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Berghain: Dies wäre Ihr Klub gewesen

Hier wollten die Berghain-Betreiber einen neuen Veranstaltungsort entstehen lassen.

Hier wollten die Berghain-Betreiber einen neuen Veranstaltungsort entstehen lassen.

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Votos - Roland Owsnitzki

Berlin -

Zunächst die gute Nachricht: Das Berghain bleibt offen. Anders als während der Sommerferien von manchen Medien verkündet, wird der beliebte Friedrichshainer Techno-, Black-Metal- und Zwölftonmusikklub keineswegs zum Jahresende geschlossen; das haben die beiden Berghain-Betreiber, die traditionellerweise nicht namentlich genannt werden wollen, im Gespräch mit dieser Zeitung bekräftigt.

Warum war überhaupt das Gerücht entstanden, das Berghain könne zumachen? Nicht wegen Misserfolgs: Die Schlangen vor dem Haus sind länger denn je, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit man kommt. Nein – als Grund für die drohende Schließung wurde die bevorstehende monströse Erhöhung der Gema-Gebühren genannt. Wie berichtet, will die Verwertungsgesellschaft zum Jahr 2013 ihre Tarife für Clubbetreiber um bis zu 1400 Prozent steigern. Auch für das Berghain wachsen die Kosten dramatisch. Bisher hat sich der Club mit der Gema auf eine akzeptable Pauschale geeinigt; nach der neuen Abgabenordnung müssten nun plötzlich, wie die Buchhalter schätzen, bis zu 25 Prozent der Eintrittsgelder direkt an die Gema und die tariflich angeschlossene Verwertungsgesellschaft GVL abgeführt werden.

Das ist erheblich, bedroht aber noch nicht die Existenz des Berghain – weil man davon ausgehen darf, dass das Publikum wenigstens hier die durch die Gema entstehende Erhöhung der Eintrittspreise mittragen wird. Weniger populäre, finanziell schlechter gepolsterte Clubs dürfte es härter treffen. Und noch etwas unterscheidet das Berghain von fast allen anderen Berliner Clubs: Vor anderthalb Jahren haben die Betreiber ihr Gebäude, ein ehemaliges Umspannwerk, vom vorherigen Besitzer Vattenfall gekauft. Damit ist das Berghain zumindest vor Mieterhöhungen und Vermieterwechseln, unwägbaren Grundstücksverkäufen und Stadtentwicklungsplänen geschützt.

Womit wir dann aber auch schon bei der schlechten Nachricht sind.

Kein reiner Techno-Club mehr

Denn als die Berghain-Betreiber das Gebäude erwarben, geschah das auch mit der Absicht, es auszubauen. Neben den Räumen im Hauptgebäude, die für das Berghain, die Panorama Bar und das Laboratory genutzt werden, gibt es ja noch einen großen leerstehenden Teil, der zur Rüdersdorfer Straße hin liegt. Hier war ein ambitionierter neuer Veranstaltungsraum namens Kubus geplant: Im Kubus sollten Konzerte, Ballett- und Theaterabende, Ausstellungen und Performances stattfinden – ähnlich wie jetzt schon im Berghain bei den werktäglichen Konzerten, beim Elektroakustischen Salon oder den Kollaborationen mit dem Staatsballett und dem Club Transmediale.

Längst hat das Programm im Berghain ja die Grenzen eines reinen Techno-Clubs überschritten; der Kubus sollte für diese Öffnung ein dauerhaftes Forum bieten: Für den kommenden Herbst waren bereits Projekte mit dem Berliner Staatsballett und dem Schauspiel Frankfurt geplant. Und anders als etwa bei der hilflosen Staatsopern-Visite mit Luigi Nono im benachbarten Kraftwerk Mitte, gingen alle hier geplanten Projekte vom Charakter und der Schönheit des Raumes aus; wer diesen Raum einmal betreten hat – im letzten Sommer wurde er als temporäre Ausstellungshalle genutzt –, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus ob seiner grandiosen Architektur. Unbestuhlt hätten rund 2600 Menschen in den Kubus gepasst; auf einer Theatertribüne wären es 800 gewesen.

Dieser Raum bleibt nun leer stehen, denn der Kubus wird nicht gebaut. Das Projekt ist begraben worden, und daran hat nun allerdings die Gema ihren unrühmlichen Anteil.

