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Bertelsmann: Schlechte Zeiten, gute Zeiten

Hartmut Ostrowski (M.), Bertelsmann-Vorstandsvorsitzender Thomas Rabe Thomas Rabe (L) und der nunmehr ehemalige Gruner+Jahr-Chef Bernd Buchholz.

Hartmut Ostrowski (M.), Bertelsmann-Vorstandsvorsitzender Thomas Rabe Thomas Rabe (L) und der nunmehr ehemalige Gruner+Jahr-Chef Bernd Buchholz.

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reuters

Im Büro von Liz Mohn kroch am Mittwoch, 22. August, kurz nach 10 Uhr vormittags ein zweiseitiges Schreiben aus dem Faxgerät. Die Nachricht war an die „liebe Frau Mohn“ und an die drei Herren gerichtet, die an der Spitze des Medienunternehmens Bertelsmann stehen: an den Aufsichtsratschef Gunter Thielen, seinen Nachfolger Christoph Mohn und an den Vorstandsvorsitzenden Thomas Rabe. Absenderin war Karin Schlautmann, deren Funktion mit Pressechefin des Unternehmens nur ungenügend beschrieben ist. Sie berät den Vorstand auch in Kommunikationsfragen beim Umbau des Konzerns. An jenem Morgen informierte sie ihre Chefs, dass in der Zeitschrift Manager Magazin die Enthüllung „sehr vieler bislang in der Öffentlichkeit unbekannter Details und Interna“ bevorstehe.

Von Gütersloh nach Hamburg

Eine ernste Situation. Am Tag davor hatte das Unternehmen den Vollzug des Wechsels der Rechtsform von der AG zur SE & Co. KGaA gemeldet. Die Medien haben diese Nachricht, wie es in dem Schreiben der Pressesprecherin hieß, zur Zufriedenheit von Bertelsmann „breit und positiv aufgenommen“. Würde nun mit dem geplanten Bericht die gute Stimmung zunichte gemacht? Der Autor des Manager Magazins, Klaus Boldt, hatte offenbar von geheimen Verhandlungen erfahren, wonach Rabe „den nächsten Coup“ plane und den Zeitschriftenverlag Gruner+Jahr (G+J) komplett übernehmen möchte, wie das Wirtschaftsblatt im Titel schreibe. Bislang besitzt Bertelsmann 74,9 Prozent, Familie Jahr hält 25,1 Prozent.

Im Kern drehe sich der Text „um die vermeintlichen Pläne der Familie Jahr, ihre Anteile an G+J gegen Anteile an Bertelsmann zu tauschen“. Ausführlich schildert die PR-Chefin Aufmachung und Inhalt des mehrseitigen Berichts. „Der Titel zeigt Thomas Rabe und Bernd Buchholz und hat die Überschrift ’Der neue Herr im Hause’“. Detailliert listet sie auf, welche Interna der Bericht enthält. Das ist bemerkenswert, weil der Bericht erst zwei Tage später erschien. Offenbar war sie gut informiert über das Vorgehen des Magazins.

Der Artikel, der am Freitag erschien, enthielt tatsächlich viel Neues: G+J-Chef Buchholz erfuhr nicht nur, dass Bertelsmann seinen Verlag komplett übernehmen will. Er musste auch lesen, dass sein Aufsichtsratschef Thomas Rabe wenig von ihm hält. Gruner+Jahr verliert jährlich rund 200 Millionen Euro an Wert, schrieb das Magazin. In zehn Jahren sei der Wert von 3,5 auf 2,5 Milliarden Euro gesunken. „An dem Werteverfall, davon ist man in Gütersloh überzeugt, tragen nicht allein die ungünstigen Umstände die Schuld – Springer und Burda sind mit ihrer Internetstrategie erfolgreich –, sondern auch und vielleicht sogar in erster Linie der G+J-Gouverneur Bernd Buchholz.“ Das Magazin zitierte aus dem hausinternen Halbjahreszeugnis: „Er hat seine Hausaufgaben nicht gemacht.“

Das zweiseitige Fax gibt Einblick, wie Bertelsmann seinem Zeitschriftenvorstand Buchholz Informationen vorenthielt, weil es den eigenen Interessen diente. Und auch die Jahrs ließen ihn im Dunkeln. In diesem doppelten Verrat liegt der Grund für den Abgang von Gruner+Jahr-Cherf Bernd Buchholz.

