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Bill Wells und National Jazz Trio of Scotland: Weihnachtslieder, vor denen man nicht fliehen muss

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Im Haus der Kulturen der Welt klangen die klassischen Weihnachtslieder mal anders.
Im Haus der Kulturen der Welt klangen die klassischen Weihnachtslieder mal anders.
Foto: dpa

Bill Wells und das National Jazz Trio of Scotland gaben im Haus der Kulturen der Welt ein schönes Adventskonzert. Wen der Fluchtreflex bei „O Christmastree“ oder „Jingle Bells“ packt, der sollte unbedingt diese Interpretationen hören.

Manchmal muss man sich auch selbst mal ein bisschen feiern. Dem Haus der Kulturen der Welt schien die Gelegenheit am vergangenen Freitag günstig, und so spendierte es dem Publikum einen vorweihnachtlichen Gratis-Konzertabend, um die Vinylveröffentlichung von „Über Lebenskunst“ zu begehen, einer Compilation, die aus einem gleichnamigen gesamtkünstlerischen Interventions-Projekt aus dem letzten Jahr entstanden ist. Darin beschäftigten sich visuelle und Performance-Künstler, Musiker und Theoretiker verschiedener Fachgebiete mit der Frage nach dem „guten Leben“ im Zeichen der globalen Krisen.

Hauseigener Chor

Statt der auf dem Album zu hörenden Musiker trat zunächst der große hauseigene Chor unter der Leitung der Berliner Elektrolied-Künstlerin Barbara Morgenstern auf und danach der schottische Pianist Bill Wells. Das neue Programm des Chors widmet sich dem Wald, und tatsächlich hörte man in den modernen Kompositionen sehr nachhaltig, voll dichter Atmosphäre und Seele, die Bäume wogen, das Laub rascheln und die Tannengipfel wispern. Bill Wells andererseits beschäftigte sich der Jahreszeit entsprechend mit Weihnachten und trug passend dazu einen eisgrauen Wallebart um die runden Wangen. Wells arbeitet in einem Feld, das er selbst als „Jazz by default“, Jazz als Versehen, bezeichnet. Dort hört man ihn in diversen Besetzungen, auch mit Musikern aus dem Indiebereich wie dem Arab-Strap-Sänger Aidan Moffat oder mit surrealistischen Pop-Japanern wie Tori Kudo.

An diesem Abend kam er als Leiter des National Jazz Trio of Scotland, das – eigentlich ein Quintett – aus Wells und den Sängerinnen Kate Sudgen, Aby Vulliamy und Lorna Gilfedders bestand und die „Christmas Songs“ ihres ersten Album interpretierte. Wen der Fluchtreflex bei „O Christmastree“ oder „Jingle Bells“ packt, der sollte unbedingt diese Interpretationen hören. Durch ein paar kleine Veränderungen – eine kurz angedeutete Wendung nach Moll zum Beispiel, winzige disharmonische oder metrische Abweichungen – werden sie wie auch hierzulande weniger Gebräuchliches wie „Hark the Herald Angels Sing“ zu eigenartig wehmütigen und seltsam beunruhigenden Liedern, deren federleichte Zerbrechlichkeit dennoch Spuren einer fernen Hymnik trägt.

Winzige disharmonische Abweichungen

Wells kauert an einem roten Keyboard, auf das er sparsamste verschwimmende Akkorde tupft. Die Sängerinnen hauchen die Originaltexte, wobei die wechselnden Leitstimmen ganz sacht von den jeweils anderen umspielt werden, mit ebenso vorsichtigen tonalen Verschiebungen und Schieflagen. Auf einigen Stücken mischt Wells feingesponnene vefremdet elektronische Geräusche und Rhythmen aus dem Laptop dazu, Sudgen klopft leise auf einem hölzernen Xylophon, und Vulliamy zupft und streicht gedämpft auf einer Bratsche, wenn sie nicht mit warmer, dunkler Altstimme Gilfedders oder Sudgens Sopran umschmeichelt – oder lachend aus dem Takt gerät, wenn Wells sie grinsend mit einer Verzögerung überrascht.

Wie in allen besten Momenten von Wells bezaubern auch diese Songs durch eine raffinierte Unschärfe, ein leichthändiges Spiel mit Naivität, Dilettantismus und hochkomplexem Arrangement. Schließlich kommt auch der Chor noch einmal hinzu, um mit einer hinreißenden Version von „Stille Nacht“ diesen wie stets im Haus der Kulturen der Welt ebenso schönen wie überraschenden Abend zu beenden.

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