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ARD-Vorsitzende Monika Piel: Die Angst, es zu versemmeln

WDR-Intendantin bleibt sie: Monika Piel.
WDR-Intendantin bleibt sie: Monika Piel.
Foto: dpa
Berlin –  

Die scheidende ARD-Vorsitzende Monika Piel spricht im Interview über die umstrittene Tagesschau-App, Thomas Gottschalks Scheitern und die Talkshows im Ersten.

Die WDR-Intendantin Monika Piel ist seit zwei Jahren ARD-Vorsitzende. Nun endet turnusgemäß ihre Amtszeit. Im Gespräch erklärt sie, warum sie nicht wirklich traurig darüber ist.

Frau Piel, am 1. Januar geben Sie den ARD-Vorsitz ab. Sind Sie froh ?

Sagen wir so: Ich bin nicht undankbar, ihn wieder abzugeben. Die Arbeit als Vorsitzende ist manchmal sehr mühselig. Das ist immer so, wenn Menschen zusammenarbeiten, die gleichberechtigt sind. Man hat keine Vorgesetztenfunktion, sondern muss alle Meinungen moderieren. Vergnügungssteuerpflichtig ist das eher selten.

Mussten Sie Entscheidungen in der Öffentlichkeit vertreten, die Sie selbst vielleicht anders getroffen hätten.

Das gehört in demokratischen Prozessen dazu, aber es ist mir schon schwergefallen, wenn es gegen meine eigenen Überzeugungen war. Für alles, wofür ich stehe, übernehme ich die Verantwortung gerne, stecke auch Kritik und Prügel ein, aber wenn man etwas vertreten muss, mit dem man selbst nicht einverstanden ist, ist das unangenehm.

35 Jahre beim Westdeutschen Rundfunk

2007 wurde Monika Piel Intendantin des WDR, der größten ARD-Anstalt. Der Sender verfügte im Jahr 2011 über 1,15 Milliarden Euro an Gebühren-einnahmen.

Monika Piel schloss in den Siebzigerjahren zunächst ein Studium der Betriebswirtschaftslehre ab.

Anschließend hängte sie ein weiteres in den Fächern Jura und Orientalistik an. Zu Studienzeiten assistierte sie Werner Höfer im „Internationalen Frühschoppen“.

Seit 1978 arbeitete sie im Hörfunk, vor allem für die Radiowelle WDR 2 – als Redakteurin, Reporterin und Moderatorin.

1996 wurde Monika Piel Programmchefin von WDR 2, ein Jahr darauf Chefredakteurin des WDR-Hörfunks und stellvertretende Hörfunkdirektorin. 1998 stieg sie zur Hörfunkdirektorin auf.

Den ARD-Vorsitz übernahm sie 2011. Ihr Nachfolger ist Lutz Marmor vom NDR.

Welche haben Sie denn gerne nach außen vertreten?

Zufrieden bin ich damit, dass wir 2012 zum Informationsjahr ausgerufen hatten. Wir haben uns sehenden Auges entschieden, über 40 Prozent Informationsanteil zu halten, auch wenn man damit selten Quoten-Hits macht.

Eine Einigung im Streit über die Tagesschau-App ist während Ihrer Amtszeit nicht geglückt.

Ich verstehe die Verlage sehr gut. Und ich weiß auch um unser Gebührenprivileg. Wir haben, was Journalismus angeht, sehr ähnliche Auffassungen, wir treffen aber nun im Internet zum ersten Mal aufeinander. Ich habe mir sehr gewünscht, dass wir einen Abschluss gefunden hätten. Ich denke eine Einigung wäre möglich gewesen. Aber es gibt unterschiedliche Auffassungen in der ARD, wie weit man den Verlagen entgegen kommen sollte. Das kann man dann als Vorsitzende auch nicht lösen. Ich bin aber sehr froh, dass wir noch im Gespräch sind.

Wie könnte eine Lösung aussehen, die für alle zufriedenstellend ist?

Es wird sich einiges an Tagesschau.de in die Richtung ändern, die auch die Verlage andenken: Sehr viel mehr Videos und Audios, und schon auf der Startseite wird deutlicher werden, dass es das Angebot eines elektronischen Mediums ist. Das wird nicht verwechselbar mit einer Zeitung sein. Ich habe zudem für den WDR angeregt und prüfen lassen, wie wir stärker auf Angebote der Verlage verlinken können, etwa auf den Kommentar oder Hintergrund einer Zeitung. Und wir werden unsere Angebote noch mal auf ihre Textlastigkeit überprüfen.

Ab 1. Januar gibt es den neuen Rundfunkbeitrag. Nun muss praktisch jeder zahlen. Fürchten Sie eine Diskussion über die Existenzberechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?

Nein, die Angst habe ich nicht. Es ist natürlich klar, dass diejenigen, die kein öffentlich-rechtliches Medienangebot nutzen, fragen, warum sie dafür zahlen sollen. Offensichtlich hat es mehr Menschen eingeleuchtet, warum sie für ein Gerät bezahlen sollen. Aber dieses Modell war einfach nicht mehr zeitgemäß. Ich hätte es schlimm gefunden, wenn wir gezwungen worden wären, immer stärker hinter den Leuten her zu kontrollieren, wer mit welchem Gerät welches Medium nutzt. Das hätte die Gebührenakzeptanz gefährdet.

Viele Kritiker nennen den Beitrag eine Steuer .

