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Berliner Zeitung | Astrid-Lindgren-Illustratorin Ilon Wikland: Die Kindheit im Kopf und im Herzen
16. February 2015
http://www.berliner-zeitung.de/2409610
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Astrid-Lindgren-Illustratorin Ilon Wikland: Die Kindheit im Kopf und im Herzen

Ilon Wikland beim Gespräch vor der Ausstellungseröffnung in Berlin.

Ilon Wikland beim Gespräch vor der Ausstellungseröffnung in Berlin.

Foto:

Berliner Zeitung/ Paulus Ponizak

Da ist Karlsson vom Dach mit dem kleinen Propeller auf dem Rücken und den breiten Wangen, in die unendlich viele Süßigkeiten passen, oder Lotta aus der Krachmacherstraße, die ihr grob genähtes Teddyschwein hinter sich herzieht. Da sind die fröhlich-finsteren Gesellen, bei denen Ronja Räubertocher aufwächst, genauso wie die herzigen Kinder aus Bullerbü. Diese Gestalten zeichnete und malte Ilon Wikland für die Bücher von Astrid Lindgren und in die Köpfe ihrer Leser. Im Kinder- und Jugendliteraturzentrum LesArt hat jetzt eine Ausstellung eröffnet, die Wiklands Helden gewidmet ist. Sie zeigt überhaupt zum ersten Mal in Deutschland mit mehr als 150 Originalen so großzügig das Schaffen dieser Illustratorin.

Ilon Wikland, gerade 85 Jahre alt geworden, ist geboren im estnischen Tartu, wuchs auf in Tallinn und Haapsalu. So behütet und froh, wie die Kinder auf ihren Bildern oft zu sehen sind, war ihre Kindheit nicht. Die Eltern waren geschieden und gaben das Mädchen zu den Großeltern. Mit ihnen erlebte Ilon die erste Okkupation Estlands durch die Sowjetunion 1940, in deren Folge Tausende Esten nach Sibirien deportiert wurden. Sie erlebte den Einmarsch der Nazi-deutschen Truppen, in dessen Folge die Juden ermordet wurden. Und als sich 1944 die Rückkehr der sowjetischen Herrschaft andeutete, setzten ihre Großeltern Ilon in ein Flüchtlingsschiff nach Schweden, zusammen mit 200 anderen Menschen.

In die Erinnerung eingezeichnet

Sie war 14 Jahre alt, als sie neu anfangen musste. Die Großeltern hat sie nie wiedergesehen. Bei ihrem Besuch in Berlin sagt sie: „Ich habe diese Erlebnisse nie vergessen. Oft habe ich nachts die Lastwagen gesehen, die uns abholen wollten. Am Tage konnte ich gegen diese Gedanken arbeiten. Zeichnen hat mir immer geholfen.“ Sie könnte heute kaum Nachrichten sehen, all die Familien, die wieder auf der Flucht seien. „Ich bin so eingewickelt in alles, was geschieht“, sagt sie auf Deutsch, „wenn ich auf die Ukraine schaue, ist es, als würden die Russen wieder nach Estland kommen.“

Glücklicherweise lebte eine Tante von ihr bereits in Stockholm und nahm das Mädchen auf. Ilon lernte schnell Schwedisch, studierte Grafik und Buchkunst und bewarb sich 1954 beim Stockholmer Verlag Rabén & Sjögen. Astrid Lindgren war Lektorin dort und hatte gerade ein neues Buch fertig, „Mio mein Mio“. Ilon Wikland fand eine Bildsprache für den Waisenjungen Bosse, der ins Land der Ferne reist und dort als Prinz Mio hinter das Geheimnis des Bösen kommt. Ihre klaren Zeichnungen machen das Märchenhafte glaubwürdig. Die Autorin war zufrieden, beauftragte sie erneut. Sie hätten vor jeder Arbeit lange gesprochen, denn die Illustrationen müssen dem Buch dienen, sagt sie. „Als Astrid Lindgren mir das erste Kapitel aus ,Die Brüder Löwenherz’ vorlas, habe ich geweint.“

Dreißig Jahre später schrieb Astrid Lindgren an Ilon Wikland, dass sie wüsste, wie viel sie für ihre Bücher bedeutet habe, „weil Du mit Deinen Bildern dazu verholfen hast, ihren Leserkreis zu erreichen. Viele Kinder werden sich ein Leben lang an die Bilder erinnern, die Du geschaffen hast. Sie werden ein unvergesslicher Teil ihrer Kindheit bleiben.“

Das kleine Begleitbuch zur Ausstellung zitiert diese Sätze. Und es lenkt auch den Blick auf Wiklands Entwicklung, die hier schön zu sehen ist. Von Ronja Räubertochter gibt es verschiedene Entwürfe. Von Nils Karlsson-Däumling und Lotta fiel das Liebliche ab. Die Kinder aus der Krachmacherstraße hat die Künstlerin bald wilder auf dem Tisch tanzen lassen, und dabei auch den Blick verändert. Sie mischte Zentral- und Vogelperspektive, so dass man nicht nur die Akteure gut sehen konnte, sondern außerdem, was auf zu ihren Füßen lag. Und wenn man überlegt, warum die Ausstellung „Über Tisch und Bänke“ heißt, fällt der Blick auf andere Tisch-Szenen: Ilon Wikland zeigt ihn gern als Zentrum des Familienlebens mit Essen, Spielsachen, Büchern drauf.

Man erkennt Estland in den Zeichnungen wieder

An ihrem Tisch zu Hause in Stockholm, dessen bunte Bemalung in einer Nachbildung zu sehen ist, wuchsen vier Töchter auf. Drei von ihnen sind mit nach Berlin gekommen, mit eigenen Kindern, denn die Ausstellung ist auch für die Familie eine große Sache. Mit ihren Bildern gingen Astrid Lindgrens Geschichten zwar um die Welt, wie die Cover von „Lotta on Troublemaker Street“ oder „Los Hermanos Corazón de León“ zeigen, doch im Land ihrer Geburt wurde lange verschwiegen, dass Wikland aus Estland kommt. 1989 war sie zum ersten Mal wieder dort. Heute gibt es in Haapsalu ein eigenes Museum, „Ilons Sagoland“. Viele der Exponate in Berlin, von ihrer ersten Publikation 1946, einem Liederbuch, bis zu den Originalen für das jüngste, einer 2014 erschienenen Neuausgabe von „Peter und der Wolf“, stammen von dort. Die Bilder aus ihrer Heimat behielt Ilon Wikland sowieso im Kopf und im Herzen. Die Gäste aus Estland erkennen kleine Holzhäuser, Straßenszenen, ja, sogar die Mattisburg an den Wänden wieder.