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Berlin Art Week: Auspacken, einpacken im Zweistundentakt

Burkina Faso, sperrig und bunt: eine skulpturale Reflexion über Christoph Schlingensiefs afrikanisches Operndorf von Andy Hope 1930 und Aino Laberenz, der Witwe des Allround-Künstlers.

Burkina Faso, sperrig und bunt: eine skulpturale Reflexion über Christoph Schlingensiefs afrikanisches Operndorf von Andy Hope 1930 und Aino Laberenz, der Witwe des Allround-Künstlers.

Der Marathon läuft: Galeristen, Künstler, Sammler aus allen Richtungen der Windrose – allen voran aus Berlin – zeigen, verhandeln, reden über Kunst. Hier unsere Stipvisite an den Messeorten:

Die Selbstbewussten

Das Schnelle, das Unstete, das sich ständig Verändernde, auch schier Unüberschaubare des Kunstbetriebs und seiner Szenen, gerade in Berlin, dabei selbstgewisse Professionalität prägt die Verkaufsplattform junger Kunst: die abc (Art Berlin Contemporary), mittlerweile Leitstern des Messegeschäfts. 130 Galerien, davon allein 71 aus Berlin, die zur hiesigen Premium-Liga zählen, zehn Händler aus anderen Bundesländern und 48 internationale Galerien, etwa aus England, Frankreich, den USA oder Südafrika, füllen drei Messehallen der Station Berlin (Luckenwalder Straße 4-8 am Geisdreieck, Schöneberg, bis So12–19 Uhr).

In 14 Projekträumen, eingeladen von der Pariser Galerie Shanaynay, wechselt im Zweistunden-Takt das Angebot: Aufbau, Abbau als Performances, dazwischen Talks. Was für eine witzige Referenz an die abc-Kuratorin Maike Cruse, die vor sieben Jahren mit ihrer Kreuzberger „Forgotten-Bar“ acht Wochen lang allabendlich eine Vernissage bot, Statement zum überbordenden, unersättlichen, dauergehetzten Kunstbetrieb.

In den Hallen sind die Kojen offen, scheinbar nach dem Zufallsprinzip angeordnet, so dass sinnfällige Bezüge von Galerie zu Galerie, von Kunstwerk zu Kunstwerk entstehen. Santiago Serras SOS-Lettern auf kalkigem Bildgrund etwa, der eine vegetationslose wüste Landschaft – Afghanistan? – zeigt (KOW Berlin), scheint zu reagieren auf eine so schöne wie verstörende Installation aus Gazevorhängen und von der Decke hängenden toten Blumen (Luca Trevisani bei Chouakri Berlin). Vom Mentekel zur Melancholie.

Und von da geht es auf kurzem Weg zur Hoffnung. Nach Afrika: Robin Rhode ließ Kinder ihr Träume vom Fliegen, Spielen, Bauen an eine große Stellwand malen (Stevenson, Kapstadt). Dann stößt man auf Burkina Faso, Christoph Schlingensiefs Operndorf-Vision, sperrig und bunt transferiert auf Berlin von Andy Hope 1930 und Aino Laberenz. Es ist der Auftritt der Galerie Hauser & Wirth Zürich/London/New York.

Apropos sperrig; es scheint so, die Künstler hätten sich abermals, wie schon in den 1990ern, als sich Berlin zum Messeplatz für junge Kunst mauserte, stark auf die ständige Baustellensituation der nie fertigen Stadt eingelassen. Nun aber nicht mehr so mythosbeladen und fieberhaft, eher abgeklärt. In allen drei Hallen trifft man auf riesige Skulpturen aus Baustoffen. Auf einen Bauzaun hat Samuel Henne (Jette Rudolph Berlin) seine Fotos von Plakatrollen aufgebracht. Und hoch bis an die Hallendecke ragt ein Turm Abriss-Haus-Türen (Danilo Duenas bei Schulte Berlin).

