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Beeinflussung der Presse: Champagner bis zum Abwinken

Danner: "Mein Job war es, dafür zu sorgen, dass möglichst positive Berichte über die Autos geschrieben werden."

Danner: "Mein Job war es, dafür zu sorgen, dass möglichst positive Berichte über die Autos geschrieben werden."

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dpa

Wenn es nach Franz Danner geht, könnte es ein kurzer Prozess werden. „Ich gebe zu: Ich habe betrogen, ich habe geklaut“, sagt er in der engen Besucherzelle der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf. Ab Donnerstag muss sich Danner, der fast zwölf Jahre lang Pressechef in der Europa-Niederlassung des Mazda-Konzerns war, vor dem Kölner Landgericht verantworten. Der 63-Jährige Österreicher soll mit zwei Komplizen mehr als 40 Millionen Euro aus dem Firmenvermögen mittels Scheinrechnungen abgezweigt haben. Danner selbst will davon rund zehn Millionen Euro kassiert haben; die Ankläger gehen von mindestens 14 Millionen aus.

Auf schwere Untreue, banden- und gewerbsmäßigen Betrug sowie Steuerhinterziehung in Millionenhöhe lautet der Anklagevorwurf gegen Danner. Bei einer Verurteilung drohen ihm zehn Jahre Haft oder sogar noch mehr. Weniger können es nur werden, wenn er vor Gericht sein Geständnis aus dem Ermittlungsverfahren wiederholt. Und wenn seinem Anwalt, Ulrich Sommer aus Köln, der Nachweis gelingt, dass Mazda es seinem Mandanten zu leicht gemacht hat, über Jahre hinweg in die Kasse zu greifen.

Um das aber nachweisen zu können, wird in dem Prozess in Köln auch über die Usancen einer stark umstrittenen Mediensparte zu sprechen sein, dem Automobiljournalismus. Danner, der seit 1982 im PR-Management mehrerer Autokonzerne tätig war, kann da aus eigenem Erleben viel erzählen – von der Einflussnahme der Konzerne auf Artikel und Filmbeiträge, von Geschenken für Autotester, von Mietwagen bei Urlaubsreisen und Einladungsreisen in Fünf-Sterne-Hotels, gern auch mit Lebenspartner. Themen, über die Industrie und Journalisten bislang in stiller Eintracht schweigen.

Mit Danner spricht nun erstmals einer der Insider über die Methoden der Medienlandschaftspflege. Natürlich nicht aus Reue, sondern mit dem eigennützigen Ziel, das Gericht milder zu stimmen, wenn es sein Urteil über ihn fällen wird. Das aber macht seine Aussagen nicht unglaubwürdiger. Zumal mehrere Autojournalisten, mit Danners Angaben konfrontiert, seiner Darstellung zustimmen.

"Super Hotel, super Service, super Geschenke"

„Mein Job war es, dafür zu sorgen, dass möglichst positive Berichte über die Autos geschrieben und gesendet werden“, erzählt Danner. Keine leichte Aufgabe sei das gewesen für einen vergleichsweise kleinen Anbieter wie Mazda, da auf dem umkämpften europäischen Automarkt die Marktführer aus Deutschland zur Pflege ihrer „Relationships“ mit den Medien viel mehr Geld in die Hand nehmen als die Japaner.

Um die Autojournalisten „angenehm einzustimmen“, gebe es laut Danner eine relativ einfache Formel: „Super Destination, super Hotel, super Service, super Geschenke“, zählt der PR-Experte auf. Ein deutscher Autokonzern etwa habe einmal zur Präsentation eines neuen Autos nach Sardinien eingeladen. Da habe dann ein Privatjet für 40 Leute am Flughafen bereit gestanden, die Journalisten seien in einem teuren Hotel an der Costa Smeralda untergebracht worden. Andere Firmen würden nach Kapstadt gehen, die Vorstellung eines neuen Modells verbinden mit der Fahrt durch die Wüste nach Namibia. „Je attraktiver der Vorstellungsort, desto besser die Presse“, sagt Danner.

