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Berliner Zeitung | Ausstellung im in Berlin : Martin-Gropius-Bau zeigt zehntausend Jahre alte Felsmalerei
23. January 2016
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Ausstellung im in Berlin : Martin-Gropius-Bau zeigt zehntausend Jahre alte Felsmalerei

Prozession aus Simbabwe, 8000–2000 v. Chr., Aquarellkopie von Elisabeth Mannsfeld, 1929.

Prozession aus Simbabwe, 8000–2000 v. Chr., Aquarellkopie von Elisabeth Mannsfeld, 1929.

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Frobenius-Institut Frankfurt am Main

Die ältesten Nachrichten von menschlicher Kultur finden sich oft unter schattigen, regensicheren Feldübersprüngen, in abgelegenen Wüsten und auf skandinavischen Kliffs, vor allem aber in Höhlen. Weltweit sind Tausende von Ritzungen und Malereien gefunden worden, die teilweise bis zu 20 000 Jahre alt sind. Sie zeigen Fuß- und Handabdrücke als Dokumente des puren Menschseins, verschlungene Ornamente, Skizzen von Männern, Frauen und ihrer Umwelt, farbenglühende Traumbilder mit Geistern und Tieren oder riesige, unerhört realistische Bilder von Tieren und ihren Jägern.

Es sind Botschaften aus einer Zeit, die meistens längst vergangen ist – nur noch in Australien existieren lebendige Felsmaler-Kulturen – und denen derzeit im Berliner Martin-Gropius-Bau nachgespürt werden kann. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat der Frankfurter Ethnologe Leo Frobenius auf vielen Expeditionen solche Wandbilder in einzigartiger Dichte dokumentiert. Er reiste dafür mit einem Team von akademisch ausgebildeten Malern, vor allem Frauen, nach Spanien, Südfrankreich, Südindien, Afrika, Nordamerika, Indonesien oder Skandinavien, ließ die Werke vermessen, nachzeichnen und mit Aquarell auf Leinwand kopieren.

Hochentwickelte Strichmännchen

Die Arbeiten wurden seit den Zwanzigerjahren in den europäischen Hauptstädten gezeigt, im Berliner Reichstag, im New Yorker Museum of Modern Art. Dessen Gründungsdirektor Alfred Barr behauptete, dass die Moderne nicht ohne den Einfluss prähistorischer Wandmalerei zu denken sei. Seitdem geht die Mär von den Steinzeit-Surrealisten durch die Medien. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg, die Farbfotografie war ihren Siegeszug angetreten, galten die Frobenius-Kopien als wissenschaftlich ungenau. Erst in den vergangenen Jahren wurden die Leinwandrollen in Frankfurt wiederentdeckt. Tatsächlich kann der heutige Betrachter gar nicht anders, als sie mit der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts, mit Expressionisten und den Traumwelten der Surrealisten zu vergleichen. Zu verwandt scheinen die lang gezogenen Körperformen, die Strichmännchen, die herzhaft abstrahierten Tiergestalten, auch die Überblendung der Zeitebenen in den Darstellungen. Und doch entspricht diese Perspektive nur sehr bedingt den Intentionen von Frobenius und seinen Kollegen.

Ihre Arbeit steht eher in der Tradition jener Demontage der historischen Selbstgewissheit, die so charakteristisch ist für das europäische 19. und frühe 20. Jahrhundert. Die Kopien führten vor Augen, dass es hochentwickelte vorbiblische Kulturen gab. Diese Entdeckung war ungefähr so einschneidend wie die von dem Schotten William Smith, der um 1810 zeigte, dass sich die Erde ständig bewegt, oder wie Charles Darwins Evolutionstheorie (1856), die den Menschen als „Krönung der Schöpfung“ entthronte.

1880 veröffentlichte der spanische Hobbyarchäologe Marcelino Sanz de Sautuola Wandmalereien von Bisons und springenden Hirschen, die er ein Jahr zuvor in einer Höhle auf seinem Grund und Boden im spanisch-baskischen Altamira gefunden hatte. Sautuola behauptete kühn, es seien die Werke steinzeitlicher Künstler. Sein Buch wurde zur Sensation. Denn die zeitgenössische Forschung billigte den frühen Menschen, befangen durch rassistische Vorurteile, kaum Intelligenz und keine künstlerische Schöpferkraft zu. Erst der Fund von ähnlichen Felsmalereien in der Dorgogne 1902 belegte auch den letzten Zweiflern: Altamira ist keine Fälschung.

Im gewissen Sinn kann man diesen Sturz der europäischen Kunsttradition der Antike und der Renaissance vom Thron der allein gültigen Spitzenkunst im Martin-Gropius-Bau nacherleben. Mehr als 100 Felsmalerei-Kopien sind zu sehen, geordnet nach geografischer Herkunft, von Südafrika über Südeuropa und Skandinavien bis Libyen. Die Aborigines haben die Erlaubnis gegeben, dass die Kopien, die teilweise rituell wichtige Bilder zeigen, präsentiert werden dürfen.

Die San, die einst in Südafrika über Jahrtausende Wandbilder schufen, konnten nach Angaben des Kurators Karl-Heinz Kuba nicht gefragt werden: Sie leben heute in anderen Regionen, sind den Bildern derart entfremdet, dass diese nicht mehr als Teil der eigenen Tradition empfunden werden – obwohl sie noch vor einigen Generationen daran gearbeitet haben, wie man im vorzüglichen Katalog nachlesen kann.

Allgemeines Menschsein

Der Raummangel bewirkt allerdings, dass die Arbeiten teilweise bis knapp unter die Decke gehängt wurden – was dem Anliegen, ihre Bedeutung deutlich zu machen, durchaus widerspricht. Konservatorisch gewagt ist auch, wie dicht die Besucher an die Leinwände herantreten dürfen. Dabei lohnt es sich, sie genau zu betrachten, bis hin zu den rein ornamentalen Steinabreibungen. Die Bedeutung der vielen Malerinnen und einigen Maler wird ausführlich gewürdigt, auch knapp gezeigt, welche Rolle die Frobenius-Sammlung in Ausstellungen der 1920er- und 1930er-Jahre spielte – und wie wichtig sie politisch war: Schwarze Intellektuelle verehren Frobenius bis heute dafür, dass er aller Welt bewusst machte: Afrika hat eine Kunst, die so alt ist wie die der kulturell angeblich überlegenen Kolonialherren. Seine Sammlung zeigte: Das Schaffen von Abbildungen der Welt gehört zum allgemeinen Menschsein dazu.