Gleich vor dem Eingang steht ein „Mückenhaus“ (Michael Seilstorfer/Galerie König Berlin), und es liegen da „Summende Steine“ von Hanna Weinberger bei Freedman/Fitzpatrick Los Angeles. Sie ziehen sich wie Endmoränen durch alle Hallen – stille, spröde Poesie.

Selbige kommt nicht zu kurz in den an Gerhard Richters „Betty“-Porträts angelehnten Mädchenfotos von Annie Lepp (Taik, Helsinki). Nasan Tur (Blain Southern, London/Berlin) macht es härter. Er bezieht sich auf finstere DDR-Vergangenheit, führt uns in den Stasiknast, die abgedunkelte Koje mit 15 Fotos von gelblichen Stahltüren mit zugeklapptem Sehschlitz ist genau so groß wie eine Zelle, ob Bautzen, Hohenschönhausen oder anderswo. So gesehen, setzt die abc – ganz in der engagierten Berliner Tradition vergangener Jahre – weniger auf den unlängst noch angestrebten Glamour einer Champagner.Liga-Messe, eher auf das, was los ist in der Welt. Das ist sympathisch! (Ingeborg Ruthe)

Die Suchenden

Entdeckerfreude zeigt die Preview Berlin auch dieses Jahr wieder – zuvorderst mit ihrem neuen Ort in den ehemaligen Opernwerkstätten am Nordbahnhof (Zinnowitzer Str. 9 Fr/Sa 13–20/So 11–18 Uhr). Nach sechs Jahren im Hangar des Flughafens Tempelhof ist sie zurück in Mitte, in Laufdistanz zur Auguststraße in den weiträumigen einstigen Kulissenmalsälen eines Hauses, das den Charme Berliner Verfallsarchitektur trägt. Qualität sucht die Preview auch hier zu bieten. Die Stimmung ist verhalten optimistisch, einige erzählen von den guten Geschäften letztes Jahr. 77 Aussteller haben die Solowände und weißen Quadrat-Kojen bezogen. Aus fünf Kontinenten und 18 Nationen ist die Kunstkarawane angereist, 34 Berliner Galerien haben aufgebaut. So zeigt sich die Preview internationaler, Man bietet auf, was die finanziellen Mittel erlauben. Preview-teilnehmer sehen es als Schwäche des Messe-Standortes Berlin, dass es hier keine Sicherheit gibt, das die Investitionen auch auch in Verkäufen niederschlagen.

Freilich hofft man auf gute Umsätze. „Das sichert das Geschäft fürs nächste Jahr“, sagt die deutsche Vertreterin der australischen Galerie Michael Reid aus Sydney, der 2012 eine Dependance in Berlin eröffnete und Kunst der Aborigines nach Europa bringt. Keine allzu großartigen Verkaufserfolge verspricht sich die Galerie 3 Punts aus Barcelona mit Standort in Berlin. Ihr sei vor allem die Vernetzung wichtig. So auch der israelischen Botschaft, deren Kulturabteilung die Künstler Sharon Back und Roey Heifetz schickt.

So offen und entdeckerfreudig die Preview agiert – was zuförderst zählt, ist die Qualität der Kunstware, auch für Galerist Friedmann-Hahn. Er nimmt zum ersten Mal teil mit malerischen Positionen wie den Unschärfe-Porträits des Russen Nikolai Makarov. Die Messe wurde ihm empfohlen und er sieht es gelassen. Die Betreuung seiner Künstler und Sammler stehe für ihn ohnehin an oberster Stelle und nehme viel Zeit in Anspruch. Auch Shinseido TokyoBerlinArtBox unternimmt einen ersten Testlauf, weiteres Interesse für ihre Kunst außerhalb von Asien zu wecken.

