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Berlinale-Eröffnungsfilm „Nobody Wants the Night“: Kein Film über kulturelle Verständigung

Mit Eisbären- und anderen Fellen: Josephine (Juliette Binoche) lernt von Allaka (Rinko Kikuchi) das Überleben in „Nobody Wants the Night“.

Mit Eisbären- und anderen Fellen: Josephine (Juliette Binoche) lernt von Allaka (Rinko Kikuchi) das Überleben in „Nobody Wants the Night“.

Foto:

Leandro Betancor

Berlin -

Warum hat Dieter Kosslick diesen Film für die Eröffnung ausgewählt? Ein Grund könnte der allererste Satz sein, der in ihm gesprochen wird: „Mein erster Bär!“ ruft Juliette Binoche, nachdem sie in der Arktis einen Eisbären erlegt hat. Ihr erster Berlinale-Bär wäre es allerdings nicht: Einen Silbernen Bären gab es schon 1997 für ihre Darstellung im „Englischen Patienten“.

Ein weiterer Grund für die Wahl dürfte in einer gewissen Treue liegen. Die spanische Regisseurin Isabel Coixet gehört zu den anhänglichsten Teilnehmern der Berlinale.

Sechs ihrer Filme waren über die Jahre vertreten; 2009 gehörte die 54-jährige Katalanin der Jury an. Isabel Coixet ist ein typisches Festivalgewächs. Angefangen hat sie mit überaus originellen, teils unvergesslichen Filmen. Darunter 2003 „Mein Leben ohne mich“, ein Film über eine 23-jährige Mutter zweier Kinder, die unheilbar an Krebs erkrankt. Sie regelt für ihre Familie das künftige Leben ohne sie. Für die Geburtstage ihrer Töchter bespricht sie Glückwunschkassetten. Ihrem Mann sucht sie eine passende Frau.

Großes Budget und geistige Armut

Nach und nach eroberte sich Coixet größere Budgets, längere Drehzeiten und bekannte Stars. Gut getan hat ihr das bislang nicht. „Elegy“ mit Penelope Cruz und Ben Kingsley (2008) zum Beispiel war eine rührselige Verfilmung einer Philip-Roth-Novelle, die weit unter ihrem früherem Niveau blieb. Und auch der ein Jahr später gedrehte Film „Karte der Klänge von Tokyo“ enttäuschte.

Wer „Mein Leben ohne mich“ gesehen hat oder den nicht minder kraftvollen Film „Das geheime Leben der Worte“, kann einfach nicht glauben, dass das nun alles gewesen sein soll. Führt der Weg ins große Budget automatisch in die geistige Armut? Wohl hoffentlich nicht zwangsläufig.

Aber der Ehre, die 65. Berlinale zu eröffnen, wird Isabel Coixet auch mit ihrem neuen Film „Nobody Wants the Night“ nur halb gerecht. Optisch ist er allerdings ein Genuss. Er spielt 1908 in Grönland. Josephine reist ihrem Mann, dem berühmten Arktis-Erforscher Robert Peary, hinterher, der eine Route zum Nordpol sucht. Die erfahrenen Begleiter warnen vor dem bald einbrechenden Winter. „Nicht wir, sondern die Natur legt hier die Regeln fest“, sagen sie. Doch Josephine bleibt stur und weist die Weiterreise an. Sie reagiert mit dem Hochmut einer Frau, die sich an der Spitze eines Menschheitsprojekts sieht. Oder ist es doch nur die fatale Liebe zu ihrem Mann, die sie dazu verleitet, das Leben ihrer Scouts aufs Spiel zu setzen? Oder sind die bedingungslose Liebe und der Entdeckerehrgeiz nur zwei Seiten einer Medaille – Zivilisation genannt?

