenstücker studierte Bildhauerei, ein wenig Maschinenbau und schließlich auch Fotografie, eine ungewöhnliche Mischung. Er wird der Flaneur der Fotografen genannt, weil er durch die Straßen ging und spontane Aufnahmen des Berliner Alltags machte. Er ist der zweite prominente Fotograf in diesem Band. Bei einem seiner Streifzüge wird er auch den jungen Schriftgestalter entdeckt haben. Rittlings sitzt er auf einer Holzleiter, konzentriert malt er seine Buchstaben. In der Fensterscheibe hinter der er arbeitet, spiegelt sich die Fassade des Hauses gegenüber, die Stadt.



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