E_Paper_BZ
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Ausstellung: Der Himmel ist nicht teilbar

Berlin -

Unspektakulär wird der „Fall Annemirl Bauer“ wieder aufgerollt. Vor keinem Gericht der Republik, sondern in deren Kunstraum. Eine späte, zu späte Rehabilitierung. Genugtuung verspürt zumindest die Tochter der zur DDR-Zeit von der Staatssicherheit Verfolgten. Amrei Bauer, die sich um den Nachlass ihrer Mutter, der Malerin Annemirl Bauer (1939–1989) kümmert, hat das Archiv für die Ausstellung im Mauermahnmal des Bundestags geöffnet.„Der Himmel über Berlin ist nicht teilbar“. Den Satz notierte die Malerin 1980 zu ihrem bewegenden Altarbild. Sie nannte es einfach nur „Triptychon“ und hatte sich gewünscht, dass es in der Marienkirche am Alex hängen sollte, gerade weil es ein Ankauf des Magistrats gewesen ist. Natürlich gelangte der Altar niemals an den Ort, für den er gemalt war. Und auch sonst hing er nirgendwo in der Öffentlichkeit, genauso wenig wie die anderen Bilder.

Malen für den Keller

Die Leinwände, die Glasmalereien ihrer Mutter seien „reihenweise im Keller gelandet“, erzählt die Tochter. Annemirl Bauer malte in expressiver Farbigkeit, der Stil ist berückend naiv, unbekümmert ging sie um mit Perspektiven, manche Figuren wirken heutig, andere, gerade Frauen und Kinder, haben etwas Derb-Erdiges, fast wie die Figuren Paula Modersohn-Beckers, noch andere haben maskenhafte Köpfe wie bei James Ensor, tragen biblische Gewänder und etliche Szenen wirken wie Gleichnisse. Das steinerne Berlin und graues Menschengewimmel werden eins unterm preußisch blauen Himmel, auf den Straßen Autos, auf der Spree und auf den Berliner Seen Ausflugdampfer, Strandleben. Sozialistischer Wohlstand überall. Die Masse scheint glücklich, doch etwas stimmt nicht: zu bunt, zu aufgesetzt. Das Idyll ist bedroht. Die Malerin hat Zweifel eingestreut in ihre Altartafel vom realen Leben im Arbeiter- und Bauernstaat. Dunst hängt über der Stadt. Und die Kirche ist an den Rand gedrängt.

Die Seitenflügel tragen auch auf der Rückseite Bilder, einklappbar, wie es auf mittelalterlichen Altären üblich ist. Auf dem linken Flügel versteckt sich ein Liebespaar im Kornfeld, als suchte es Schutz vor etwas, das ungemalt blieb. Und man entdeckt die Mauer, höher als der Himmel. Gegenüber paradieren Kinder mit dem DDR-Emblem, eine dicke Frauenfigur trägt Spruchbänder um den quellenden Leib: Freiheit, Demokratie, Sozialismus sind da zu lesen, aber die Losungen schneiden ins Fleisch, pressen die Luft ab. Links und rechts des Altars hängen hohe Bildtafeln, auf der einen ein blonder Knabe. „Der Verurteilte“ heißt das Bild, datiert auf den 4. 5. 81., im Gedenken an die Verurteilung eines halben Kindes noch, das hatte fliehen wollten.

Auf einer anderen Tafel hat sich die Malerin, geboren in Jena, ausgebildet an der Kunsthochschule Weißensee, selbst dargestellt, als eine „Hergezogene aus Thüringen“: En face, die Hände übereinander gelegt, wie es Cranachs Eva tut, in einem Gewand im Stile der Renaissance, als Kopfschmuck einen Lebensbaum, unten eine Katze. So sah sich eine in Ungnade gefallene Malerin. Sie passte nicht ins Bild der DDR-Kunst mit ihrem unbändigen, weiblichen, hintersinnigen expressiven Realismus. Und sie hat Kritik am System gewagt, forderte in Eingaben „Reiserecht für alle DDR-Bürger“, protestierte gegen die Selbstschussanlagen an der Grenze, die Inhaftierung der Malerkollegin Bärbel Bohley. Sie war im Visier der Stasi, man unterstellte ihr „staatsfeindliche Hetze“ und „Zersetzung“. Sie wurde erpresst, sollte Kollegen bespitzeln, sie widerstand. Der Ausschluss aus dem Verband Bildender Künstler 1984 bedeutete Verbannung aus dem Kunstsystem. Annemirl Bauer verarmte, führte ein Schattendasein, obwohl Maler-Kolleginnen sich für sie einsetzten.

Doch die Wiederaufnahme 1986 änderte nichts, die Stasi hatte erreicht, dass Annemirl Bauer isoliert und gebrandmarkt war. Die Krebs- erkrankung raubte ihr die letzten Kräfte, sie starb im August 1989, als die Jugend über Ungarn die DDR verließ. Sie war darüber tieftraurig. Sie hat immer bleiben wollen. „Und weil Ihr uns mit Rausschmiss droht, habe ich beschlossen Isolierung mehr zu fürchte als den Tod“, schrieb sie ins Tagebuch. Inzwischen wurde am Ostkreuz ein Platz nach Annemirl Bauer benannt. Dort hatte sie ihr letztes Atelier.

Mauer-Mahnmal des Bundestags:

„In meinem eigenen Lande“, Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Schiffbauerdamm, Eingang an der Spree. Bis 30. Juni, Di–So 11–17 Uhr. Eintritt frei.