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Berlin-Tiergarten: Denkmal für „Euthanasie“-Opfer eingeweiht

Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer der sogenannten „T4-Aktion“ der Nazis an der Tiergartenstraße 4.

Mahnmal zur Erinnerung an die Opfer der sogenannten „T4-Aktion“ der Nazis an der Tiergartenstraße 4.

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dpa

Berlin -

An diesen Ort kommt man nicht zufällig. Es ist eine zugige, unwirtliche Ecke am nördlichen Rand des Kulturforums, hinter der Philharmonie und getrennt vom Tiergarten durch eine nicht enden wollende Autokolonne, die sich die Tiergartenstraße entlang Richtung Potsdamer Platz oder von diesem kommend schiebt.

Am Dienstag aber ist diese innerstädtische Ödnis ungewohnt belebt. Etwa 500 Menschen stehen um eine auch von der Straße aus gut sichtbaren etwa dreißig Meter langen und drei Meter hohen Glaswand, hellblau getönt. Es ist ein Mahnmal und ein Informationsort, der 69 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs endlich öffentlichkeitswirksam erinnert an das, was einst an dieser Stelle in der Tiergartenstraße 4 geschah. In der dort bis Kriegsende befindlichen Villa planten die Nationalsozialisten 1940 ihren ersten Massenmord.

Der leichte oder schöne Tod

Von Schreibtischen aus organisierten Menschen, vor allem Ärzte, die Tötung der Schwächsten und Wehrlosesten der Gesellschaft: psychisch Kranker, körperlich oder geistig Behinderter und sogenannter sozial Unangepasster, etwa Süchtiger, Selbstmordgefährdeter oder Homosexueller. Gleich ob Frau, Mann oder Kind – wer aus Sicht der Nationalsozialisten eine sogenannte „Ballastexistenz“ führte, sollte nicht weiterleben dürfen.

„An die vom NS-Regime ermordeten Opfer der sogenannten ’Aktion T4’ zu erinnern heißt auch, der so unfassbar menschenverachtenden Unterscheidung zwischen ’lebenswertem’ und ’lebensunwertem’ Leben entgegenzutreten“, hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters kurz zuvor in einem bewegendem Festakt in der Philharmonie anlässlich der Einweihung des Mahnmals gesagt. Jedes menschliche Leben ist es wert, gelebt zu werden – das ist die Botschaft, die von diesem Ort ausgeht! Und die auch vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um aktive Sterbehilfe für Schwerkranke sehr aktuell sei, betonte sie.

Die im Dritten Reich euphemistisch Euthanasie (griechisch: leichter oder schöner Tod) genannte Aktion sollte „rassisch minderwertigem“ Leben ein Ende setzen. Die Pflegeheime und Anstalten im Deutschen Reich mussten Meldebögen für jeden Patienten ausfüllen, in denen Diagnose und Heilungschancen erfasst wurden. Anhand dieser Angaben entschieden ärztliche Gutachter mit einem simplen Plus oder Minus auf dem Formular über Leben und Tod. Die als lebensunwert Erachteten wurden mit Bussen abgeholt und an sechs speziell eingerichteten Orten in umgebauten Duschräumen vergast: Brandenburg an der Havel, Hadamar bei Limburg, Grafeneck, Sonnenstein/Pirna, Hartheim bei Linz und Bernburg an der Saale.

Den Familien wurde das plötzliche Ableben ihrer Angehörigen in einem „Trostbrief“ als Erlösung endlosen Leidens dargestellt. Die genauen Umstände verschleierten Ärzte, Pflegepersonal und Klinikleiter. Standesämter stellten anstandslos die Sterbeurkunden aus. Nachfragen waren die Ausnahme. Erst als der Münsteraner Bischofs Clemens Graf von Galen mutig in einer Predigt gegen die Vergasung der Psychiatriepatienten protestierte und daraufhin auch aus der Bevölkerung Widerspruch kam, stellten die Nationalsozialisten die Aktion offiziell im Sommer 1941 ein. 70.000 Menschen waren da bereits tot.

Es sollten noch mehr werden, denn inoffiziell ging das Morden weiter, mit Medikamenten, Injektionen oder durch Entzug von Nahrung. Wissenschaftler schätzen, dass bis zum Ende des Krieges 1945 300.000 Menschen auf diese Weise starben.

Kampf für einen besseren Gedenkort

Mit dem Gedenken und der Offenlegung dieser Verbrechen tat man sich in Deutschland sehr lange sehr schwer. Selbst in den Familien wurden die Opfer totgeschwiegen, aus Scham. „Die Erinnerung wurde ausgelöscht“, sagte Sigrid Falkenstein, die in der Philharmonie an ihre Tante Anna erinnerte. Wegen einer Lernschwäche galt Anna als geisteskrank, wurde daher mit 19 zwangssterilisiert, in eine Heilanstalt abgeschoben und fünf Jahre später, 1941, ermordet. „Wir schulden Ihnen einen Platz im Gedächtnis der Familien und im kollektiven Gedächtnis“, sagte die Lehrerin in ihrem Appell für eine solidarische Gesellschaft.

Menschen wie Sigrid Falkenstein und zuvor der Historiker Götz Aly oder der Journalist Ernst Klee haben sich dafür eingesetzt, dass die Opfer der Euthanasie ihre Namen zurück erhalten. Ein erster Ort der Erinnerung entstand auf Initiative von Götz Aly und der Westberliner Geschichtswerkstatt bereits 1991 an eben dieser Stelle, der einstigen Tiergartenstraße 4. Das metallene Viereck im Bürgersteig übersieht der unaufmerksame Passant leicht. Und auch die unweit davon platzierte Bronzeplastik „Berlin junction“ des US-amerikanischen Bildhauers Richard Serra ist nicht als dazu gehörig zu erkennen, könnte auch als Kunst am Bau durchgehen.

Aus diesem Grund setzte sich ein 2007 von Sigrid Falkenstein mitgegründeter Runder Tisch für einen besser wahrnehmbaren Gedenkort ein. Vier Jahre später verabschiedete der Bundestag einen entsprechenden Entschluss – nach dem Holocaust-Mahnmal, dem Erinnerungsort für Sinti und Roma und dem für Homosexuelle.

500.000 Euro bewilligte der Bund für den Plan der Architektin Ursula Wilms, des Landschaftsgestalters Heinz Hallmann – beide entwarfen auch das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors – und des Künstlers Nikolaus Koliusis. Nicht nur ein barrierefrei begehbares Kunstwerk, sondern ein Informationsort, der exemplarisch am Schicksal von 13 Menschen die Logik des Mordens erklärt ist so am einstigen Ort der Täter entstanden. Weithin sichtbar, damit keiner mehr sagen kann, er habe nichts davon gewusst.