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Atelierprogramm für Berlin: Kunst ohne Raum

Schlüsselfertige Ateliers sind selten unter 10 Euro brutto warm zu finden, das gilt inzwischen auch für Lagen außerhalb des S-Bahnrings.

Schlüsselfertige Ateliers sind selten unter 10 Euro brutto warm zu finden, das gilt inzwischen auch für Lagen außerhalb des S-Bahnrings.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Ein Klemmbrett und ein daran festgebundener Kugelschreiber liegen am Eingang auf dem grauen Estrich. Die Sonne strahlt durch die Fensterfront, die nach Westen auf die Schöneberger Naumannstraße zeigt. Etwa dreißig Menschen schieben sich durch die Stahltür in einen hellen, frisch geweißelten Raum in der dritten Etage der Werkhalle. Maler, Bildhauer, Soundtüftler, Food-Artisten und andere Künstler, alle auf der Suche nach Raum zum Arbeiten.

Wer Interesse hat an dem fünfzig Quadratmeter großen Atelier, trägt seinen Namen in die am Boden liegende Liste ein. Am Ende stehen alle Anwesenden auf dem Papier. Bei einem Preis von 228,80 Euro brutto warm, Strom inklusive, gibt es keinen Grund zu zögern.

Solche Arbeitsräume sind selten geworden in Berlin. Doppelte Flügeltüren öffnen sich zu einem Flur, von dem aus ein Lastenaufzug die Etagen der Werkhalle verbindet. Selbst große, sperrige Arbeiten sind hier möglich. Handys werden gezückt, Fotos gemacht.

Larissa Aharoni ist bereits zum fünften Mal bei einer Besichtigung des Berliner Atelierprogramms dabei. Jedes Mal hat sich die in Köln geborene Künstlerin, die vor etwa zwei Jahren nach Berlin kam, auch beworben, bislang ohne Erfolg. Anfangs hat sie ihre raumgreifenden Installationen in der eigenen Wohnung vorbereitet. Dann wurde sie Mutter und das Atelier zum Kinderzimmer. „Ohne Raum kann ich nicht arbeiten, keine Ausstellung vorbereiten, nichts.“ Die Gewerbemieten auf dem freien Markt sind für sie unerschwinglich, schlüsselfertige Ateliers selten unter zehn Euro brutto warm zu finden. Das gilt inzwischen auch für Lagen außerhalb des S-Bahnrings.

Umso begehrter sind die Räume des Atelierprogramms. 875 Ateliers zu einer subventionierten Miete sind im Angebot, allein 64 davon finden sich auf dem 80.000 Quadratmeter großen Gewerbeareal an der Naumannstraße. Das hört sich viel an. In Berlin aber leben nach einer Erhebung des Senats 7000 Künstler, der Berufsverband Bildender Künstler Berlin (BBK) schätzt die Zahl auf 8000 bis 10.000. Weniger als tausend von ihnen können von ihrem Schaffen auskömmlich leben, hat eine Untersuchung des Berliner Instituts für Strategieentwicklung ergeben. Die Mehrheit muss sich das Leben für die Kunst mit Nebenjobs finanzieren.

Aber zurück zu den Ateliers: Für sieben Euro brutto warm pro Quadratmeter sind die Flächen meist auf zehn Jahre angemietet und werden für maximal 4,09 an Künstler weitergegeben, meistens für deutlich weniger. Finanziert wird das von der Kulturverwaltung mit 1,45 Millionen Euro jedes Jahr.

Eine Frau mit einem Stoß Papieren in der Hand macht die Anwesenden auf sich aufmerksam. „Ich müsste Ihnen noch etwas zum Bewerbungsverfahren sagen“, sagt Birgit Nowack in die Runde. Die 47-Jährige ist seit sechzehn Jahren für das Atelierprogramm zuständig. Vorher mischte sie schon im Milchhof und im Haus Schwarzenberg mit, zwei legendären Berliner Atelierhäusern. Sie organisiert Besichtigungen, wenn Ateliers frei werden, hilft Interessenten bei Anträgen, beantwortet jede Frage, freundlich und geduldig, mal in Deutsch, häufig auf Englisch.

Einkommen darf 16.055 Euro nicht überschreiten

Ihre Kundschaft ist international. Aber nur wer mit einem Katalog, seinem Lebenslauf und oder einer Mappe nachweisen kann, dass er als professioneller Künstler arbeitet und dauerhaft in Berlin lebt, hat überhaupt eine Chance. Anders als bei einem Stipendium wird nicht die künstlerische Qualität bewertet. Den begehrten Schlüssel zum eigenen Arbeitsraum erhält der, der ihn beruflich und sozial am dringendsten braucht.

