Neuer Inhalt
Berliner Zeitung | Buchmesse in Leipzig: Internationaler Frühschoppen
20. March 2016
http://www.berliner-zeitung.de/23759446
©

Buchmesse in Leipzig: Internationaler Frühschoppen

Einer liest immer: Buchmesse-Besucher lauschen einer Lesung auf dem „Blauen Sofa“ .

Einer liest immer: Buchmesse-Besucher lauschen einer Lesung auf dem „Blauen Sofa“ .

Foto:

dpa

Leipzig -

Sachsen-Anhalt war nicht das Thema der Buchmesse. Auch Deutschland nicht. Der Wahlerfolg der sachsen-anhaltischen AfD war  ein Randaspekt auf den zahllosen Podien. Von Leipzig aus betrachtet, ist Magdeburg bereits weit weg. Vom Rest der Welt aus beinahe unsichtbar.

Es geht nicht um „das Wort“

Man muss das erwähnen, weil die Messe  gern als Trittbrettfahrer auf politische Reizthemen springt. So blieb es bei dem hilflosen Einfall, die 1 900 zur Messe-Eröffnung im Gewandhaus versammelten Gäste jeweils  zum Hochhalten eines Schildes mit der Losung zu verpflichten: „Für das Wort und die Freiheit“.  Als würden  Wörter nicht  auch lügen, verwischen und vergiften. Es geht nicht um „das Wort“. Es geht um Genauigkeit.
Für die war trotzdem gesorgt. Erstmals hatte die Messe, die gestern mit einem,  na klar, Rekord von 260 000 Besuchern (9 000 mehr als 2015) zu Ende ging, auf einen Länderschwerpunkt verzichtet. Der fehlte so wenig wie er in den Jahren zuvor sichtbar war - und wie es ihn mit Litauen 2017 wieder geben soll. Anders als in Frankfurt sind die Leipziger Länderschwerpunkte nur  Beistell-Themen.

Was ist los mit der Zuwanderung?

Das Thema war Europa.  Fragt sich ja  jeder: Was ist los mit der Zuwanderung?  Was bedeutet das alles? Insofern war es eine kluge Entscheidung, der Messe unter dem Motto „Europa 21“  einen „Denkraum für die Gesellschaft von morgen“ einzurichten. Am Rand der Halle 4 war nicht nur die Luft besser, sondern der Gedankengang frischer. Im Stundentakt war eine stets bestens besuchte Mischung aus Poeten-Sprechstunde, Proseminar und Internationalem Frühschoppen zu erleben. Im Mittelpunkt: Europa und die neuen Nationalismen. Europa und die Flüchtenden. Wohlgemerkt: die Flüchtenden. Nicht: die Flüchtlinge.

Mensch auf Distanz gehalten

Das Wort „Flüchtling“ wird inzwischen so gebraucht, als handelte sich um eine Berufsbezeichnung. Tatsächlich werde mit diesem Wort ein Mensch auf Distanz gehalten, meinen die Schriftsteller, die erfahren haben, wovon sie reden. „Wer erzählt wie von wem?“: Diese Frage diskutierten der  aus Sri Lanka geflohene deutsche Schriftsteller Senthuran Varatharajah, Jahrgang 1984, der mit dem Roman „Vor der Zunahme der Zeichen“ (S. Fischer) als Erzähler debütiert, und seine 1988 in Deutschland geborene Kollegin Shida Bazyar, Autorin des Romans „Nachts ist es leise in Teheran“ (Kiepenheuer & Witsch). Zwei Bücher, die auf  kluge Weise sinnfällig machen, was Flucht und Exil bedeuten: auch im Gelingen immer einen Verlust, stets  ein Ausgesetztsein. „Wer geht“, sagt Shida Bazyr, „dem wird eine Sprache genommen, eine Literatur, die Möglichkeit zum Spiel.“

Autoren als Sprach-Einwanderer

Autoren gehen als Sprach-Einwanderer nicht nur an „die Ränder der Bedeutung der Wörter“, sie leben dort.  Auch als Bürger. „Ich bin immer der Einzige, der am Flughafen aus der Reihe heraus gewunken wird zur Kontrolle“, sagt  Varatharajah.  Da helfe auch kein deutscher Pass. Auf der Buchmesse werde er von Journalisten, die wüssten, dass er ein deutscher Autor ist, auf Englisch angesprochen.  „Das ist keine Frage der Bildung, sondern der Strukturen.“  Bis in die Sprache.  Von der Flucht  als Lawine, Flut oder Strom zu reden, sei üblich, sagt Varatharajah,   als handele es sich um eine Naturkatastrophe. „Selbst wenn der Text anderes sagt, sabotiert die Sprache.“  

Sorgfalt statt Korrektheit

Das Wort „Flüchtling“ mit seiner Verkleinerungs-Endung zeige, dass hier etwas nicht nur nicht wirklich ernst genommen, sondern tendenziell herabgesetzt werde, sagt Shida Bazyar. Flüchtling: wie Lehrling, Schreiberling oder Säugling. Die Autorin spricht von  Flüchtenden. Das hat nichts mit Korrektheit, sondern mit der Sorgfalt zu tun, die Literatur bieten kann.

#allarticles
Die wurde  in Leipzig in gekannter Weise großflächig ausgerollt. 3 200 Lesungen an 410 Orten!  Aber was bedeutet das? Vor allem  ein routiniertes,   überraschungsarmes Programm.  Howard Carpendale („Das ist meine Zeit“, Edition Koch) war tatsächlich der populärste internationale Autor dieser Messe!  Das „Leipzig liest“-Fest schleppte sich zu seinem 25. Geburtstag hin wie ein in die Jahre gekommenes Betriebsvergnügen.

Nur ein Hauch des Kölner Lesefestes

Es ist ja richtig: Der Osten bleibt für den westdeutschen Buchmarkt schwierig. Bücher über 25 Euro sind ein Risiko.  Lesereisen der Stars führen fast durchweg am Osten vorbei. Die deutschen Saison-Autoren wie Stuckrad-Barre kommen nach Leipzig, um  schnell abgefilmt und abgefragt zu werden. Aber nur drei, vier intelligent kuratierte Veranstaltungen, die mehr sind als: ein Autor, eine Leselampe und ein Sitzplatzproblem! Nur ein Hauch des Kölner Lesefestes „Lit. Cologne“: Das würde in Leipzig schon einiges retten.  Dass die Pussy-Riot-Aktivistin Nadja Tolokonnikowa ihr Revolutionsbüchlein nur in Köln und Berlin und nicht in Leipzig - da war doch 1989 was? - bewarb, ist typisch. Sie musste nach Frankreich weiterreisen, wo ihr Buch ebenfalls gerade erschienen ist, teilt der Verlag mit.

Verleger schauen mit Bangen auf den 21. April

Und sonst? Vom  E-Book ist kaum die Rede. Vom Preisverfall im Antiquariatsgeschäft auch nicht, obwohl das  ein Thema wäre.  Bücher des 18. Jahrhunderts gibt es in Folge der Digitalisierung zu Tiefstpreisen. Die Verleger schauen mit Bangen auf den 21. April, auf die Entscheidung des Bundesgerichtshofes, ob die Verlage weiterhin an den Ausschüttungen der VG Wort beteiligt werden oder nicht. Der Verleger Christoph Links spricht von einem „brennenden“ Problem. Sollte das Urteil gegen die Verlage fallen, müssten diese auch die Ausschüttungen der vergangenen drei Jahre zurückzahlen. Bei Links wären das 51 000 Euro auf einen Schlag. Für manche Kleinverlage das Ende. (mz)