Der Preview eilt ein guter Ruf voraus, der Berliner Galerist Wolfgang Köppe nennt sie gar seinen „Messe-Star“, sie habe ihn beflügelt, mehr auf junge Kunst zu setzen. Im Rahmen der „Focus Academy“ sind diesmal wieder Kunsthochschulen dabei, etwa aus Weimar, Dresden, Halle, quasi als Lehrgang zur Kunstvermarktung für Berufsanfänger. Die Galerie Umtrieb kooperiert erneut mit der Muthesius Kunsthochschule aus Kiel, ein Finanzierungsmodell, das sich für klamme Hochschulen bewährt. „Wir brauchen Umsatz, keine Frage“, sagt Lange, und dafür müsse man die Identität Berlins international weiter stärken. Die internationale Kunstszene muss es eben wichtig finden, nach Berlin zu kommen – weil es genau hier Neues zu entdecken gibt. (Irmgard Berner)

Die Trotzigen

Die Berliner Liste im Kraftwerk Mitte gehört eigentlich nicht zum offiziellen Programm der Berlin Art Week. Aber es gibt sie. Immer noch! Die selbst ernannte Entdeckermesse im Kraftwerk Mitte ( Köpenicker Str.70, Fr–Sa 13–21/ So 13–19 Uhr) bespielt noch bis zum Sonntag die imposanten Hallen des ehemaligen Kraftwerks Mitte. Zum zehnjährigen Jubiläum geht die Messe wieder einmal mit einem neuen Kurator an den Start. Mit Peter Funken hat sie einen sehr erfahrenen Vertreter der Berliner Kunstwelt an Land gezogen und tatsächlich hat sich einiges bei der Messe getan, deren künstlerisches Niveau in den vergangenen Jahren durchaus umstritten war. An der Größe allerdings nicht, auf 2500 Quadratmetern zeigt die Berliner Liste 131 internationale Aussteller. Vertreten sind neben Galerien und Projekträumen auch einzelne Positionen.

Eine davon vertritt Tal Frank. Die Künstlerin hat sich für ihr Projekt „Take only what you can carry“ strenge Spielregeln auferlegt. Genau 23 Kilo dürfen ihre verspielten Skulpturen wiegen, die mal verformte Tischtennisschläger, mal Playmobil-Perücken aus Aluminium darstellen, genau so viel, wie man auf einem Flug im Koffer mitnehmen kann. Sind es Anspielungen aufs moderne Nomadentum, auf den Zwang zu Mobilität und zu Einfachheit in der Künstler-Existenz? Franks Konzept ist so charmant wie klug. Freilich sticht die Israelin damit aus der Masse hervor. Ringsum fühlt man sich eher wie auf einem Hobbymarkt.

In diesem Jahr neu ist die Photography Section im Obergeschoss. Hier wie auch bei der Auswahl der Galerien ist Funkens Affinität zur Kunst Osteuropas deutlich erkennbar, etwa bei der Fotogalerie Dymchuk aus Kiew oder der Krakauer Galerie Zderzak, an deren Stand es unter anderem stecknadel-besetze Tanzschuhe von Erwina Ziomkowska zu erwerben gibt.

Die Qualität hat sich, seitdem Peter Funken die Liste kuratiert, definitiv verbessert, auch präsentiert sich die Messe weniger chaotisch als in den letzten Jahren. Doch noch immer muss man sehr genau schauen, um Entdeckungen zu machen. Um die Rosinen zu finden, muss der Suchende sich durch sehr viel Durchwachsenes durchgraben.

Abseits des Aussteller-Reigens gibt es das Besondere indes auf alle Fälle. In der Installation des Ausstellungsprojekts „Moving Boxes“ des Kunstvereins Listros etwa, die aus einem Turm alter Schuhputzboxen aus Äthiopien besteht. Oder in der von Funken kuratierten Gruppenausstellung „Gelistet“, die zehn spannende zeitgenössische Positionen aus Berlin versammelt. Erst seit Februar diesen Jahres ist Funken mit von der Partie. Man sollte also etwas Geduld aufbringen. Die Richtung jedenfalls stimmt schon mal. (Beate Scheder)