„Denken Sie daran, das Herzstück Ihrer Bewerbung ist die Beschreibung Ihrer Lebenssituation: Wie arbeiten Sie? Können Sie derzeit überhaupt arbeiten? Was verdienen Sie? Schreiben Sie alles auf“, sagt Nowack und hält den entsprechenden Bogen in die Höhe. Das jährliche Nettoeinkommen darf 16.055 Euro nicht überschreiten. Und damit keine Missverständnisse aufkommen: „Sie müssen uns nicht beweisen, dass Sie genug haben, um die Miete zu bezahlen, sondern, dass Sie zu wenig haben, um sich andere Räume leisten können.“ Verkehrte Welt.

Die wenigsten von denen, die da durch das kahle Atelier spazieren, dürften diese Summe überhaupt erreichen. Im Schnitt leben die Künstler von 850 Euro im Monat. Die Zahlen hat das Atelierbüro mit-hilfe der Künstlersozialkasse ermittelt. Bei so einem Einkommen schmerzen 200 Euro Ateliermiete sehr. So erstaunt es nicht, dass Nowack immer wieder gefragt wird, ob man auch zu zweit oder zu dritt mieten könne. Ja, man kann.

Birgit Nowack packt das Klemmbrett und die Formulare in die Tasche und schließt die Tür. Noch vier weitere Besichtigungen hat sie an diesem Tag vor sich: Hagelberger Straße in Kreuzberg, Rungestraße in Mitte, Pankstraße in Französisch-Buchholz und wieder zurück nach Mitte in die Chausseestraße. Je näher sie dem Zentrum kommt, umso höher ist die Zahl der Bewerber. In wenigen Wochen wird sie auf eine Zusage, dreißig bis fünfzig Absagen schreiben müssen. Das ist der unangenehme Teil der Arbeit für Birgit Nowack. Es ist als ob die Künstler den Preis für den Aufschwung zahlen, den Berlin seit geraumer Zeit erlebt.

2003 nannte Klaus Wowereit die Stadt noch „arm, aber sexy“. Inzwischen ist Klaus Wowereit weg, die Stadt nicht mehr ganz so arm, Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Tourismus wachsen und mit ihnen die Preise für Wohnungen und Gewerberäume. Für viele, die für das Attribut „sexy“ mit verantwortlich waren, bleibt da kein Platz. Sie sind noch immer arm.

So liegen die Hoffnungen auf dem neuen Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller, der bis vor wenigen Wochen noch Senator für Stadtentwicklung war. In seiner Regierungserklärung am 15. Januar etwa verkündete Müller: „Um Kulturräume zu erhalten, werden Stadtentwicklungs- und Kulturpolitik Hand in Hand arbeiten und Arbeitsräume und -orte für Künstlerinnen und Künstler auch in der Innenstadt sichern.“ Das klingt gut. Man fragt sich allerdings, warum, wenn ihm das Thema so am Herzen liegt, in seinen drei Jahren als oberster Stadtentwickler kaum Räume gerettet, viele landeseigene Liegenschaften hingegen zur kurzfristigen Konsolidierung des Haushalts versilbert wurden.

Das Atelierbüro will daher energischer gegensteuern und plant, sein Programm zu erweitern und die Zahl der subventionierten Ateliers auf 2000 bis zum Jahr 2020 zu erhöhen. „Unser Ziel ist es, einem Drittel der Künstler Raum bieten zu können“, sagt der Berliner Atelierbeauftragte und Leiter des Atelierbüros Florian Schmidt. Dazu müsse der Etat des Programms um eine Million Euro erhöht und für Investitionen in öffentliche und private Atelierhäuser einmalig eine weitere Million bereit gestellt werden.

Die Kulturverwaltung wäre wohl mit im Boot. Zumindest wird Kulturstaatssekretär Tim Renner nicht müde, von der Kultur und ihrer Innovationskraft als zweitem wichtigen Pfund Berlins neben der Wissenschaft zu schwärmen, das es zu bewahren gilt. „Wir müssen diejenigen schützen, die den Boom ausgelöst haben“, schrieb Renner in einem Beitrag für den Tagesspiegel. In diesem Punkt herrscht Einigkeit mit seinem Kultursenator. Fehlen nur noch die gemeinsamen Taten.