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Architekt, Abgeordneter, Kämpfer

Peter Conradi
(1932–2016)

Peter Conradi

(1932–2016)

Foto:

dpa/Marius Becker

Das Publikum ruft gern nach charaktervollen Politikern. Aber zu charaktervoll dürfen sie auch nicht sein, sonst werden sie schnell als Außenseiter behandelt. Diese Erfahrung machte immer wieder Peter Conradi, der bekannteste Architekt, der je in einem deutschen Parlament saß. Also drehte er den Spieß um: Die Fliege, seit den Zeiten von Hans Poelzig, des großen Expressionisten der 1920er-Jahre, ein Markenzeichen für nonkonformistische Architekten, wurde zum Erkennungszeichen eines Politikers, der oft und gern aneckte. Etwa wenn er vehement dafür kämpfte, dass die Demokratie auch lustvoll repräsentieren darf.

Dass sich der Bundestag in Bonn in den 1990ern einen neuen, heiteren Saal nach den Plänen von Günter Behnisch errichtete und in Berlin mit dem von Norman Foster umgebauten Reichstag ein Haus entstand, das gläserne Offenheit und Monumentalität verbindet, dass mit dem Bundeskanzleramt von Axel Schultes auch die Machtzentrale ein kraftvolles architektonisches Symbol erhielt – das ist wesentlich Conradi zu verdanken. Um solche Bauten möglich zu machen, focht er eisern für offene Architekturwettbewerbe und für den Fortbestand der Architekten-Honorarordnung. Bis heute erhalten Architekten für ihre Leistungen wenigstens im Grundsatz festgelegte Einkommen; sie konkurrieren nicht über den Preis, sondern über die Qualität des Entwurfs. Wie oft wollten Neoliberale diese „Wettbewerbsverzerrung“ kippen – aber sie ist der Grund dafür, dass Deutschland auch in der sogenannten Provinz so viele gute Büros hat.

Der auf Seilschaften bauende Politikstil Helmut Kohls oder die „Basta“-Attitüde Gerhard Schröders war nicht Conradis Sache, wohl hingegen der gesellschaftliche Diskurs. Immer wieder warf er seiner SPD vor, nicht modern genug zu sein, zu wenig auf die Leute zu hören, mit der Agenda 2010 die soziale Balance in der Gesellschaft zu gefährden. Den Bundestag sah Conradi auch als Bühne; Eitelkeit war ihm keineswegs fremd. Aber vor allem sah er ihn als Ort, an dem die Schwachen, die Benachteiligten gegen die Interessen der Reichen und Mächtigen verteidigt werden müssen.

Deswegen kämpfte er noch als Pensionär erfolgreich gegen die Privatisierung der Deutschen Bahn. Und was agitierte er für die Fortführung des sozialen Wohnungsbaus und gegen den Ausverkauf des kommunalen Besitzes sowie öffentlichen Raums! Wie recht er doch hatte. Dabei war Conradi nichts so fremd wie rechthaberischer Populismus. Das sachliche Argument der Gegenseite war stets zu diskutieren. Auch deshalb eroberte er, der aus dem Ruhrgebiet zugewandert war und Berlin liebte – allerdings gegen eine starke Hauptstadt war – zwischen 1972 und 1998 immer wieder das SPD-Mandat im eher konservativen Stuttgart. Und wir können fast sicher sein: Peter Conradi hat, wenn es irgend möglich war, noch den Landtag mitgewählt, wie es sich für einen Radikal-Demokraten und Parlamentarier gehört. Am Freitag ist er nach kurzer Krankheit im Alter von 83 Jahren verstorben.