Der Rundfunkbeitrag ist keine Steuer, das haben die Verfassungsrechtler geprüft. Es gibt eine Informationsinfrastruktur, die als Solidarleistung von allen finanziert wird. Jeder Mensch bezahlt auch für die Oper oder ein Museum, auch wenn er nie einen Fuß hineinsetzen wird. Ich sehe uns jetzt aber in der Pflicht. Wir müssen überzeugen, warum es wichtig ist, dass es uns gibt. Wir müssen durch unser Programm dafür sorgen, dass der überwiegende Teil des Publikums sagt: Ja, dafür wollen wir den Beitrag zahlen.

Der Hauptkritikpunkt ist, dass sich die Öffentlich-Rechtlichen in Zeiten, in denen alle sparen müssen, Milliardeneinnahmen gesichert haben.

Solche Kritiker kennen eben leider die Fakten nicht. Das ist unsere Kommunikationsleistung, die wir noch stärker einbringen müssen. Viele denken, wenn wir mehr einnehmen, dann dürften wir das behalten. Es ist vielen Menschen nicht bekannt, die unabhängige Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) dies genau prüft. Würden wir mehr einnehmen, dann könnten wir das nicht einfach behalten, sondern dann würde möglicherweise auch der Beitrag gesenkt.

Bis jetzt sind die Gebühren stets nur gestiegen.

Wir werden bis 2014 für sechs Jahre Gebührenstabilität haben, obwohl in diesen sechs Jahren unendlich viele Dinge teurer geworden sind wie zum Beispiel Energiekosten. Das trifft uns auch. Es könnte sein, dass es länger als sechs Jahre stabil bleiben wird. Zudem ist es ein Vorurteil, dass wir nicht sparen würden. In der letzten wie auch in der kommenden Gebühren-/Beitragsperiode hat die ARD jeweils Einsparungen von über 1 Milliarde Euro eingeplant. Die KEF prüft dies auch in ihren Berichten. Allein der WDR spart 50 Millionen im Jahr, seit ich hier meinen Job angetreten habe.

Wie steht es um die öffentlich-rechtlichen Digitalkanäle? Wird es künftig eine Reduzierung geben?

Wir werden in den kommenden Jahren Prioritäten setzen müssen und wir werden auch Dinge aufgeben müssen. Daran führt für mich kein Weg vorbei.

Was heißt das konkret?

Wir müssen uns die Digitalkanäle genau ansehen. Dabei geht es um die Zusammenlegung zu einem Jugendkanal, aber auch um das weitere Programmangebot. Und wir müssten überprüfen, ob wir nicht auch noch stärker mit dem ZDF zusammenarbeiten können.

Lange hieß es, Sie seien gegen einen Jugendkanal. Jetzt wollen Sie ihn?

Ich habe es immer für sinnvoll gehalten, einen solchen Jugendkanal zu haben. Aber ich kann dem nur zustimmen, wenn wir ein Finanzierungskonzept haben. Thomas Bellut vom ZDF sagt nichts anderes.

In Ihre Zeit als ARD-Vorsitzende fällt die Pleite mit „Gottschalk live“. Woran ist er gescheitert?

Ich wundere mich, dass das noch ein großes Thema ist. Das waren 25 Minuten im Vorabend für vier Monate. Es gab ein ganzes Bündel an Gründen, warum es nicht funktioniert hat. Ich finde die Idee nach wie vor gut und stehe immer noch dazu, dass man etwas ausprobieren sollte. Wer etwas wagt, kann scheitern. Ich finde das nicht schlimm. Aber wenn dann monatelang eine Diskussion geführt wird, schürt das natürlich bei einigen Ängstlichkeit, weil man hinterher da steht als derjenige, der es versemmelt hat.

Sie galten als treibende Kraft hinter der Verpflichtung. Ist die Sendung auch am fehlenden Rückhalt durch alle Intendanten gescheitert?

Ich war nicht die treibende Kraft. Ich war einfach zu der Zeit die ARD-Vorsitzende. Herr Gottschalk hat nie im Leben mich angesprochen und ich ihn auch nicht. Er hat mit Herrn Reiter (dem einstigen MDR-Intendanten, die Red.) gesprochen. Es gab einen Beschluss und zwar ohne Gegenstimme. Jeder, der es hinterher besser gewusst hat, hätte vorher sagen können: Nein, das tragen wir nicht mit. Aber als die Quoten dann nicht so gut waren, hat sich natürlich der ein oder andere zu Wort gemeldet. Das ist nicht gut gelaufen.

Kehrt Gottschalk nach seinem Ausflug zu RTL in die ARD zurück?

Wir sind im Gespräch. Ganz konkret verhandeln der BR über zwei Abendsendungen im Jahr 2013 und der WDR über eine Sendung. Jetzt geht es um Konzepte.

Hat die ARD zu viele Talkshows?

Das müssen wir erst noch sehen. Die Zuschauer sehen das anders. Sie sind mit den Talks zufrieden. Klar hat Herr Beckmann die schlechteste Quote, das liegt auch am umkämpften Sendeplatz, aber er macht gute Sendungen. Und dass etwa über Anne Will verbreitet wird, wir wollten die Sendung einstellen, ist frei erfunden. Darüber haben wir noch nie gesprochen. Die Verträge mit den Moderatoren laufen alle bis Ende des kommenden Jahres, da wollen wir nicht zu früh anfangen zu diskutieren, sondern reden im Frühjahr darüber.

Das Gespräch führte Anne Burgmer.

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