blz_logo12,9

Autoren vor der Kamera: Peter Handke ist schöner geworden

September 1968: Walter Höllerer mit Baby, Max Frisch mit Katze.

September 1968: Walter Höllerer mit Baby, Max Frisch mit Katze.

Foto:

Renate von Mangoldt, Aus dem Band „Autoren“, Steidl Verlag

Groß und schwer liegt das neue Buch von Renate von Mangoldt auf dem Tisch. Keine vierzig Seiten sind mit Text gefüllt, alle anderen mit Fotos. Die zeigen ausnahmslos Schriftsteller, geordnet nach Jahrzehnten. Die Fotografin Renate von Mangoldt, geboren 1940, arbeitete seit der Gründung des Literarischen Colloquiums Berlin in dem Haus. Sie hat dort und anderswo alle getroffen, die in Deutschland Rang und Namen haben: von Günter Grass bis Herta Müller, oft schon in jungen Jahren.

Sie haben Hunderte Autoren kennengelernt. Könnten Sie einem Menschen ansehen, ob er Schriftsteller ist?

Nein, ich habe kein Bild davon, wie ein Schriftsteller aussieht.

Manchmal staune ich über Autorenfotos, weil der Schriftsteller anders aussieht, als ich es bei der Lektüre erwartet hätte.

Wie geht das? Sie haben ein Bild vor Augen? Könnten Sie es beschreiben?

Nein, es ist eher das Gefühl, das beim Lesen entsteht.

Mir geht es oft so, dass ich, wenn mir ein Satz gefällt in einem Buch, gerne wissen möchte, wie der aussieht, der so etwas schreibt. Dann freue ich mich über ein Buchklappenfoto und blättere noch hin und her.

Verhalten sich Männer anders als Frauen vor der Kamera?

Das ist so schwer zu beantworten, weil ich so viele verschiedene Autorinnen und Autoren fotografiert habe, und jeder verhält sich anders. Grundsätzlich gibt es keinen großen Unterschied. Aber vielleicht sind Frauen vorsichtiger, sich des Fotografiert-Werdens bewusster. Sie teilen mir schon mal ihre fotogenere Seite mit. Sie müssen schön aussehen, Männer sind da gelassener. Auch möchten doch viel mehr Frauen als Männer die Auswahl der Fotos mitentscheiden.

Haben Sie von allen Autoren, die Sie fotografiert haben, etwas gelesen?

Wenn ich sie porträtiert habe, hatte ich schon diesen Anspruch. Aber anfangs betrachtete ich mich noch gar nicht als Autorenfotografin. Anfangs habe ich im Literarischen Colloquium einfach die Arbeit begleitet: Die Veranstaltungen, die Treffen, die Filme, die wir gedreht haben, die Bücher, die wir gemacht haben. Fototermine sind erst später dazugekommen. Erst durch mein Berliner Autorenfotobuch, da bin ich ausgeschwärmt aus dem LCB, um die Autoren in ihren Wohnungen und ihren Straßen zu fotografieren. Und zeit meines Lebens habe ich viel und gern gelesen, sodass ich auf dem Laufenden blieb.

Was ist das Schwerste daran, einen Schriftsteller zu fotografieren?

Ihn angemessen zu erfassen, in einer so kurzen Zeit. Ihm dabei gerecht werden, seine ihn bestimmenden Merkmale zur Geltung zu bringen. In einer fünfzigstel Sekunde kann man viele falsche Augenblicke erwischen. Das ist auch das – man könnte sagen: – Gefährliche an der Fotografie.

Und wenn Sie die Bilder entwickeln und vielleicht bei einem zurückhaltenden Autor auf fröhliche Posen treffen, lassen Sie diese dann weg?

Nein, dann nehme ich sie gerade, weil sie zeigen, dass der als zurückhaltend bekannte Autor eben auch diese Seiten hat.

Deshalb haben Sie in dem Buch eine schalkhafte Judith Hermann zu Ihrem berühmten Foto der in sich gekehrten, etwas ätherischen Autorin gestellt.

Genau! Das finde ich wichtig, dass man sehen kann, dass ein Mensch viele Facetten hat. Und bei Judith Hermann ist beides im Wesen verankert. Sie ist eine sehr natürliche Person, sie hat aber auch dieses Entrückte.

Man sieht auch in Ihrem Buch, wie die Menschen älter werden. Bei manchen ist es traurig. Bei Wolfgang Hilbig zum Beispiel.

Sie meinen das letzte Bild. Das hätte ich wahrscheinlich nicht genommen, wenn ich seinen Roman „Das Provisorium“ nicht gelesen hätte. Wo ich in manchen Szenen so einen Menschen vor mir sah, wie auf meinem Foto dann. Ein großartiger Schriftsteller und ein großer Mensch. Er war mit meinen Fotos eigentlich immer einverstanden, er war überhaupt nicht eitel.

Manche Menschen sehen sogar besser aus, wenn sie älter werden.

Ja, der Handke, der ist schöner geworden.