Auch Mazda hielt sich unter seiner Leitung an die Super-Formel. „Ich habe die Journalisten eingeladen nach Saint Tropez, Siena, Rapallo und andere schöne Orte“, erzählt Danner. Mazda habe die Flugkosten übernommen, natürlich sei stets Business Class geflogen worden. „Die Hotels waren traumhaft“, sagt er. „Und unser Kalkül ging immer auf: Wer derart hofiert wird, tut sich schwer, anschließend etwas Schlechtes über unser Auto zu schreiben.“

Etwa zehn solche Großevents habe Mazda pro Jahr auf die Beine gestellt. „Jeder Autojournalist konnte in den Fünf-Sterne-Hotels die Minibar leer trinken, an der Bar Champagner bis zum Abwinken bestellen, alle Dienstleistungen, die solch ein Hotel anbietet, auf unsere Kosten in Anspruch nehmen.“

In Leverkusen, der Europazentrale des Mazda-Konzerns, arbeiteten in Danners PR-Abteilung zeitweise 18 Leute. Das Jahresbudget habe bei 15 bis 16 Millionen Euro jährlich gelegen. „Wir hatten eine ganz einfache Rechnung: Der durchschnittliche Journalist kostet bei unseren Events drei- bis fünftausend Euro. Bringen musste er einen Gegenwert von mindestens 15.000 Euro. Das haben wir immer geschafft.“

"Die Berichte waren billig"

Seine Leute hätten das genau ausgerechnet. Sie maßen, wie viel Zentimeter die Artikel in der Presse einnahmen, wie viel Sekunden im Fernsehen gezeigt wurden, wie groß im Internet berichtet wurde. „Wenn Sie überlegen, was eine Anzeige in Zeitungen oder gar Spots im Fernsehen kosten, war der journalistische Bericht über ein Auto trotz der durchschnittlichen Eventkosten von rund zwei Millionen Euro geradezu billig“, sagt Danner. Außerdem wirke ein solcher Bericht sehr viel glaubwürdiger als eine bunte Anzeige. „Wichtig war uns, dass wir das steuern konnten“, betont der Ex-Pressechef.

Aber was unternahm seine Abteilung, wenn Journalisten doch mal schlecht über ein Konzernprodukt berichteten? Man habe natürlich erstmal geschaut, wer sich da kritisch äußert, sagt Danner, wie wichtig die Zeitung oder Sendung für Mazda ist, welche Kunden der Autor erreicht. „Dann wurde entschieden, ob der betreffende Journalist eine Spezialbehandlung erfährt“, sagt er.

Einmal zum Beispiel waren ihm kritische Journalisten aus England aufgefallen. Die habe Mazda zum Wochenende an den Tegernsee eingeladen, mit Familie in ein feines Hotel in Rottach-Egern. „Dort konnten sie mit unserem Europa-Chef sprechen, mit Ingenieuren und Designern, sie konnten unsere Autos fahren. Das war Rundumbetreuung bis Sonntagabend. Und das hatte auch Erfolg.“

Der Mazda-Konzern will sich auf konkrete Nachfragen zu Details aus Danners Darstellung nicht äußern. Das Unternehmen erklärt lediglich, dass Danner in seiner damaligen Funktion „eigenverantwortlich und final“ die Gestaltung der europäischen Presseveranstaltungen zu verantworten hatte. Der Mazda-Konzern sei bisher davon ausgegangen, dass Danner diese „unter Beachtung unseres Verhaltenskodexes durchgeführt“ habe.

Danner überrascht die Stellungnahme seines früheren Arbeitgebers wenig. „Es gab eine eingeübte Kultur des Wegschauens“, sagt er. „Jeder wusste doch, dass es mein Job war, die Journalisten mit allen Mitteln bei Laune zu halten. Und diese Mittel wollte man im Detail gar nicht so genau kennen.“

Über die vielen Journalisten, die er jahrelang auf so angenehme Weise einstimmte für seinen Konzern, wolle er aber nicht den Stab brechen. Im Prinzip machten sie einen guten Job, sagt Danner, auch wenn das alles in einer gewissen Grauzone passiert. „Aber das muss jeder mit sich selbst ausmachen.“