Inzwischen haben Bertelsmann und die Jahr-Familie den Abbruch ihrer Verhandlungen bekannt gegeben und man weiß, dass Bertelsmann und die Jahr-Holding immerhin neun Monate verhandelt haben, wie der Geschäftsführer der Holding, Winfried Steeger, dem Handelsblatt sagte. Neun Monate, in denen es die beiden Gesellschafter, die mit Rabe zugleich den Chef und mit Steeger den Stellvertreter des Aufsichtsrates von Gruner+Jahr stellen, nicht für nötig hielten, ihren Vorstandsvorsitzenden über ihre Verhandlungen zu informieren. Buchholz erfuhr davon am Donnerstag aus der Vorabmeldung des Manager Magazins und bemühte sich mehrfach vergebens, dass ihn seine Gesellschafter dementierten.

Der Brief erweckt den Eindruck, dass schlechte Zeiten für Gruner+Jahr gute Zeiten für Bertelsmann sind. „Die Rolle und der Erfolg von Bernd Buchholz wird kritisch betrachtet. Alle anderen genannten Personen werden nicht bewertet“, urteilt Bertelsmann-Chefin Schlautmann in dem Fax.

Aber wie fanden die Interna von Gütersloh ihren Weg zum Manager Magazin nach Hamburg? Wollte Bertelsmann mit den Interna die Verhandlungen beschleunigen und den Kaufpreis drücken? Diese Vermutung liegt nahe, ist aber nicht bewiesen. Pikant ist jedenfalls der Zeitpunkt des Briefes. Aus dem Schreiben geht klar hervor, dass die Führungsspitze von Bertelsmann den Artikel mindestens zwei Tage vor Erscheinen vorliegen und ausgewertet hatte. Möglich ist das, weil das im Spiegel-Verlag erscheinende Manager Magazin in Gütersloh gedruckt wird. Auch das ist heikel, weil Mohndruck Auftragsprodukte vertraulich eigentlich behandeln müsste, auch gegenüber der eigenen Konzernmutter.

Rabe konnte in aller Ruhe mit dem Mitgesellschafter und seiner Pressesprecherin den Wortlaut abstimmen, mit dem er auf den Artikel im Manager Magazin reagieren würde. So schreibt Schlautmann an Liz Mohn: „Mit Herrn Rabe wurde folgendes Wording vereinbart, dass (sic!) wir auf Nachfrage der Journalisten zu diesem Thema verwenden werden: Bertelsmann und die Jahr-Holding als Gesellschafter von Gruner + Jahr befinden sich aktuell in Gesprächen über die Lage und weitere Ausrichtung von Gruner + Jahr. Spekulationen über eine mögliche Neuordnung der Anteilsverhältnisse kommentieren wir nicht.“

Schönen Tag noch

Als Buchholz bei Bertelsmann und bei Gruner+Jahr ausgeschieden war, sagte Rabe der FAZ, Buchholz „hatte seine Gründe“ dafür. „Ein Auslöser war die öffentliche Darstellung seiner Person in einem Zeitschriftenartikel. Damit ist er eben auf diese Weise umgegangen. Das respektiere ich, auch wenn ich seine Entscheidung bedauere.“ Warum stärkte er ihm nicht den Rücken? Rabe sagte: „Es entspräche nicht dem Stil des Hauses, wenn der Vorstandsvorsitzende von Bertelsmann Zeitungs- oder Zeitschriftenartikel kommentierte. Eine solche Stellungnahme würde erst recht das öffentliche Interesse auf einen solchen Vorgang lenken.“

Nicht Stil des Hauses? Nicht im Interesse der Beteiligten? Die Pressechefin jedenfalls schrieb: „Wir gehen von einer breiten Berichterstattung aus.“ Kein Wort des Bedauerns. Und dann wünscht Karin Schlautmann Liz Mohn und den drei Herren noch „einen schönen Tag“.