Was auch immer es ist, es macht Josephine Peary in der Arktis zu einer gründlich deplatzierten Person. Wie die elegante Frau aus Washington mit stocksteif aufgerichtetem Rücken auf dem Hundeschlitten sitzt, das hat schon große Klasse, auch wenn diese hier ganz fehl am Platz ist. Während ihre Begleiter in den unförmigsten Fellhosen herumstiefeln, schreitet Juliette Binoche in einem eng taillierten Glockenpelz durchs Eis, als spazierte sie über die Park Avenue. In der echten Arktis, hätte sie so keine drei Tage überlebt, aber das macht ja nichts, wir sind hier im Kino.

Es kommt, wie es kommen muss: Die Begleiter sterben oder machen sich auf und davon. Josephine bleibt mit einer jungen Inuitfrau namens Allaka zurück, die in der verlassenen Hütte ihres Mannes mit ihr zusammen warten will. Warum, wird bald klar: Auch Allaka hatte was mit „Peary Mann“. Was ziemlich Handfestes: Ihr Bauch wird immer runder.

Allaka, dargestellt von der Japanerin Rinko Kikuchi, ist eine Wucht. Sehr hübsch, aber mit skorbutschwarzen Zähnen, die sie ständig entblößt zum freundlichen Lächeln. Die paar Brocken Englisch setzt sie ausdrucksstark ein: „Letzter Tag Sonne wach“, sagt sie. Will heißen: Ab jetzt ist es Winter, ewige Nacht, die dem Film seinen Titel gab: „Niemand will die Nacht“.

Und so sieht die elegante Frau bald aus wie ein ergrauter Pumuckl. Die Haare stehen wüst ab, aus der Nase tropft schwarz das Blut, während der Sturm an der schütteren Hütte zerrt. Man denkt bald mit einiger Sehnsucht an die skurrilen Szenen zurück, in denen Juliette Binoche unter einem gefiederten Tellerhut, mit Schirm und Stock und perfekter Silhouette zu Allakas Iglu schreitet, um sie herrisch klopfend zum Essen einzuladen, über sich den Sternenhimmel, um sich herum nichts: My fair Lady im Eis.

Im Zentrum steht das Zusammenwachsen der beiden Frauen im Überlebenskampf. Hier das Radebrechen, dort das Konversationsenglisch, mit dem sich Josephine der Nähe Allakas zu erwehren sucht. Hier der Umgang mit Walfett, dort der Versuch, Allaka das Essen mit der Gabel beizubringen. Beibringen will ihr Josephine auch den Anspruch auf ihren Mann, und den Sinn des Eigentums gleich mit: Erst jemandem zu gehören, gäbe den Dingen Bedeutung. Und ihr Mann gehöre nun mal zu ihrer Welt.

Falsch!, will der Film sagen, wir haben nur die eine Welt, die wir uns gerade teilen, und wenn es dort so den Bach runtergeht wie in diesen eisigen Monaten, dann sind unsere kulturellen Distinktionen wertlos und es zählt nur das nackte Überleben.

Für gutes Kino zu wenig

Das allerdings ist dann doch etwas einfach und für gutes Kino zu wenig. „Niemand will die Nacht“ hätte ein Film über die Verständigung der Kulturen werden können, wenn er die der Inuit auch nur halb so wichtig genommen hätte wie unsere. Aber über eine Eskimo-Gesangseinlage, die übrigens sehr schön mit den Belcanto-Arien aus Josephines mitgeschlepptem Grammofon kontrastiert, kommt die Beachtung der Innuit nicht hinaus. Nicht mal gespielt werden durfte Allaka von einer Inuit. Sie nur im Medium einer gebrochenen Fremdsprache vorzuführen, ist ziemlich hinterwäldlerisch.

Was man allerdings von Allaka lernen kann, ist, dass auch eine gebratene Felljacke, in winzige Stücke geschnitten, nahrhaft sein kann. Womit wir beim kulinarischen Kino wären, Dieter Kosslicks großem Faible, und vielleicht dem dritten Grund für die Einladung. Auch roher Husky wird aufgetischt und kalte Robbe sowieso. Insofern ein Eröffnungsfilm ganz nach Geschmack.

Nadie quiere la noche (Nobody Wants the Night): 6. 2.: 12 und 19 Uhr, Friedrichstadt-Palast ; 15. 2.: 13 Uhr, CinemaxX