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Berlinale Panorama: Schreiben, um zu überleben

Trägt die Wucht und Sinnlichkeit des Films allein auf ihren Schultern: Martina Gedeck.

Trägt die Wucht und Sinnlichkeit des Films allein auf ihren Schultern: Martina Gedeck.

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Getty Images

Berlin -

Die Frau wird von niemandem bei ihrem Namen gerufen. Sie lebt in einem Jagdhaus in einer Schlucht, umschlossen von Hochgebirge. Ihre einzige Gesellschaft sind ein Hund, eine trächtige Kuh, ein paar Katzen. Sie baut Gemüse an und geht auf die Jagd. Um nicht verrückt zu werden schreibt sie. Einen Bericht in einer Prosa, in der kein Wort zu viel ist. Nüchtern, klarsichtig, einer großen Trauer abgerungen. Die Frau in Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ ist die einzige Überlebende einer Katastrophe. Eingeschlossen in ein winziges Universum, das von einer gläsernen Wand begrenzt wird. Sie kann hindurchsehen – alles Leben jenseits der Wand ist tot, in der Bewegung erstarrt wie die Toten von Pompeji.

Als der Roman der österreichischen Autorin 1963 erschien, sah man darin ein Gleichnis für die apokalyptische Bedrohung, die in der Aufrüstung der beiden feindlichen Machtblöcke lag. Zwanzig Jahre danach entdeckte die Frauenbewegung den Roman und las ihn als weibliche Robinsonade. Der Regisseur Julian Roman Pölsler sieht in der „Wand“ etwas ganz anderes: Die Beschreibung einer Depression, die den Depressiven wie eine Wand von seiner Umgebung trennt. Allein die Vielfalt der Interpretationsmöglichkeiten verweist auf die Qualität des Romans. Pölsler baut dieser Sprache ein Podest. Er hat sie nicht als Material benutzt, um seine Lesart zu illustrieren. Er lässt die Frau ihre Geschichte sprechen – wir sehen, was sie tut, in Bildern von großer Wucht und Sinnlichkeit – und hören Haushofers Prosa. Das eine steht nie in Konkurrenz zum anderen. Auf wundersame Weise kommt es nicht zur Redundanz.

Gleichmut, Trauer und Überlebenswillen

Dies ist auch das Werk einer Schauspielerin, die diesen Film allein auf ihren Schultern trägt: Martina Gedeck. Man könnte sagen: Die Frau, der Marlen Haushofer keinen Namen gab, scheint darauf gewartet zu haben, von Martina Gedeck gespielt zu werden. Sie spricht Haushofers Sätze in einem ganz unverwechselbaren Ton aus Gleichmut, Trauer und Überlebenswillen. Ihr Spiel hat jene Reife und Radikalität, die sie sich vor Jahren für ihre Rollen wünschte. In einem Interview mit dieser Zeitung sagte Gedeck: „Mich beschäftigt zur Zeit an einer Figur immer die Frage: Wo ist bei ihr geistige Freiheit möglich? Das ist eine Frage der inneren Reifung, dem muss aber nicht unbedingt ein Prozess vorausgegangen sein. Es kann passieren, dass jemand einen Schock erlebt, und plötzlich findet er zu dieser geistigen Freiheit.“

In dieser Spannung positioniert Gedeck die Frau. Wie viele ihrer großen Rollen, ist auch dies eine Figur in einer Art posttraumatischem Zustand. Klarsichtig, aber völlig auf sich selbst zurück geworfen. Jenseits aller Eitelkeit und Larmoyanz. Martina Gedeck zeigt die Wandlung der ungeschickten Städterin, die durch die Natur stolpert, hin zu einer Frau, die ihr eigenes und das Überleben ihrer Tiere mit harter körperlicher Arbeit sichern kann.

Die Wand 13. 2.: 12.30 Uhr, International; 14. 2.: 14.30 Uhr, Cubix 9; 15. 2.: 18.30 Uhr, Thalia Babelsberg; 18. 2.: 17.45 Uhr, Friedrichstadt-Palast.


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