30.11.2011

Arabische Theaterstücke: Eine Mücke öffnet den Kopf

Von Doris Meierhenrich
In „603“ von Imad Farajin erleben fünf Palästinenser eine halluzinatorische Nacht in einer israelischen Gefängniszelle.
In „603“ von Imad Farajin erleben fünf Palästinenser eine halluzinatorische Nacht in einer israelischen Gefängniszelle.
Foto: Piero Chiussi
Berlin –  

„Lila Risiko Schachmatt“: Im Heimathafen Neukölln begann eine Reihe mit arabischen Stücken.

Nour ist eine tolles Karrieremädchen: Sie ist sechsundzwanzig Jahre alt, hübsch, hat eine Festanstellung als Journalistin und obendrein einen taufrischen Liebhaber. Dass Ahmad nichts verdient, tagelang an politischen Artikeln schreibt, die keiner liest, und immer gereizter reagiert auf die routinierte Wohlstandswelt um sich herum, macht Nour nichts aus. Sie bezahlt die Wohnung, in der sich beide heimlich treffen, und hofft, dass bald auch Ahmad einfach die Bequemlichkeit liebt. So kommt Nour wie immer herein, räkelt sich lasziv auf der Matratze und schwärmt von ihrer erfolgreichen Arbeit, bis Ahmed der Kragen platzt: Wie kann man denn ihre Artikel über Partys und Restauranteröffnungen Journalismus nennen?

Neukölln ist nicht Damaskus

Säßen wir nicht im Neuköllner Orient-Cafe „Shisha“ − Basarbilder an der Wand, Anisduft in der Luft − könnte man meinen, in ein deutsches Eifersuchtsdrama geraten zu sein. Tatsächlich aber sitzen wir in dem syrischen Stück „Rückzug“ von Mohammad Al Attar; und Nour und Ahmad streiten nicht in Neukölln, sondern in Damaskus.

Über eine bleiern stillstehende Zeit

Es ist eigentlich ein subtiler Text über eine bleiern stillstehende Zeit von 2007, mit dem die Regisseurin Lydia Ziemke unter dem Titel „Lila Risiko Schachmatt“ eine kleine Reihe arabischer Gegenwartsstücke im Heimathafen Neukölln eröffnet. Und so löblich dieses Projekt ist, so problematisch erweist sich an diesem Stück sein allzu amorpher Anspruch: Denn aktuell sollen die Stücke sein, nicht aber dem aktuellen Revolutionshype verfallen. Verschiedene arabische Realitäten sollen sie verhandeln, gleichzeitig aber die migrantisch geprägte „Wirklichkeit Neuköllns“ in die Inszenierungen aufnehmen. Natürlich kann derart Disparates auch gelingen, doch fehlen hier schlicht alle Mittel dafür. Dass unter Ahmeds und Nours Beziehung ganz andere gesellschaftliche Zwänge und Hoffnungen brodeln, als unter der Problemdecke des Berliner Pärchens im Café „Shisha“, verpufft völlig.

Wie viel glaubwürdiger es ist, die Unterschiedlichkeit der Lebenswelten von Neukölln und Nahost nicht einzuebnen, beweist das zweite Stück des Abends. „603“ ist ein klaustrophobisches Verwirrspiel von Imad Farajin, das fünf Palästinenser in einer israelischen Gefängniszelle versammelt und im Verlauf einer halluzinatorischen Nacht die ganzen Manien und wahnwitzigen Mythen entblättert, mit denen die vermeintlichen Freiheitskämpfer seit Jahren ihr Leben nähren und zu Grunde richten.

Lebendiges Zeichenspiel

Im Studio des Heimathafens findet Lydia Ziemke zusammen mit den zu allem bereiten Spielern dafür ein so intensives, lebendiges Zeichenspiel, dass einem plötzlich der „Palästinakonflikt“-vernagelte Kopf aufgeht. Ein kleiner Karton wird zum fantastischen Vehikel für die angeblich nahe Befreiung der angeblichen Gefangenen und fährt sie doch nur immer tiefer in ihre eingebildete Gefangenschaft und ihre Opfer-Mythen ein. Immer wieder laufen die Männer in der Enge um die Wette, als liefen sie um ihr Leben; und eine groß umsorgte Mücke wird zum schönsten Symbol für ihren Wahn von Blutsbrüderschaft, der tatsächlich nur ihre einfachen Lebenswünsche aussaugt. Auf die Fortsetzung im Frühjahr darf man gespannt sein.

Wieder am 6., 7., 10., 11., 20.−22. Dezember, jeweils 20.30 Uhr im Heimathafen Neukölln, Kartentel.: 56 82 13 33

Anzeige
Theatertreffen
Rezensionen-Spezial
Besuch bei Gunhild und Erhart. Ausschnitt aus dem gigantischen Bastelbühnenbild, das später mit diversen Körpersäften verunziert und zersägt wird.

Vom 4.-21. Mai findet in Berlin das bedeutendste deutsche Theaterfestival statt: Eine unabhängige Kritikerjury lädt die 10 „bemerkenswertesten Inszenierungen“ aus rund 400 Aufführungen der Saison in die Hauptstadt ein. In unserem Dossier finden Sie alle Infos und Fotos zu den Stücken.

Anzeige
Anzeige
Neueste Bildergalerien Kultur
Serie zur Gentrifizierung
Sonderveröffentlichungen & Beilagen
Galerie
Anzeige
Aktuelle Videos
Kinoprogramm
Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute: Alle Kinos:
Magazin
Weblogs
Die Blogs der Berliner Zeitung.

Anekdoten aus dem Hauptstädter-Alltag, Antworten auf Beziehungsfragen und Pop-Expertisen. mehr...

Meistgeklickte Artikel
Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Twitter
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Webtipps
Freikarten für Berlin
Hol dir Freikarten zu Bühne, Klassik, Musik Film und mehr - deutschlandweit auf www.TwoTickets.de