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Berliner Zeitung | Amerika-Gedenkbibliothek: Dem freien Geist
16. September 2014
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Amerika-Gedenkbibliothek: Dem freien Geist

So herrlich frisch und offen war die Amerika-Gedenkbibliothek 1954 noch. Heute ist, auch nach der jüngsten Restaurierung, kaum Platz vor lauter Büchern.

So herrlich frisch und offen war die Amerika-Gedenkbibliothek 1954 noch. Heute ist, auch nach der jüngsten Restaurierung, kaum Platz vor lauter Büchern.

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Archiv Bernau

Eigentlich heißt sie AGB, die Amerika-Gedenkbibliothek, jedenfalls bei allen, die sie nutzen. Am Halleschen Ufer mitten in Berlin steht dieser von den Berliner Architekten Willy Kreuer und Fritz Bornemann entworfene, elegant geschwungene Bau. Heute vor sechzig Jahren wurde die Eröffnung gefeiert, am Sonnabend begeht die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) den Geburtstag mit einem großen Fest.

Die AGB war immer ein sowohl architektonisches wie kulturpolitisches Ereignis. Ihre weit gespannte Lesehalle ist mit großen Fenstern zum Grün geöffnet, sodass man beim Lesen immer wieder die Augen entspannen kann – wer in aussichtslosen Lesekästen wie etwa der Alten Staatsbibliothek arbeiten muss, weiß, wie wichtig solche Details sind. Schnell wurde nach der Eröffnung auch die Kinderbibliothek nach skandinavischem Vorbild gebaut, mit reizendem Innenhof und eigenem Zugang, sodass Schulklassen kommen konnten, ohne den Erwachsenenbetrieb zu stören. Es gab schon in den 1950ern Tonstudios mit Plattenspielern, eine berühmte Musikaliensammlung, die Kunstabteilung konkurriert mit der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen. Jeder Wissensdurst wird hier befriedigt, bis hin zu Reiseführern und E-Books. Und endlich merkt man auch wieder, dass dies die größte öffentliche Bibliothek Europas ist: Die jüngste Restaurierung unter der Leitung des Bauchefs der ZLB, Jonas Fansa, hat diesen herrlichen Raum wieder seine typische Fifities-Frische verschafft.

Stolz war West-Berlin damals, die erste Public Library nach amerikanischem Muster zu haben. Dabei wäre es fast nichts geworden mit der AGB. Nach der triumphal überstandenen Blockade durch die Sowjetunion 1948 bis 1949 wollten die Amerikaner der Halbstadt eine neue Kulturinstitution schenken. Das West-Berliner Bürgertum plädierte vehement für ein Museum oder eine neue Philharmonie. In einer öffentlichen Bibliothek säßen die Leute doch nur herum. Ernst Reuter, der sozialdemokratische erste Regierende Bürgermeister, focht dagegen vehement für die „Volksbibliothek“ wie man damals sagte. Er war wie die großen Staatsmänner des amerikanischen Unabhängigkeitskriege – an Thomas Jefferson erinnert die Inschrift in der Eingangshalle, Benjamin Franklin ist die ebenfalls von den USA gestiftete Kongresshalle im Tiergraten gewidmet – überzeugt, dass neben der Gründung von unabhängigen Zeitungen eben Bibliotheken das wichtigste Mittel der Demokratie-Erziehung und Aufklärung sind.

Und so öffnet die AGB wie eine jede Public Library Amerikas den Zugang zu den Medien direkt. Man geht ans Regal und nimmt sich das Buch heraus. In den 1950ern in Deutschland noch unvorstellbar und für die Bibliothekare eine regelrechte Entmachtung: Sie teilen nicht mehr erzieherisch die Wissensquellen zu, sondern verwalten und beraten nur noch über ihren Gebrauch. Zwar gab es in der AGB bis in die 1970er „Giftschränke“, in denen neben der bis heute nur auf Anfrage ausgehändigten nationalsozialistischen auch kommunistische Literatur verwahrt wurde – der Zugang aber musste auch damals jedem Volljährigen gewährt werden.

Hier standen frei im Regal und im Karteikasten nachschlagbar schwule und lesbische Literatur, als der Paragraf 175 herrschte, lagen Umweltzeitschriften, als das Thema esoterisch war, wurde über die Studentenrevolte, Anti-Rassismus, den Vietnam-Krieg, den „Häuserkampf“ in Kreuzberg informiert, als West-Berliner Medien dahinter noch sowjetische Agenten vermuteten.

Genau diese Funktion als Ort der Freiheit aber ging nach 1990 zunehmend verloren, schlicht der Platznot wegen. Gebaut wurde die AGB für 600 bis 800 Nutzer am Tag, heute sind es oft sechs Mal so viele. Der Vortragssaal ist lange demontiert, zwischen den Regalen sitzen immer wieder Schulkinder. Und doch, die AGB ist nach der Tempelhof-Entscheidung, die auch den Neubau der ZLB hinwegfegte, der große Hoffnungsanker des Berliner Bibliothekswesens. Eine Erweiterung dieses wunderbaren Gebäudes auf den benachbarten Grünflächen (möge hier keine seltene Maus nisten!) könnte eine Lösung vieler Platzprobleme sein – und die ZLB wieder zu ihrem Ursprungsgeist zurückführen, ein Ort der freien Debatte und des offenen Denkens zu sein.