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ARD Tatort : Namhafte Tatort-Neuverpflichtungen

Parka statt Lederjacke: Peter Faber (Jörg Hartmann) ist Chef der Mordkommission in Dortmund. WDR

Parka statt Lederjacke: Peter Faber (Jörg Hartmann) ist Chef der Mordkommission in Dortmund. WDR

Früher war vielleicht nicht alles besser. Aber überschaubarer war die „Tatort“-Welt mit Sicherheit. Was der WDR-Dramaturg Gunther Witte 1969 als „Länderspiegel mit Leichen“ erfand, sollte ursprünglich mehr regionale Vielfalt bieten als der sehr beliebte „Kommissar“ des ZDF. Deshalb ermittelte bald für den „Tatort“ in Köln ein Zollfahnder namens Kressin und in München ein Oberinspektor Veigl mit Jägerhütchen. Der Hanseat mit Trenchcoat hieß Trimmel und fuhr gleich zu Beginn mit dem „Taxi nach Leipzig“ rüber in die Zone. Lange grübelte Witte seinerzeit, ob die Handvoll Kommissarsfiguren für den Zuschauer auf Dauer nicht doch zu unübersichtlich werden könnten.

Die Sorge erscheint angesichts der vielen Gesichter, die heute die „Tatort“-Reihe tragen, geradezu rührend. In der aktuellen Saison, die an diesem Sonntag mit dem Schweizer Beitrag „Hanglage mit Aussicht“ eröffnet wird, werden 20 Ermittlerteams auf Mörderjagd gehen. Anders als in der Anfangszeit sind die Neuverpflichtungen allesamt gefragte Stars wie Devid Striesow, Jörg Hartmann oder Wotan Wilke Möhring. Der MDR verpflichtete kürzlich Shootingstar Alina Levshin, die für ihre Rolle in „Die Kriegerin“ mit dem Filmpreis ausgezeichnet worden war. Wann genau der Tausendsassa Til Schweiger in Hamburg seinen „Tatort“-Dienst antritt, ist noch ungewiss. Der Kinostar dreht erst einmal seinen Kinofilm „Kokowääh 2“ ab.

Nur ein Gastspiel

Die auf Prominenz ausgerichtete Besetzungsstrategie zeugt von der überragenden Bedeutung der quotenstarken Sonntagabendreihe. Aber es steckt auch eine gewisse Gefahr darin: Ulrike Folkerts, die selbst seit 1989 die Ermittlerin Lena Odenthal spielt, orakelte kürzlich, dass Til Schweiger sein „Tatort“-Engagement wohl eher als Gastspiel begreifen wird: „Der wird eine Riesen-Quote kriegen, und der macht das einmal, vielleicht zweimal. Und ich sage Ihnen: Ein drittes Mal – und dann ist die Sache vielleicht schon wieder ausgestanden“, so Folkerts.

Tatsächlich sind die Namen zwar größer, die Wegstrecken, in denen die Fernsehbeamten ihren Kommissarsdienst verrichten, aber deutlich kürzer geworden: Maximilian Brückner, der relativ zu Beginn seiner rasanten TV-Karriere in die Rolle des Exil-Bayern Kappl schlüpfte, brachte es gerade mal auf sieben „Tatort“-Folgen. Kinostar Memet Kurtulus, der für den NDR den Undercover-Beamten Cenk Batu spielte, stieg nach sechs Folgen wieder aus. Andere wie Axel Milberg machen sich rarer als nötig. Weil die großen ARD-Anstalten wie der NDR oder WDR mehr „Tatort“-Sendeplätze als die kleinen Sender wie RBB oder der SWR zuliefern, gibt es nun im Norden und Westen gleich mehrere Kommissare. Aber wer weiß, wie lange Joachim Krol und Nina Kunzendorf bleiben? Wann wird wohl Richy Müller sagen, dass er seine Figur für auserzählt hält? Was wird aus Ulrich Turkur, dessen Figur vorsorglich mit einem unheilbaren Gehirntumor erdacht wurde?

Als Ulrike Folkerts 1989 ihr „Tatort“-Debüt hatte, kannte sie praktisch niemand. Maria Furtwängler spielte in harmlosen Familienserien, bevor sie Charlotte Lindholm wurde. Auch Miro Nemec und Udo Wachtveitl wurden erst mit dem „Tatort“ bekannt. Die Figuren, die uns heute so vertraut sind, hatten Zeit, sich mit ihren Darstellern zu entwickeln. Wenn nun Film-Größen wie Sibel Kekilli für eine Kommissarsrolle interessieren, wird ihnen sogleich ein komplexer Charakter mit tiefgründigem Vorleben und damit einer großen Spielfläche für den Star angeboten.

Neu verputzte Regiestile

Die Helden, die einst einfach die mörderische Welt wieder in Ordnung bringen sollten, werden so immer artifizieller. Die Einführung von Matthias Brandt als Kommissar Meuffels im „Polizeiruf 110“ dauerte drei Folgen lang. Auch Jörg Hartmann, der am 23. September als drogenabhängiger Dortmunder Kommissar Peter Faber mehr mit sich selbst spricht als mit seinen Kollegen, äußerte schon im Vorfeld Zweifel, ob die Zuschauer seine unbehauene Figur gleich „liebhaben“ werden.

Die hohe Akzeptanz der Reihe wird von den Kreativen und Redakteuren als stabile Basis gedeutet, auf der man seine Luftsprünge gefahrloser probieren kann als in einem gewöhnlichen Fernsehspiel. Dieser Freiraum zieht auch ambitionierte Regisseure und Autoren zum „Tatort“, die früher vielleicht gelangweilt abgewinkt hätten.

Ein bisschen ist es mit dem „Länderspiegel mit Leichen“ so wie mit Berlin und seinen besten Lagen. Es ist ein Prozess der Gentrifizierung im Gange: Weil der „Tatort“ so gefragt ist, werden die alten Gründerzeit-Dramaturgien kernsaniert, die Regiestile neu verputzt, bald ziehen neue, anspruchsvollere Bewohner ein. Am Ende könnte dieser Prozess aber statt zu immer mehr Vielfalt auch zu einer neuen Einfalt führen: Der Individualismus droht zur Norm zu werden: kaputte Kommissare, maulfaule Helden mit übersinnlichen Fähigkeiten, Jump-Cuts und inkomplettes Erzählen – wer weiß, ob wir dessen nicht alsbald überdrüssig sind.

Und dann? Wird Lena Odenthal hoffentlich in Ludwigshafen immer noch Mörder jagen.