Planungssicherheit nicht mehr gegeben

Seit die Planungen begannen, sind die Kosten stetig gestiegen. Die Renovierung der Halle hat sich als aufwendiger erwiesen als gedacht: Weil vier tragende Säulen abgebaut werden müssen, galt es eine neue Dachkonstruktion zu entwerfen. Zugleich sind die Stahlpreise erheblich gestiegen; wegen des anhaltenden Bau-Booms in Deutschland haben die Baufirmen ihre Preise drastisch erhöht.

Die ursprüngliche Kalkulation war also bald hinfällig – nicht ungewöhnlich für ein Großprojekt dieser Art. Geschieht dergleichen bei einem Großprojekt aus dem Bereich der steuersubventionierten Hochkultur – sagen wir: bei der Renovierung der Berliner Staatsoper –, dann werden halt die Gelder aus der Staatskasse noch ein wenig erhöht. Geschieht es bei einem steuerlich nicht subventionierten Großprojekt wie dem Kubus, müssen die Banken um neue Kredite gebeten werden.

Um neue Kredite zu erhalten, brauchen Unternehmer aber vor allem eines: Planungssicherheit. Und genau diese Planungssicherheit ist nicht mehr gegeben, wenn keiner weiß, ob im nächsten Jahr nicht plötzlich bis zu 25 Prozent der Eintrittsgelder an die Gema abgeführt werden müssen. Hinzu kommt die Willkür der Steuerbehörden: Das fürs Berghain (und viele andere Berliner Clubs) zuständige Finanzamt ist neuerdings der Ansicht, dass für die Veranstaltungen dort nicht mehr 7 Prozent Umsatzsteuer abzuführen sind (das ist der Satz für Konzerte), sondern 19 Prozent (das ist der Satz für Diskotheken). Für die Einstufung gibt es keine klaren Maßgaben, sie liegt im Ermessen der einzelnen Finanzbeamten. Eine Klage gegen diese unklare Regelung läuft – grundsätzlich entschieden wird wohl erst in zwei bis drei Jahren.

Kein Steuerzahler muss für das Berghain aufkommen

Bis dahin und bis zu jenem Tag, an dem ihnen endlich wieder eine verlässliche Finanzplanung ermöglicht wird, haben die Betreiber alle weiteren Planungen für den Kubus storniert.

Man kann das zum Anlass nehmen, ein weiteres Mal über die schreiende Ungleichbehandlung von „Hoch-“ und „Popkultur“ zu klagen. Das Berghain ist eine der beliebtesten und übrigens auch besten Kulturinstitutionen Berlins; jeder Politiker, jeder Marketing-Fritze schmückt sich gern mit dem Glamour, den es dieser Stadt bringt. Es beschäftigt 180 Mitarbeiter – und jeder Türsteher und jede Putzkraft wird besser bezahlt als die Kleindarsteller in der hoch subventionierten Komischen Oper, inklusive Kranken- und Rentenversicherung. Das Berghain erhält keine Subventionen, sondern zahlt Steuern – und dennoch (oder deswegen?) entsteht hier interessantere, lebendigere, offenere Musik als etwa in den komplett subventionierten Konzertreihen der Berliner Festspiele. Kein Steuerzahler muss für das Berghain aufkommen – aber sind die Betreiber im Unrecht, wenn sie sich wünschen, dass sich nicht alle paar Woche irgendwer neue Steuern und Abgaben für sie ausdenkt? Man muss ihnen für die Kultur, die sie stiften, nicht danken. Es wäre schon viel wert, wenn man sie einfach in Ruhe arbeiten lässt.

So aber bedrohen das Desinteresse der Politik, die Willkür der Steuerbehörden und die Arroganz der Gema zwar nicht die Existenz des Berghain – aber mit dem Kubus haben sie uns um das spannendste kulturelle Großprojekt gebracht, das in den letzten Jahren in Berlin in Angriff genommen wurde. Die schönste, charismatischste Architektur, die im Zentrum dieser Stadt noch zu einem Ort der Kultur hätte werden können, wird jetzt leerstehen bleiben – auch, weil eine fragwürdig agierende und undemokratisch aufgebaute Institution wie die Gema in diesem Land machen darf, was sie will. Man möchte heulen und brechen zugleich.