blz_logo12,9
Berliner Zeitung | Andreas Slominski: Ein Abschleppschild am Haus von Brecht
02. December 2013
http://www.berliner-zeitung.de/3289176
©

Andreas Slominski: Ein Abschleppschild am Haus von Brecht

Eine Freundschaftserklärung von Lkw und Pkw, dialektisch endend in inniger Annäherung; beim Abschleppen. Harmonie bleibt eben Utopie.

Eine Freundschaftserklärung von Lkw und Pkw, dialektisch endend in inniger Annäherung; beim Abschleppen. Harmonie bleibt eben Utopie.

Foto:

NBK/Jens Ziehe

An der Galeriewand hängen Straßenschilder – mit zart angedeuteter Abschlepp-Droh-Symbolik. Im Brecht’schen Prosaversmaß sind auf den weiß-roten Emaille-Schildern vage Freundschaftserklärungen gesetzt. Der Lkw macht das joviale Angebot, den Pkw möglicherweise zu akzeptieren – sofern dieser sich verbeugen würde. Und der Pkw räumt ein, unter bestimmten Bedingungen (Wasserverkauf!), sogar abzusteigen.

Dieser vorsichtige Dialog, der wohl von der Utopie genährt wurde, die sich für gewöhnlich auf deutschen Straßen und auch außerhalb grimmig die Straßenseiten abjagenden PS-Maschinen würden sich harmonisch einigen, endet auf Schild Nr. 3 in einer Annäherung, die besagen könnte, die Straße (dargestellt als Strich) biete doch Platz für beide. Aber es kommt, wie es kommen muss: Der Stärkere schleppt den Schwächeren ab. Der sich sowas Brecht’sches ausgedacht hat, heißt Andreas Slominski, geboren 1959 in Meppen, und er lebt in Werder/Havel, hat da sein Atelier in einer alten Fabrik. Von da fährt er am liebsten – weil staulos – mit dem Zug nach Berlin und auch nach Hamburg, wo er einst, nach etlichen Philosophie-Semestern – an der Kunsthochschule studierte und nun seit Jahren lehrt.

Am Wochenende – er war mit dem Regio aus Werder gekommen – hat ihn die Stadt Berlin mit dem begehrten, nach der berühmten Zwanziger-Jahre-Dadaistin Hannah Höch benannten Preis 2013 und mit einer Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein bedacht. Nun ist es nicht zwangsläufig, dass Hannah-Höch-Preisträger in ihrem bildkünstlerischen Werk auch eine Affinität zum Berliner Dadaismus der 1920er-Jahre haben müssen. Zu dieser wirklich großen avantgardistischen Zeit der gescheiten, provokanten, satirischen, sinnlichen, zeitkritischen und im Höchstmaß politischen Verballhornung alles Hehren, Pathetischen, Auratischen in der Kunst.

Wie die Faust aufs Auge

Bei Slominski aber passt die Ehrung, sozusagen wie die Faust aufs – gesellschaftliche und zeitgeistige – Auge. Und weil der Neue Berliner Kunstverein in der Chausseestraße direkter Nachbar des Brecht-Hauses ist (dazwischen liegt nur der Dorotheenstädtische Friedhof, inklusive Brecht und Weigel), hat der Bildkünstler seine Preisträger-Schau auch gleich auf den geschätzten Theatermann und Dichter ausgeweitet, der dort bis zu seinem Tode 1956 lebte, ein Auto-Liebhaber gewesen ist und gewissermaßen für die Uridee der Chinesischen Revolution unter Mao eingenommen war. Aus ihr bezog er schließlich seine großen dramatischen Utopien fürs dialektische Theater.

Und so brachte Slominski am Brecht-Haus nicht nur ein chinesisches Auto-Abschleppschild an, mit dem er gleich auf seine Ausstellung verweist. Er baute in die Galeriehalle auch noch ein Stück „Chinesische Mauer“ auf: graue Steine, graue Fugen – und das direkt vorm Schaufenster des Kunstvereins, es gibt kein Rein- und auch kein Rausschauen mehr. Slominskis „ Berliner Ensemble“ wirft den Betrachter dieser steinernen „Sichtsperre“ ganz auf sich selbst zurück. In den nächsten Raum hat Slominski eine Garage aus Alublech gesetzt. So spielt er auf die nur drei Gehminuten entfernte einstige Garage Brechts, im Hof der Brecht-Weigel-Gedenkstätte an.

Im Garagen-Innern kleben drei Versicherungspolicen, eine davon versichert das Stück Mauerwerk und die NBK-Halle gleich mit vor „dem Durchbrechen der Fensterscheibe und das Aufprallen von Automobilen auf die Mauer“. Eine nächste Police versichert eine Brecht-Krawatte für den gefährlichen Transport über die Eiger-Nordwand. Und an der Wand gegenüber lehnen Alu-Teile, sodass ganz leicht eine weitere Garage entstehen könnte, wofür auch immer. Es sind zwar unsichtbare, aber – wer den konzeptuellen Spaß mitmacht – recht sinnfällige Fäden, die Slominski zwischen der Galerie und dem Wirkungsort von Brecht spinnt, webt, zieht. Da klebt an der Wand ein in Plastikfolie gewickeltes, vom langen Transport ramponiertes Paket, adressiert an Slominskis Atelier in Werder; der Absender ist nicht lesbar, wegen der chinesischen Schriftzeichen.

Harmonie bleibt Utopie

Brechts China-Affinität ist also Steilvorlage für Slominski neo-dadaistische Interventionen und Spielereien mit simpelsten Mitteln. Ästhetisch betrachtet, sind diese Arbeiten kryptisch. Doch so kommt man bei Slominski nicht weiter, Kuratoren seiner Ausstellungen empfehlen, man soll sich seinen Zeichen systemisch und semiotisch nähern. Denn der Konzeptualist, der in dieser Schau ganz ohne Boshaftigkeit, eher poetisch-prosaisch auf Brechts Dialektik und dessen Utopien anspielt, ersetzt jene dann ironisch durchs eigene Absurde, geradezu Slapstickhafte.

Man muss mit Slominski also um die Ecke denken, ganz wie bei Hannah Höch und deren Dada-Gefährten. Und abermals spielt einer voller Schabernack mit dem – ohnehin ausgeleierten – Kunstbegriff.

Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestr. 128/129, Bis 26. Januar, Di–Sa 12–18 Uhr Showroom: „Conversation Pieces“ Di–Fr 12–18 Uhr.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?