Das Bild des Schriftstellers in der Gesellschaft hat sich verändert. Warum wird ein Schriftsteller nicht mehr so bewundert wie einst?

Weil es so viele gibt. Sie haben in einem Maße zugenommen, erstaunlich. Das Schreiben scheint eine attraktive Sache zu sein. Ich verstehe das auch. Schreibend erfährt man sich und die Welt intensiver und erfährt auch noch eine Resonanz, im besten Fall Anerkennung und Ruhm.

Wie gehen Sie damit um, wenn ein Autor Wünsche äußert, wo er sitzen möchte, wie er ins Bild gucken will?

Dann gehe ich selbstverständlich darauf ein. Ich finde es für mich wichtig, den Menschen, ob eitel oder schüchtern, zu zeigen, wie er ist. Auch Verklemmtheiten möchte ich nicht unbedingt wegfotografieren. Ich finde allzu glatte Fotos langweilig. Sie sollten schon so etwas wie einen Haken haben. Aber nicht bloßstellen. Ich würde Schriftsteller nicht beim Essen fotografieren.

Aber im Wind; Sarah Kirsch sieht mit wehenden Haaren verwegen aus.

Und Reinhard Jirgl auf dem Teufelsberg. Es war ein Wahnsinnsgewitter im Anmarsch, nach fünf Fotos mussten wir die Flucht ergreifen.

Er ist einer von den Autoren, die nicht so aussehen, wie sie schreiben.

Ja, aber auf dem Foto doch eher. Ich liebe Jirgls Bücher, auch seine unorthodoxe Schreibweise. Die Wörter explodieren geradezu in doppelte Bedeutungen und Assoziationen, die oft zum Lachen sind. Da hat der Wind auf dem Teufelsberg dem Jirgl doch auch noch etwas hinzugefügt.

Man kann viel entdecken in dem Buch, zum Beispiel unterschiedliche Menschen in ähnlichen Posen. So die Männer mit Hund: Michel Houllebecq sieht aus, als würde er sich an seinem kleinen Hund festhalten.

Tut er auch. Er wollte sich erst gar nicht fotografieren lassen, es ist ihm unangenehm. Aber er war nun mal zwei Monate Gast im LCB, da fühlte er sich verpflichtet: Zum Glück hatte er Clement dabei.

Bei Reinhard Lettau sieht der Hund wie eine schöne Freundin aus.

Scarlett gehörte zur Familie. Und bei Elfriede Jelinek hat der Hund die gleiche Frisur wie sie.

Und Katja Lange-Müller trägt statt einer Frisur einen Vogel auf dem Kopf.

Das ist eine Elster, die eine Zeitlang auf der Terrasse des LCB zu Hause war.

Was bedeutet das Literarische Colloquium für Sie? Ist es ein Zuhause?

Ja, ich habe mich dort immer zu Hause gefühlt. Umso mehr, weil ich als Fotografin eher schüchtern bin. Fotografen müssen eigentlich beherzter sein, was die Jagd nach Bildern betrifft. Aber das LCB war nun einmal mein Revier, alle wussten, da ist die Renate, die fotografiert, sie darf das, sie soll das. Dort hatte ich auch nie Probleme, auf Autoren zuzugehen. Auf Buchmessen sah das ganz anders aus.

Zum LCB sind Sie durch Ihren Mann Walter Höllerer gekommen, der das Haus 1963 begründet hat. Wie wichtig war ihm Ihre Arbeit als Fotografin? Haben Sie sich als Einheit im Literaturbetrieb betrachtet?

Überhaupt nicht. Obwohl, wir haben ja etliche Bücher zusammen gemacht, er die Texte, ich die Fotos. Aber eher unabhängig voneinander. Walter Höllerer war meinen Fotos gegenüber ganz kritiklos, er fand alles schön, während ich mir manchmal Kritik von ihm gewünscht hätte. Doch natürlich hätte ich viele Fotos ohne ihn gar nicht. Eigentlich alle, denn ohne ihn wäre ich gar nicht bei den Autoren gelandet.

500 Fotos sind in dem Buch. War es schwer, sie auszuwählen?

Das habe ich zum Glück nicht allein machen müssen. Der Lyriker Dieter M. Gräf, der auch den Anstoß zu diesem Buch gab, hat mit mir zusammen die Fotos gesichtet und dann haben wir in insgesamt 17 oder 18 Zusammenkünften die einzelnen Seiten komponiert. Gut, dass wir von Anfang an die Einteilung in Dekaden gewählt hatten, so konnten wir ein Jahrzehnt nach dem anderen nach Fotos durchsuchen. Natürlich hatten die berühmten Schriftsteller Vorrang, aber ansonsten war die Auswahl von der Güte und Interessantheit eines Fotos abhängig. Es sollte ein spielerisches und unterhaltsames Buch werden. Ist es doch auch geworden, wie ich den ersten Reaktionen entnehme.

Das Gespräch führte Cornelia Geißler.

Renate von Mangoldt: Autoren. Fotografien 1963– 2012. Steidl, Göttingen 2013. 544 S., 38 Euro.