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Berliner Philharmonie: Des einen Trauma, des anderen Traum

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Karl-Heinz Steffens in neuer Rolle.
Karl-Heinz Steffens in neuer Rolle.
Foto: MBWWK/karl heinz steffens

Karl-Heinz Steffens stand erstmals am Pult der Berliner Philharmoniker. Und erstmals wurden sie von einem ehemaligen Mitglied des Orchesters dirigiert. Steffens war bis 2007 dort Klarinettist. Den Seitenwechsel bewältige er sehr gut.

Um den Begriff „Trümmermusik“ entstehen lassen, dafür gab es nach 1945 wohl zu wenige Komponisten, bei denen das Kriegstrauma das Schreiben bestimmte. Zur sogenannten „Trümmerliteratur“ wird etwa Wolfgang Borchert gezählt, mit einem Teil ihres Werkes auch Wolfgang Koeppen, Heinrich Böll. In der Musik ist es eigentlich nur Bernd Alois Zimmermann, bei dem die Verarbeitung der Kriegserlebnisse zur wichtigsten Triebkraft seines Schaffens wurde.

Ähnlich wie seine schreibenden Kollegen sah sich Zimmermann damals gleich von zwei Seiten mit Kritik konfrontiert: die einen fühlten sich gestört, weil er mit apokalyptisch wirkender Musik immer wieder das Erlebte vergegenwärtigte; die anderen, junge Komponisten wie Stockhausen oder Boulez, suchten den Weg in eine kühle, emotionsbefreite Avantgarde: Ihnen war seine Musik zu rückschrittlich.

Ein Vorwurf, der mittlerweile absurd wirkt, da wiederum das Konstruierte, wenig Sinnliche in der neuen Musik überwunden scheint. In der Aufführung seiner Sinfonie in einem Satz und des Canto di speranza für Cello und Orchester am Mittwochabend bei den Philharmonikern, beeindruckte gerade die emotionale Kraft dieser Musik. Indem sie eine Welt schildert, die zwar auf festem Grund steht, in der aber sonst überhaupt nichts mehr sicher scheint, klingt sie ziemlich aktuell. Der feste Grund ist bei Zimmermann das stets durchgehende Metrum, das im Canto mit dem Cellisten Ludwig Quandt an ein zielloses Gehen im Kreis erinnert. Darauf baut sich eine Klangwelt, in der ein unbestimmter, schattenhafter Ton herrscht: zitternde Streicher, trillernde Bläser. Es ist eine helle Welt, aber das Licht ist immer ein wenig zu grell, blendet wie die Piccoloflöte die im ersten Teil des Canto plötzlich mit einem gehaltenen, scharfen Ton über dem Orchester erscheint.

Die Bilder sind überbelichtet – da trifft sich Zimmermann wunderbar mit Franz Schubert, dessen Ouvertüre der Rosamunden-Bühnenmusik und die puppenstubenhafte Sinfonie Nr.3 an diesem Abend dazwischen geschoben waren. Von Schubert’scher Melancholie und Doppelbödigkeit ist in diesen Werken nichts zu hören, weil der Komponist seine Musik gleich ins Märchenhafte hebt. Zimmermanns Trauma steht also neben Schuberts Traum-Musik. Gerade dadurch wirkt Zimmermanns Musik so tapfer und fortschrittlich in ihrer Art, sich mit der Realität auseinanderzusetzen.

Ein starkes Programm für ein starkes Debüt: Karl-Heinz Steffens stand erstmals am Pult der Philharmoniker – und damit auch erstmals ein ehemaliger Philharmoniker auf dem Dirigierpodest seines früheren Orchester. Bis 2007 war Steffens dort Solo-Klarinettist, dann startete er eine neue Karriere als Dirigent. Sein Mentor Barenboim ist ihm anzusehen und anzuhören: das durchgedrückte Kreuz, die tiefgehaltenen Arme – die weiten Bögen, die Fähigkeit zu enormer Klangentfaltung. Zimmermann gelingt beeindruckend souverän, bei Schubert überzeugt der ungestüme Wirbel in den schnellen Sätzen, dem weiten musikalischen Schwung fallen allerdings auch viele Feinheiten in Artikulation und Phrasierung zum Opfer.

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