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Aufruf gegen Bauwut in Berlin: Lasst uns näher zusammenrücken

Visueller Blick auf den umgestalteten Alexanderplatz: Superbüste der Namensgeber Zar Alexander I., nachgebildete Arkaden, sowie ein Monolith und eine Skulptur einer Blechtrommel als Denkmal für den Roman von Günter Grass.

Visueller Blick auf den umgestalteten Alexanderplatz: Superbüste der Namensgeber Zar Alexander I., nachgebildete Arkaden, sowie ein Monolith und eine Skulptur einer Blechtrommel als Denkmal für den Roman von Günter Grass.

Foto:

BLZ/ Edinger

Die Befürworter des Volksentscheids „100% Tempelhofer Feld“ werden verdächtigt, dass sie die Baustellen anderswo haben wollen, nur nicht vor ihrer Haustür. Besser wäre es, wir würden in ganz Berlin auf Neubau verzichten. Wie sehr Bauen schadet, müsste jeder wissen: Es kostet Energie, es kostet Geld und schafft darum teure Wohnungen, und es ist asozial, weil die neuen Lofts Besserverdienende anziehen, während in der Gropiusstadt und den Plattenbauten der Rest bleibt. Ziehen wir die Konsequenz und verbieten das Bauen.

Zwar fordern alle, man müsse „bauen, bauen, bauen“, aber wir haben genug Platz. Allein bei Büros stehen in Berlin über eine Million Quadratmeter leer; auf dieser Fläche könnten Zehntausende Menschen wohnen. Hysterisch von Wohnungsnot zu reden, ist unverschämt denen gegenüber, die in der Nachkriegszeit tatsächlich litten. Damals teilten fünf Personen einen Raum, heute entfallen zwei Räume auf eine Person! Wir haben in Berlin heute trotz der jüngsten Zuwanderung genauso viele Einwohner wie nach der Wiedervereinigung 1991.

Seitdem wurde aber wie besessen neu gebaut, insgesamt 200.000 Wohnungen mit über 16 Millionen Quadratmetern. Darin könnten wir über 400.000 weitere Neuberliner aufnehmen, wenn wir uns nicht breiter machen würden als je zuvor: Die Wohnfläche stieg in Berlin in den letzten zwanzig Jahren von 33 auf über 41 Quadratmeter pro Person. Es herrschen hohe Ansprüche, denn von allen Bundesländern gibt es hier mit 60 Prozent die meisten Ein-Personen-Haushalte, in denen jeder sein eigenes Bad hat, seine eigene Küche, seine eigene Garderobe und seinen eigenen Abstellraum. Das ist Platzverschwendung. Dieser Wohnluxus ist schuld daran, dass immer mehr gebaut wird. Wenn wir auf übertriebene Ansprüche verzichten, dann brauchen wir keinen Neubau.

Jeder geht allein nach Hause

Freilich liegt der gestiegene Flächenbedarf auch daran, dass es immer weniger Familien gibt, so entspricht in Berlin gerade mal jeder zehnte Haushalt noch dem klassischen Bild mit Eltern und zwei oder mehr Kindern. Aber wenn die Berliner nicht mehr in traditionellen Familien leben, warum finden sie dann nicht anders zusammen? Besonders im kumpelhaften Friedrichshain-Kreuzberg, wo sich jeden Abend in den Szenekneipen Tausende Menschen verbrüdern, geht dann doch jeder allein nach Hause. Gerade hier, wo berlinweit die meisten die Initiative „100% Tempelhofer Feld“ unterstützen, zeigen die selben Leute nicht, wie es auch ohne Neubau gehen kann.

Ausgewählte Wohnneubauprojekte für das Jahr 2014 in Berlin

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Dafür müssen wir zusammenrücken! Es wird viel geredet von Mehrgenerationenwohnen, aber wenn sich wirklich beim Wohnen Menschen zusammentun, dann meist als Baugemeinschaft von Anwälten, Ärzten und Architekten, deren Gemeinschaftssinn sich darin erschöpft, durch vereintes Bauen Geld zu sparen.

