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Bild-Text-Band über Ost-Berlin: Leben vor dem Mauerfall

Probe zur Maidemonstration

Probe zur Maidemonstration

Foto:

harald hauswald

Berlin/Halle (Saale) -

Viele der Bilder aus diesem Buch sind so bekannt inzwischen, dass sie zum Schatz des erworbenen Wissens über die DDR und ihre Hauptstadt Ost-Berlin gehören: Der skeptisch und etwas bockig blickende Junge im FDJ-Hemd gehört dazu, auf der Karl-Marx-Allee wird für die rituelle Maidemonstration geübt, im Hintergrund sammeln sich Fahnenträger und Uniformierte.

Das Foto von Harald Hauswald liefert den Subtext zu den Jubelbildern, die dann in der „Aktuellen Kamera“ gesendet, am nächsten Tag in Blättern wie dem „Neuen Deutschland“ und der halleschen „Freiheit“ gedruckt werden würden. Die Einheit und Geschlossenheit der werktätigen Massen ist dann beschworen worden, ein Volk steht fest hinter seiner Partei- und Staatsführung - so wollte es die Propaganda der SED.

Ein gehasstes Buch

Dass es anders war, bei allem Frohsinn und aller Einverständigkeit, die nicht wenige DDR-Bürger ja auch lebten, hat jeder in dem Land gewusst. Auch die Funktionäre und ihre Schnüffelgarde, die Staatssicherheit. Sie wussten um den Unmut vieler junger Leute, wussten vom Frust über das Eingesperrtsein und von Reiseträumen, wussten von den großen Lügen der Planerfüllung und dem kleinen Glück, das sich viele im Schatten der Mauer eingerichtet hatten zwischen Schlafzimmer, Eckkneipe und Schrebergarten. Und weil das so war, weil der Staat seinen eigenen Ruhmreden nicht glaubte, haben die Natschalniks dieses wahrhaftige Buch von Harald Hauswald und Lutz Rathenow so gehasst.

Beide waren Ende der 70er Jahre aus der Provinz nach Ost-Berlin umgezogen. Der eine, der Radebeuler Sachse Hauswald vom Jahrgang 1954, illegal als Wohnungsbesetzer. Der andere, der 1952 im thüringischen Jena geborene und aufgewachsene Rathenow, legal, obwohl er aus politischen Gründen von der Universität geworfen worden war und als Staatsfeind galt - eigentlich keine Empfehlung, um ausgerechnet in der sozialistischen Metropole der DDR zu leben. Aber Rathenows Frau war Lehrerin und sollte eine Stelle in Berlin antreten, da durfte der argwöhnisch beobachtete Gatte eben mitkommen. Das haben die Genossen später noch bitter bereut, Rathenow, der heute sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen ist, hat sich als zäher, umtriebiger und mediengewandter Dissident erwiesen, der partout nicht ausreisen wollte und das System stattdessen mit Satiren, Glossen, Eingaben und Interviews piesackte, die er westdeutschen Zeitungen gab.

Im Westen kein Erfolg

Manchen unter den kritischen Geistern, literarischen Aktivisten und Szene-Helden in Ost-Berlin war das schon ein bisschen viel an Selbstmarketing, auch wenn das Wort damals noch gar nicht erfunden war. Aber Rathenow ist dabei doch stets eine ehrliche Haut geblieben, die besten seiner Texte aus diesen Jahren haben die Zeit überdauert - nicht zuletzt der gemeinsam mit Hauswald produzierte Bild-Text-Band über Ost-Berlin, der 1987 erstmals bei Piper in München erschien und jetzt in einer sechsten, erweiterten Auflage des Berliner Jaron-Verlags vorliegt.

Anfangs, im Westen, war dem Titel, vor dem die Kulturbürokraten solchen Schiss hatten, dass sie ihren Stasi-Apparat zur Schadensbegrenzung in Marsch setzten, kein sonderlicher Erfolg beschieden. Nach einem Jahr bekamen die Autoren die Rechte zurück.

Verwunderlich ist das nicht: Das Interesse an den Brüdern und Schwestern in der DDR war, wenn es denn überhaupt einmal aufflackerte, auch rasch wieder erloschen im Westen. Dann fuhr man in die Toskana und dachte an schönere Dinge als die triste „Zone“. Gleichwohl haben die von der Stasi gestreuten Gerüchte ihre Wirkung getan - über das Ende der DDR hinaus: Hauswald und Rathenow hätten sich nur interessant machen und bereichern wollen. Ilko-Sascha Kowalczuk, einer der klügsten Köpfe unter den nachgewachsenen Historikern, weist in seinem Vorwort zu dem in Deutsch und Englisch edierten Band auf die perfide Langzeitwirkung dieser „Zersetzungsmaßnahmen“ hin: „Das Buch wirkte im Osten fort, im Guten wie im Bösen“.

Gut ist, dass Hauswalds Bilder und Rathenows feuilletonistische Texte immer noch mehr Interesse finden. Und die Beobachtungen mit dem verfallenden Ost-Berlin im Herzen, die Gesichter kleinen Leute, der Rentnerinnen und Kohlenträger, der Punks und Kneipengänger werden Bestand haben - weit über die geschönten Bilder der DDR hinaus, in denen die Funktionäre sich selber so gern sonnten.



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