04.02.2012

Axel Honneth an der Humboldt-Universität: Und was ist mit der Freiheit im Internet?

Von Christian Schlüter

Der Philosoph Axel Honneth sprach im Audimax der Humboldt-Universität. Eine erstaunliche Veranstaltung, auch deswegen, weil der große Saal bis in die Ränge hinein gefüllt war. Aber vor allem weil die Affäre um Christian Wulff das Gesprächsthema bestimmte.

Selbstverständlich hat es Christian Wulff längst auch in die akademischen Zirkel geschafft. Als Gesprächsthema, versteht sich, und nur in Hinblick auf seine Amts- und Würdenträgerschaft. So auch am Donnerstag im Audimax der Humboldt-Universität zu Berlin: Dort sollte Axel Honneths Buch "Das Recht der Freiheit" einer kritischen Revision unterzogen werden, eingeladen waren nicht nur der Autor selbst, sondern auch einige Wissenschaftler. Eine erstaunliche Veranstaltung, auch deswegen, weil der große Saal bis in die Ränge hinein gefüllt war - hier sollte doch nur über ein philosophisches Buch gesprochen werden!

Und los ging es. Die Sozialhistorikerin Ute Frevert zum Beispiel hatte einiges auszusetzen: Was Honneth da über die Freundschaft schreibe, sei doch viel zu hoch gegriffen, eine mehr oder weniger exklusive, eine innige, weltabgewandte, durch keinerlei äußerliche Zwecke getrübte Veranstaltung, nein, Freundschaften seien doch eher Bekanntschaften, die sich immer auch durch Nützlichkeitskalküle auszeichneten. So wie beim Bundespräsidenten eben, wenn der bei seinen reichen "Freunden" übernachte ohne zu bezahlen und diese sich umgekehrt dafür gewisse Gefälligkeit erhofften.

Oder dürfe der Bundespräsident etwa keine Freunde haben? Das wollte Honneth nun wieder nicht sagen. Doch zeige die allgemeine Empörung über allzu viel Geschäftliches und vor allem Geldwertes in den als "Freundschaften" deklarierten bundespräsidialen Beziehungen, dass wir mit der Freundschaft ein normativ durchaus anspruchsvolles Konzept verbinden; sie sei schließlich als Anerkennungsbeziehung zu verstehen, in der sich eine Person das eigene Wollen durch ein vertrauensvolles Gegenüber bestätigen lässt. In diese Hinsicht erweise sich die Freundschaft als "das elementarste Ferment aller demokratischer Sittlichkeit".

Das Tolle bei Philosophen ist immer, dass sie auf kurzem Wege von den ganz kleinen zu den ganz großen Sachen kommen. Tatsache ist jedenfalls: Christian Wulff kann sich zurzeit in seinem Wollen nicht umfassend bestätigt fühlen, seine "Freundschaften" erweisen sich vielmehr als sehr hinderlich. Andererseits mag er sich von der ganz im weltabgewandten Vertrauen vollzogenen Bestätigung des eigenen Wollens einen Freiheitsgewinn erhofft haben beim Einheimsen persönlicher Vorteile. Das wissen wir natürlich nicht und wollen an dieser Stelle bloß festhalten, dass Freundschaften so oder so eine komplizierte Sache sind.

Nur die "demokratische Sittlichkeit" hallt noch etwas nach. Im Berliner Audimax schien Honneth an seiner Meinung festhalten zu wollen, dass neuere Medien wie etwa das Internet eben dazu kaum etwas beizutragen hätten. Nun ließe sich über "Freundschaften" in digitalen Netzwerken allerlei sagen - auch eine komplizierte Angelegenheit. Die Frage aber, was Freiheit im Internet bedeutet, sollte dem Frankfurter Philosophen eigentlich sehr dringlich sein. Dazu wünschte man sich endlich einen ganzen Sonderforschungsbereich. Eine Kritische Theorie oder, besser noch, eine Politische Ökonomie des Internets - das wäre doch mal was.

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