10.01.2012

Armutsbekämpfung: Die Mikrokredit-Lüge

Von Kathrin Hartmann
Besonders Frauen sind armutsgefährdet.
Besonders Frauen sind armutsgefährdet.
Foto: dapd

Mikrokredite dienen nicht den Armen, sondern dem globalen Finanzkapital. Sie sind kein Akt der Menschlichkeit, sondern das Konzentrat neoliberaler Entwicklungspolitik: Die hohe Staatsverschuldung der armen Länder wird auf das Individuum ausgeweitet.

Die Entstehung der Mikrokredite beginnt mit einer schönen Erzählung. Anfang der siebziger Jahre lehrte der bangladeschische Ökonom Muhammad Yunus an der Universität von Chittagong, der zweitgrößten Stadt Bangladeschs. Zu dieser Zeit herrschte in dem jungen Land eine Hungersnot und Yunus, der gerade aus den USA zurückgekehrt war, verschrieb sich der Armutsbekämpfung.

Im Dorf Jobra sei ihm eine junge Frau begegnet. Sufiya Begum hatte drei Kinder, sie lebte in einer schäbigen Lehmhütte und fertigte Bambus-Stühle an. Trotz harter Arbeit blieb sie arm: Sie musste sich bei einem Wucherer das Geld für den Bambus leihen. Doch die Kreditzinsen waren so hoch, dass sie von dem Verkauf der Stühle nicht leben konnte. 42 Opfer der Geldverleiher, die zusammen umgerechnet 20 Euro Schulden hatten, fand Yunus in dem Dorf. Er lieh den Frauen den Betrag und nach einem Jahr seien sie schuldenfrei gewesen, Sufiya Begum habe sich ein schönes Haus gebaut. 1983 gründete er die Grameen Bank. 2006 erhielt mit Muhammad Yunus erstmals ein Banker den Friedensnobelpreis.

Mikrokredite sind Kleinstdarlehen, umgerechnet zwei bis dreistellige Euro-Beträge, die an Arme verliehen werden, die keinen Zugang zu Finanzkapital haben. Mit dem Geld sollen die Armen kleine Unternehmen gründen: sich eine Kuh kaufen, Gemüse anbauen und auf dem Markt verkaufen, einen Handwerksbetrieb oder eine Teestube eröffnen. Damit sollen sie ihren Lebensunterhalt und die wöchentlichen Kreditraten samt Zinsen erwirtschaften.

Ökonomische Variante des edlen Wilden

Mikrokredite werden fast ausschließlich an Frauen verliehen, sie gelten als Instrument zu deren Ermächtigung. Als Beleg für den Erfolg der Mikrokredite verweisen die Institute auf die hohen Rückzahlungsquoten: die der Grameen-Bank, so Muhammad Yunus, liege bei 99 Prozent. Die ausgezeichnete Zahlungsmoral der Armen erscheint dabei als eine ökonomische Variante des edlen Wilden: „Arme Menschen sind wie Bonsais. Der beste Samen eines großen Baumes wird nur wenige Zentimeter groß, wenn man ihn in einen Blumentopf pflanzt; er verkümmert, genau wie die Armen. Ihr Problem ist nicht der Samen, sondern die Gesellschaft, die ihnen keinen Raum gibt zu wachsen. Wenn wir das ändern, muss niemand mehr arm sein“, erklärt Muhammad Yunus.

Das klingt mehr wie ein biblisches Gleichnis als nach Business. Wirtschaftsliberale, Kirchen, Globalisierungskritiker, Entwicklungspolitiker, NGOs, Weltbank und Großbanken sind gleichermaßen begeistert von der Idee – so, als sei endlich „die Lösung“ für die globale Armut gefunden.

Doch der Siegeszug des Mikrokredits verdankt sich nicht der Tatsache, dass sich die Idee als probates Mittel zur Armutsbekämpfung durchgesetzt hätte. Sie ist Teil der Strukturanpassungsprogramme des Westens: anstatt den Entwicklungsländern die Staatsschulden zu erlassen, knüpften Internationaler Währungsfonds und Weltbank die Vergabe weiterer Kredite an Drittwelt-Staaten an die Privatisierung öffentlicher Strukturen, Deregulierung der Märkte und der Abschaffung von Zinsobergrenzen.

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