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Burgtheater in Wien: Skandal: Ein Billetteur stört beim Feiern

Hier redet keiner ungefragt: das Burgtheater in Wien.

Hier redet keiner ungefragt: das Burgtheater in Wien.

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dpa/Roland Scheidemann

Das Wiener Burgtheater ist groß, alt und wichtig. Das bedeutendste Theater der Welt. Wenn es 125 Jahre alt wird, dann feiert es nicht einfach Jubiläum, dann lädt es zu einem Kongress – groß, wichtig und mit Motto. Es fragt: „Von welchem Theater träumen wir?“ Das ist eine dermaßen gute Frage, dass sich sogar Leute zu einer Meinungsäußerung eingeladen sehen, die gar nicht eingeladen sind. Ach was, denen die Meinung verboten gehört. Die Burg wird sich distanzieren, wie wir später im Text erfahren.

Aber erstmal war die Gelegenheit so günstig und der Billetteur Christian Diaz einfach nur schamlos mutig auf diesem Kongress über Träume. In einer Pause am 12. Oktober nutzte er die Chance. Herr Diaz bat höflichst um Aufmerksamkeit, seine Ansprache sei von einer gewissen Dringlichkeit. Die Billetteure, also Platzanweiser – an der Burg gibt es 44 von ihnen – würden zwar Abend für Abend zur Performance des Theaters beitragen, aber nicht dazu gehören, sagte er. Nicht zur Burg jedenfalls, denn ihr Arbeitgeber sei die dänisch-britische Sicherheitsfirma G4S mit 600 000 Mitarbeitern in 120 Ländern.

Spezialisten im Outsourcing

Die Sicherheitsfirma sei auf kostensparendes Outsourcing öffentlicher Betriebe spezialisiert. Sie unterhalte private Gefängnisse in den USA und England, organisiere Flüchtlingsheime und Abschiebegefängnisse, kümmere sich um den Schutz von Minen seltener Erden in Südamerika und Afrika. Mit Österreich habe es gerade einen 68-Millionen-Euro-Vertrag unterschrieben für ein künftiges Abschiebegefängnis in der Steiermark.

Dann zählte der Wiener Billetteur auf, dass sein Arbeitgeber weltweit für schlecht ausgebildetes und stark unterbezahltes Personal bekannt ist, dass er sich gegen Streiks und Proteste vor allem in afrikanischen Ländern wehren muss, dass Security-Angestellte – also seine Kollegen – bei der Abschiebung des Angolaners Jimmy Mubenga in London so aggressiv vorgingen, dass dieser erstickte.

Schließlich stellte der Billetteur die rhetorische Frage, was diese Outsourcing-Praktiken mit dem Theater zu tun haben. Was das für die Glaubwürdigkeit dieses Theaters bedeutet. – Na nichts, rein gar nichts! Da kann der Herr Diaz lange träumen von einem Theater, das sich gegen Outsourcing-Unternehmen positioniert, weil es die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft fördert. Von einem Theater, das sich über Abschiebung und Unterbezahlung aufregt.

Wo sind wir denn hier? Na, im höchstsubventionierten Theater der Welt. Dort hat die Kuratorin die Rede von Christian Diaz unterbrochen. Nun muss man alles online lesen. Das mal als erstes. Und tags darauf beschwert sich das Theater in einer Stellungnahme, dass sein Logo für ein Flugblatt mit der Rede verwendet wurde, „fälschlicherweise“. Und dass die Firma G4S „immer wieder als gesetzeskonform“ überprüft wurde, jedenfalls in Österreich.

Das sagt die Burg. Über den Redner sagt sie nichts. Arbeitet er weiter als Billetteur? Wurde er gefeuert? „Ja, das wissen wir doch nicht, das ist es doch. Die Billetteure wurden ausgelagert, aus Kostengründen, schon 1996! In ganz Österreich!“ Die Dame in der Pressestelle wirkt sowas von genervt. Und G4S sagt auch nichts.


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