Ähnlicher Egoismus herrscht bei angehenden Akademikern, bei zigtausend Studierenden. Es boomt der Bau von Studentenappartements. Für solche Singlewohnungen werden horrende Quadratmeterpreise ausgerufen, bezahlt von Mama und Papa. So besetzen viele Studierende eine komplette Wohnung, während sie es früher nicht für unter ihrer Würde hielten, zur Untermiete zu wohnen. Auch heute merken diejenigen, die das Zusammenleben wagen, dass Alt und Jung sich gegenseitig etwas geben können. In vielen deutschen Hochschulorten floriert „Wohnen gegen Hilfe“, wobei jüngere Bewohner etwas einkaufen oder den Älteren zur Hand gehen und dafür wenig oder keine Miete zahlen.

Neben diesen praktischen Vorteilen kommen sich die Mitbewohner näher, und nicht zuletzt wird so der unsägliche Flächenverbrauch gemindert. Wenn Singles sich zu sehr ausbreiten, dann ist das keine Privatsache, sondern schadet der Gemeinschaft, die dadurch zu teurem Neubau gezwungen wird.

Die Berliner sollten sich darauf einlassen zusammenzuziehen. Man muss nicht gleich das Bett teilen wie bei den Schlafburschen der Gründerzeit, als jede Matratze rund um die Uhr belegt war. Aber eine großzügige Küche mit sechs anderen teilen kann sogar Spaß machen. Und einen Gästeraum abwechselnd zu nutzen, sollte nun wirklich keiner als Einbruch in seine Privatsphäre betrachten. Wer zusammenwohnt, entkommt der Anonymität der Großstadt. Den Berliner Singles würde etwas Mut zur Nähe gut tun, und gleichzeitig würden sie damit wertvollen Wohnraum freimachen.

Anstatt zu überlegen, wie wir in vorhandenen Häusern zusammenwohnen können, wird wie besinnungslos neu gebaut. Wir finden die Bauwut überall, etwa mit den Plänen für einen 150-Meter-Wohnturm am Alexanderplatz. Oder beim Handel: Als stünden in den Stadtvierteln nicht genug Läden leer, werden immer neue Shopping-Center eröffnet. Am Leipziger Platz entsteht das zweitgrößte Center Berlins mit 76.000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Es werden leichtfertig Millionen für neue Museen ausgegeben, während die bestehenden um jeden Euro ringen. So soll in Berlin das Bauhaus-Archiv mit einem Neubau für 45 Millionen Euro erweitert werden, obwohl gleichzeitig in Dessau und Weimar ebenfalls neue Bauhaus-Museen geplant werden. Beenden wir diesen Unsinn. Wir haben genug gebaut.

Fabriken zu Wohnungen

Wir sollten uns überlegen, was wir wirklich brauchen, und uns darauf besinnen, was wir schon haben. Berlin muss nicht neu gebaut werden. Wir brauchen kein Ersatzberlin. Wir sollten unsere vorhandenen Häuser pflegen und ihren Wert schätzen, egal, aus welcher Zeit sie stammen und in welchem Stil sie gebaut wurden. Respekt vor den früheren Baumeistern zeigt sich darin, dass wir ihre Ideale entdecken und die Qualitäten jedes Baustils würdigen.

Das bedeutet nicht, dass alles bleibt, wie es war. Industriehallen werden zu Konzertsälen, Fabriken zu Wohnungen, Häuser werden umgebaut. Anstelle von Neubau- sollten wir Umbau-Gemeinschaften gründen und alte Häuser sanieren. Ein behutsamer Umbau statt des in Berlin üblichen gnadenlosen Abrisses bewahrt unsere Heimat. Altbauten sind ein Teil der Geschichte dieser Stadt, sie formen die Erinnerung und geben uns historische Identität. Wenn wir unsere alten Häuser sinnvoll und richtig nutzen, dann brauchen wir keine neuen. Wir können die Freiflächen entsiegeln und der Natur Raum geben, nicht nur auf dem Tempelhofer Feld, sondern in ganz Berlin. Leben wir 100 Prozent Berlin und verbieten das Bauen!

Daniel Fuhrhop war fünfzehn Jahre lang Verleger von Büchern zur modernen Architektur, bevor er sich zum radikalen Kritiker des Neubauens entwickelte. Im Internet betreibt er das Blog „Verbietet das Bauen“.