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Berliner Zeitung | Bob Dylan im Tempodrom: Die Legende von nebenan
25. October 2013
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Bob Dylan im Tempodrom: Die Legende von nebenan

Bob Dylan bei der Arbeit

Bob Dylan bei der Arbeit

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AP/dpa

Bob Dylan ist in der Stadt. Gleich drei Tage hintereinander residiert er im Tempodrom - eine lange Strecke für Berlin, ein kurzer Moment in der Ewigkeit seiner Never Ending Tour, auf die er sich 1988 begeben hat.

In den vergangenen 25 Jahren hat sich der große Trickster der Popgeschichte immer etwas Neues einfallen lassen, die Setlists fröhlich aus den gefühlt 10.000 Songs seines Repertoires zusammengewürfelt und die jeweils ausgewählten Nummern nach aktueller Lust frisiert, zerzaust, geschnitten und gegelt.

Auch am ausverkauften, eröffnenden Donnerstag hatte der Listenreiche sich einen schönen Trick ausgedacht: Er tat einfach so, als sei er nicht der mythische Dylan, den man seit Jahrzehnten als Nobelpreiskandidaten handelt, dessen Werk seinen Forschern mehr Freiheiten und Rätsel bietet als die Bibel oder Thomas Pynchon, der seit Beginn seiner Spätphase mit Grammys, Ehrendoktoraten und präsidialen Orden behängt wird. Er kam vielmehr wie jeder andere Country-Bob, -Dick oder -Harry und wie es die schnörklig patinierten Plakate am Merchandise-Stand erklärten, als „Bob Dylan & his Band – live in Show and Concert“.

Mit enigmatischem Drall

Und er hatte mit „Tempest“ ein aktuelles Album aus dem letzten Herbst dabei, das er dem Publikum ans Herz legen wollte. Immerhin sechs Songs, ein knappes Drittel des Konzerts verbrachte er recht werkgetreu mit dem schönen, lässigen Alterswerk; die restliche Zeit coverte er selbstbewusst eigenwillig ein paar Lieder aus dem 50-jährigen Repertoire des berühmten Folkrockers Bob Dylan. So zum Beispiel gleich zum Einstieg dessen oscarprämiertes „Things Have Changed“ aus dem Soundtrack von „Wonderboys“, das er aus seinem luftigen Rockkontext holte und als kraftvoll swingenden Countryblues spielte. Das Knarren in der Stimme hat er deutlich gefeilt – er singt also - und präsentiert dafür als neuen Spleen ein lustig manieriertes, hell fragendes Abheben zum Ende der Zeilen („A worried man with a worried mi-hind?“), mit dem er auch bekannteren Texten einen durchaus enigmatischen Drall mitgab.

Das Herz- und Titelstück von „Tempest“, ein Shantyviertelstünder über den Untergang der Titanic, ließ er zwar aus, aber die undurchsichtige Bühnendekoration wirkten manchmal - mit camouflageartigen, schutzlackfleckigen oder veralgten Projektionen und ein paar oft nur schwach glimmenden, aber tonnenschweren, rostigen Stahlscheinwerfern vor einem staubig wallenden Bühnenvorhang - als stünde die Band im Laderaum des Schiffs.

Meistens erinnerte der Auftritt allerdings an Robert Altmans „Last Radio Show“, worin sich eine Schar nicht mehr ganz frischer, von der Zeit überholter Provinzroutiniers ein letztes Mal beseelt durch Country, Bluegrass und Blues arbeiten. In schlammfarbenen Anzügen stampfte Dylans Quintett prachtvoll durch das halbhundertjährige, im Original zärtlich akustische „She Belongs to Me“, betonte sinnfällig und mit dunklem Brodeln den auf dem zugehörigen Album nur angedeuteten, bösen Howling-Wolf-Sumpf von „Beyond Here Lies Nothing“ und zerdehnte und zerhackte seltsam sinnfällig „What Good Am I“. Vor allem sein junger Leadgitarrist und der erprobte Drummer achteten dabei mit höchster Aufmerksamkeit auf jede kleine Wendung des Chefs, was zu einem wunderbar präzisen, raffiniert nachlässigen Rumpeln, Wogen und Schuffeln führte.

Kein Konzert, mehrere Sets

Dylan selbst stand in einem dunklen Anzug – es sah aus wie ein bockiger Jeansstoff mit beiger Schulterapplikation und hellen Nähten – breitbeinig wie ein alter Rock’n’Roller vor Mikro oder Piano und zückte gelegentlich die Mundharmonika. Er richtete sogar nach einem zackig heruntergeknurrten „Love Sick“ ein einziges Mal das Wort ans Publikum: „Wir machen jetzt mal Pause, danach geht’s weiter“, knödelte er nach einer Dreiviertelstunde im Abgang über die Schulter. Für Dylan höchst ungewöhnlich gehört die Pause natürlich zwingend zum Konzept – man gibt keine Konzerte, sondern spielt ein paar über den Abend verteilte Sets.

Nicht nur vom naturgemäß begeisterten Publikum sondern auch von mir aus hätten es ruhig noch ein paar mehr sein können, so kurzweilig, charmant und abwechslungsreich hatte der Alte seine insgesamt zwei Stunden gestaltet. Von der brütenden, leicht irren Gewaltfantasie „Pay in Blood“ zu einem zärtlichen „Forgetful Heart“, wofür der tolle Steelgitarrist an die Geige wechselte, vom lustvoll bassgeslappten „Duquesne Whistle“ zum harten Muddy Waters-Rip-Off „Early Roman Kings“, von der schrappenden Moritat „Scarlet Town“ zum schaukelnd folkrockigen Märchenonkeldingens „Blowing in the Wind“ zum Schluss. Auf die Idee, sich irgendwelche Lieblingsklassiker zu wünschen kam man dabei gar nicht – er hätte sie ja ohnehin wie „Tangled Up in Blue“ oder „Simple Twist of Fate“ bis zur Unkenntlichkeit neu gedacht und mit der neuen, seltsam singenden Endsilbenerhebung ins Ungefähre gesungen.

Das Schönste an dieser legendären Figur ist dabei, wie unprätentiös und neugierig sie mit sich und ihrem Werk umgeht. Und darin liegt wohl auch das ganze Geheimnis seiner verwunderlich funktionstüchtigen Zeitenthobenheit, die auch dieses umstandslos beiläufige Programm zu einem überraschenden und ganz großartigen Unterhaltungsabend erhob. Übrigens gibt es für Freitag und Sonnabend auch noch Karten an der Abendkasse.