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Berliner Schaubühne: Der ehrliche Böse

Lars Eidinger, diese ganz und gar ehrliche Richardhaut.

Lars Eidinger, diese ganz und gar ehrliche Richardhaut.

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dpa/Kay Nietfeld

Im Grunde ist Richard ein sympathischer Kerl. Denn er ist die Ehrlichkeit in Person, zumindest uns Zuschauern gegenüber. Von der ersten bis zur letzten Minute lässt er uns teilhaben an seinen Gedanken: gesteht freimütig, wie sehr seine Hässlichkeit ihn beleidigt – der Buckel, der Klumpfuß –, wie er sich deshalb ausgeschlossen fühlt aus allem Lieben, Schönen und Guten des Lebens, auch wenn er Herzog von Gloster ist und Bruder des Königs. Und wie er sich entschieden hat, als Vergeltung dafür abgrundtief böse zu sein. Richard ist eigentlich mutig, wie er gleich beim ersten Auftritt seinen ganzen Sadomasochismus vor uns ausbreitet. Denn das Stück liegt damit auch schon vor uns.

Die zwei Kniffe des Regisseurs

Im Folgenden geht es nur noch um ihn: Richard, den grandiosen Verstellungskünstler und diabolischen Wortverdreher. Richard, den Teufel in Engelsgestalt. Richard, den Staatsschauspieler, der seine dümmliche Fürstenfamilie samt Bürgerversammlung zum Narren hält oder über die Klinge springen lässt. Richard „will“ böse sein, weil die aus Krieg und Blut geborene Welt sich so unverschämt freundlich gibt. Und dieses „will“ ist seine Stärke, denn um ihn herum scheint niemand sonst zu wollen. Und so führt er uns als Rächer dieser Verlogenheit demonstrativ unverlogen durch sein Schauspiel: Fünf Akte durch verleumdet und mordet er, bis er selbst König ist und auch hops geht.

In der Schaubühne ist diese ganz und gar ehrliche Richardhaut Lars Eidinger. Und vielleicht ist das überhaupt der gelungenste Kniff dieses ebenfalls ganz und gar geradlinigen Abends: Eidinger übt sich nicht in schillernder Großschauspielerei, er bleibt, was er von Beginn an ist: ein buckliger Knilch, ein Quasimodo mit Kinderseele, der gar nicht anders kann, als böse sein vor uns und gut sein vor seinen Fürstenkollegen. Denn gut und böse fallen in ihm zusammen – sind kein Gegensatzpaar, dem nur die semantische Binnengrenze verwischt ist, sondern sind identisch. Und das ist das Verrückte, ja Überraschende dieses sonst unspektakulären Shakespeareabends: Nicht das Raffinement zwischen Schein und Sein funktioniert hier als stärkste Waffe des theatralischen Schurken, sondern die komplette Stumpfheit, seine kindische Arglosigkeit. Gegen das übliche Verstellungsspiel des Hofes bietet er das demonstrative Nichtspielen und dieses Nichtspielen, diese grobe, tierische Direktheit gelingt Eidinger, trotz übertriebener Humpelei, verblüffend gut.

Genau besehen aber muss sich Richard auch gar nicht anstrengen, denn seine Gegner sind einfach zu schwach. Zu Recht gilt die einseitige Figurenzeichnung seit je als Schwäche des Stücks, die damit entschuldigt wird, dass es zu Shakespeares frühesten zählt. Zwar thematisiert es bereits den Schluss der dreißigjährigen „Rosenkriege“ zwischen den Thronjägern der Yorks und der Lancasters, aber eben noch ungelenk. Dass die Gegner fehlen, gilt den meisten Richard-Darstellern oft als Freibrief für großes Eitelkeitstheater. Glücklicherweise nicht hier. Denn in dieser Unausgewogenheit nistet der zweite Kniff des Abends. Wenn man in der sandigen Halbarena, die Jan Pappelbaum als vage Globe-Theater-Nachbildung in den Saal C der Schaubühne gebaut hat, allein die Frauen des Hofes beachtet, wenn man sieht, wie Jenny König als Lady Anne sich erst verbittert über den Sarg ihres Schwiegervaters Heinrich IV. lehnt, wenige Augenblicke später aber von Richard, dem bekennenden Heinrich-Mörder, den Verlobungsring annimmt, dann merkt man, dass Regisseur Thomas Ostermeier genau diese Figuren-Schwäche zum eigentlichen Thema seiner Inszenierung macht.

Man kommt erst allmählich dahinter, aber mit jedem neuen, überraschend leichten Sieg Richards über einen weiteren anämischen Gegner, mit jeder weiteren leidenschaftslosen Palastszene, in der die Edwardianer nach dem Tod ihres müden Königs (Thomas Bading) die Erbfolge für seine Söhne verwalten, als handele es sich um einen bloßen Aktenvermerk, erkennt man, dass diese demonstrative Dumpfheit der Welt Provokation an uns ist. Richard hat leichtes Spiel, weil niemand, weder die „aufgepinselte Königin“ Elisabeth der Eva Meckbach noch ihre ebenso fassadenhaften Verwandten Dorset (Christoph Gawenda) und Rivers (Laurenz Laufenberg) mitdenken, geschweige denn vorausdenken.

Politik ohne Politik

Sie geben Leerstellen, zeigen sich kurz in der Pose der Empörung oder packen langatmig ihre Sachen zusammen wie der Oberbeamte Sebastian Schwarz als Hastings, bevor er zum Schafott geführt wird. Und immer wieder schauen sie dabei großäugig ins Publikum, als wollten sie uns fragen, was denn nun zu sagen sei. Zwar wissen alle, sie und wir, dass Richard allein all die Krisen am Hof verursachte, doch liegt das Kind eben immer schon im Brunnen, wenn es vermisst wird, und ist der ehrliche Richard eben immer auch der einzige, der sich als Krisenmanager seiner Krisen gibt. Kommt uns die Politik bekannt vor?

So konventionell, ja archaisch Ostermeiers Inszenierung uns in dem Renaissancegerüst anspricht, so effekthascherisch es zuweilen aufprotzt, wenn der splitternackte Eidinger gegen die Lüge wirbt, so politisch aktuell wird es genau in diesem Punkt: Die Leere, das Nichtstattfinden von Politik in dieser hochpolitischen Historie ist ihr sprechendes Zentrum. Und so angelt Ostermeier aus der Schwäche des Stücks die Stärke des Abends.

Schaubühne, wieder am 9., 10., 28. 2., 1. und 5.–7. 3., Tel: 89 00 23



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