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Berliner Zeitung | Chipperfield im Sudan : David Chipperfield entwirft Museum in der Wüste
13. April 2015
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Chipperfield im Sudan : David Chipperfield entwirft Museum in der Wüste

Das Computermodell zeigt das Museum, entworfen von David Chipperfield .

Das Computermodell zeigt das Museum, entworfen von David Chipperfield .

Foto:

David Chipperfield Architects

Naga -

Es ist noch nicht Hochsommer, aber die Landschaft ist bereits sepiafarben, bräunlich wie auf alten Fotos. Etwa zwei Stunden fährt der Jeep von der sudanesischen Hauptstadt Karthum auf der Autobahn nach Nordosten, in Richtung der ägyptischen Grenze. Dann holpert der Wagen über eine unbefestigte Piste, schlingert durch ausgetrocknete Flussbette, über Sanddünen. Rechts und links ziehen Nomaden mit ihren hochmütige Kamelen und neugierigen Ziegen durch das dornige Gebüsch. Mitten im Nirgendwo tauchen schließlich die Tempelruinen von Naga (auch Naqa) auf: Reste einer antiken Stadt, etwa 30 Kilometer vom Nil entfernt, erbaut etwa 250 vor Christus als Außenposten des historischen Königreichs Kusch.

Naga war ein wichtiges Handelszentrum auf einer Route, über die Karawanen Waren vom Mittelmeer für Schwarzafrika brachten. Die Herrscher von Kusch, die von von 400 v. Chr. bis 300 n. Chr. in Meroe residierten, gründeten die älteste Hochkultur Afrikas südlich der Sahara. Die Ruinen ihrer Städte und Paläste, ihrer Tempelanlagen und Pyramiden finden sich an vielen Orten im Nordosten des Sudan, Naga war die südlichste Stadt dieses Königreichs.

Auf einem Felsplateau inmitten der ausgedehnten Sandfläche, umgeben von antiken Ruinen und den Tierherden der Nomaden, soll ein Museum entstehen – und zwar eines, das der berühmte britische Architekt David Chipperfield entworfen hat. Der deutsche Archäologe Dietrich Wildung, der das Ausgrabungsprojekt seit 1995 leitet, hat Chipperfield für die versunkene Zivilisation der „Schwarzen Pharaonen“ begeistern können, 2008 haben sie zusammen Naga besucht.

Das tempelartige Gebäude, das Chipperfield vorschwebt, soll in traditioneller Weise aus Stampflehm entstehen, angepasst an die Wüstenlandschaft. In dem flachen Bau mit indirektem Tageslicht werden vor allem die Funde aus Naga ihren Platz finden, aber auch Arbeitsräume und Magazine enthalten. Der Baubeginn verschob sich Jahr um Jahr, nun ist die Grundsteinlegung im September geplant.

Berliner Restauratoren am Werk

Das über die Jahrhunderte im Sand versunkene, daher unberührte Naga war erst 1822 von französischen Archäologen wiederentdeckt worden. 1843 schlug sich der deutsche Ägyptologe Karl Richard Lepsius mit einer preußischen Expedition aus Kairo bis hierher durch und zeichnete akribisch die Tempel und Stelen, die noch aus dem Sand ragten. Doch erst 1995 begann ein deutsches Team unter Leitung des Direktors des Ägyptischen Museums in Berlin, Dietrich Wildung, mit systematischen Ausgrabungen.

Es ist ein seltsames Bild: Weit und breit sind nur Sand und struppiges Gebüsch zu sehen. Am nahe gelegenen Brunnen finden sich allmählich Nomaden mit ihren hunderten Schafen, Ziegen und dutzenden Kamelen ein, die sich geduldig einreihen in die lange Warteschlange an der einzigen Wasserstelle im Umkreis von vielen Kilometern. Nur wenige Meter davon entfernt ragen monumentale antike Bauwerke auf, die die deutschen Archäologen seit 1995 freigelegt haben: der Löwen-Tempel mit den Darstellungen von König Natakamani und seiner Königin Amanitore, die ihre Feinde unterwerfen und zu deren Füßen je ein Löwe liegt; die Hathor-Kapelle, die früher als „römischer Kiosk“ bezeichnet wurde und hellenistisch-römische und ägyptische Dekorationselemente verbindet; der Amun-Tempel am Fuße des Naga-Berges, zu dem wieder eine Allee mit zwölf Widdersphinxen führt, die aus den Sandschichten herausgeschält wurden. Die Mauern dieses Tempels werden derzeit von drei Restauratoren einer Berliner Firma gegen Verfall und Wetterunbilden gesichert.

Katar finanziert Projekte

Seit 2013 sind die Ausgrabungen ein Projekt des Ägyptischen Museums in München. Das projekt wird noch immer von Dietrich Wildung geleitet, der pensioniert ist, aber von Naga nicht lassen kann. Felddirektorin ist die Archäologin Karla Kroeper. Bisher seien erst zehn bis 15 Prozent der antiken Anlage erforscht, sagt sie. Ein weiterer Amun-Tempel wird gerade ausgegraben. Etwa zehn Tempel und Paläste müssen noch auf ihre Freilegung warten, ebenso Friedhöfe mit Tumulusgräbern, Wasserbecken sowie die Stadtanlage, die sich über einen Quadratkilometer ausdehnt.

Die Regierung in Khartum fördert nicht nur die Wiederentdeckung der antiken Zeugnisse im Land, sondern auch die Errichtung lokaler Museen wie den geplanten Chipperfield-Bau. Das Interesse der Sudanesen an der antiken Geschichte ihres Landes wächst, erzählt Karla Kröpel. Sie merkt es auch daran, dass immer mehr Busse und Jeeps den Weg nach Naga finden. „Früher kam alle Monate mal jemand vorbei, jetzt besuchen uns fast täglich Touristen oder sudanesische Gruppen“, sagt sie. Sudan profitiere von den Unruhen, die das Nachbarland Ägypten seit Anfang 2011 erschüttern und deshalb seither von Touristen gemieden wird.

Der Sudan hat diese Chance, Besucher ins Land zu locken, erkannt – für den Ausbau der Infrastruktur aber kein Geld. Und westliche Investoren zögern wegen der Sanktionen, mit dem vor allem die USA das Land als angeblichen „Terror-Unterstützer“ strafen.

Es ist Katar, das für den Museums-Bau in Naga etwa drei Millionen Euro geben will. Der Golfstaat unterstützt außerdem etwa 40 Grabungsmissionen im Land, darunter auch die vier deutschen Projekte. Mit katarischem Geld werden die meroitische Stadt Hamadab ausgegraben und erforscht, die Pyramiden im königlichen Gräberfeld von Meroe vor dem Verfall bewahrt, in Khartum soll das Nationalmuseum saniert werden. Und mit Hilfe der Erdöl-Dollars wird eben auch das Museum in Naga gebaut, für das David Chipperfield kostenlos die Pläne entwarf.