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ARD-Film: Der Staatsanwalt im Feindesland

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Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Ulrich Noethen) widmet seine Zeit fast völlig seiner Arbeit.

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SWR/UFA FICTION/Hardy Brackmann

Ich liefere Ihnen Adolf Eichmann auf dem Silbertablett!“ Heimlich, an allen Instanzen vorbei, informiert Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Ulrich Noethen) den Mann vom israelischen Geheimdienst (Uwe Bohm), wo der gesuchte NS-Verbrecher in Argentinien lebt. Der „General“ führt einen einsamen Kampf innerhalb der bundesdeutschen Justiz, die größtenteils schon in der NS-Zeit tätig war. Sein überliefertes Zitat „Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich feindliches Ausland“, lässt sich auch dieser Film nicht entgehen. Ein junger unbelasteter Staatsanwalt (David Kross) steht ihm zur Seite – und wird von Geheimdienstlern in Loyalitätskonflikte gestürzt. Er soll seinen Chef bespitzeln.

Jahrzehntelang vergessen

Diese Elemente tragen nicht nur den ARD-Film „Die Akte General“. Auf dramaturgisch und inhaltlich sehr ähnliche Weise hatte sich bereits der Kinofilm „Der Staat gegen Fritz Bauer“ seinem Helden angenähert. Der im Oktober gestartete Film, gerade erst mit dem Preis der deutschen Filmkritik als bester Spielfilm 2015 ausgezeichnet, läuft bis heute in den Kinos und erreichte beachtliche 250 000 Zuschauer. Auch dieser Film erzählte, wie Fritz Bauer, hier dargestellt von Burghart Klaußner, den Mossad auf die Spur Eichmanns setze, sich seiner Kollegen erwehren musste und von einem jungen Staatsanwalt (Ronald Zehrfeld) unterstützt wurde, der einen schweren inneren Konflikt auszutragen hat. 2014 spielte die Figur Fritz Bauer bereits im Spielfilm „Im Labyrinth des Schweigens“ eine Rolle, 2011 hatte der Dokumentarfilm „Fritz Bauer – Tod auf Raten“ für Aufsehen gesorgt, der über die seltsamen Umstände des frühen Todes von Bauer spekulierte.

Ein regelrechtes Fritz-Bauer-Revival also für einen Mann, der Jahrzehntelang fast vergessen war, aber in den sechziger Jahren noch im Zentrum der Debatten um die NS-Verbrechen gestanden hatte und in Alexander Kluges Film „Abschied von gestern“ aufgetreten war. Fritz Bauer hatte als Generalstaatsanwalt ein Gericht von der Aussage überzeugt, das NS-Regime sei ein Unrechtsstaat, Widerstand deshalb als Notwehr gerechtfertigt gewesen. Bauer sorgte dafür, dass in den Frankfurter Auschwitz-Prozessen nicht nur über die Täter geurteilt, sondern dass sich die Öffentlichkeit mit deutscher Schuld auseinandersetzte.

Gute Gründe also, diesen Mann und seinen Kampf auch dem großen Fernsehpublikum näher zu bringen. Dass die beiden aktuellen Spielfilme sich aber so ähnlich sind, verwundert dann doch – schließlich wurden beide von der ARD finanziert. „Der Staat gegen Fritz Bauer“ wurde vom Westdeutschen und Hessischen Rundfunk mitgetragen, für „Die Akte General“ kooperierten Südwestrundfunk, Bayrischer und Saarländischer Rundfunk sowie ARD-Degeto. Spätestens beim DVD-Vertrieb stehen die beiden Filme in direkter Konkurrenz. Stephan Wagner, Regisseur des Fernsehfilms, hatte erst wenige Wochen vor Drehbeginn erfahren, dass sein Kollege Lars Kraume ebenfalls einen Film über Fritz Bauer drehte und hat sich den Kinofilm bis heute nicht angesehen, um unbeeinflusst zu bleiben.

Totz vieler Parallelen setzt sich der Fernsehfilm vom Kinofilm etwas ab. „Die Akte General“ legt mehr Wert darauf, das politische Umfeld der späten Adenauer-Jahre zu erklären, wirkt dadurch aber dialoglastiger. So treten hier nicht nur die Gegenspieler Bauers in Justiz und Geheimdienst auf, sondern auch Spitzenpolitiker. Bundeskanzler Konrad Adenauer (Dieter Schaad) und dessen Staatssekretär Hans Globke (Bernhard Schütz) widerspiegeln das Wirken Bauers. Globke, der im NS-Regime die richtungweisenden Kommentare der „Rassengesetze“ verfasst hatte, war trotz aller Kritik aus der Opposition und dem Ausland Adenauers rechte Hand und fürchtete nun, vom verhafteten Eichmann belastet zu werden. Um Globke anzuklagen, kooperierte Fritz Bauer sogar mit Kollegen aus dem Osten. Autor Alexander Buresch entwirft Szenen, in denen die DDR-Agenten in Israel mit dem jungen Staatsanwal um die Informationen kämpfen. Neben den politischen Hintergründen breitet „Die Akte General“ – wie „Der Staat gegen Fritz Bauer“ – die moralischen Umstände jener Jahre aus. Fritz Bauer wird nicht nur wegen seines Engagements gegen die NS-Täter, sondern auch wegen seiner vermuteten Homosexualität beargwöhnt und angreifbar.

Einsamer Held

Selbst wenn der Film wegen seiner Vielzahl von Figuren und Themen etwas überladen wirkt, so bietet er einen anderen Zugriff auf die Wirtschaftswunderjahre, die im Fernsehen sonst eher verkitscht werden. Auch schauspielerisch kann der ARD-Film den Vergleich mit dem Kinofilm bestehen: Ulrich Noethen, unter der Maske und mit heftigem Dialekt kaum wieder zu erkennen, verkörpert eindrucksvoll einen einsamen, widerborstigen Helden, der trotz aller Niederlagen weiter auf Aufklärung setzt. Als zerrissene Figur überzeugt David Kross, dessen Staatsanwalt loyal zum Chef und loyal zum Staat bleiben will. Der Verrat seines jungen Mitstreiters trifft Fritz Bauer stärker als die Attacken seiner Gegner.


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